Touristenhit Göttinger Karzer: Wo Bismarck büßen musste

Karzer-Romantik: Hausmeister Otfried Windel in roter Robe als Pedell kostümiert, zeigt die Räume im früheren Uni-Gefängnis. Foto: Niesen

Göttingen. Das frühere Göttinger Studentengefängnis, der sogenannte Karzer, hat sich zu einem Touristenhit entwickelt, seit die Räume in der Aula am Wilhelmsplatz vor zehn Jahren restauriert worden ist.

Die Universitätsrichter haben in den knapp 200 Jahren des Bestehens zwischen 1735 und 1933 rund 24.500 Straf- und Disziplinarmaßnahmen gegen Studenten verhängt und über 34.500 Karzertage verhängt.

In den letzten Jahren seines Bestehens gehörte es für viele Studenten schon fast zum guten Ton wenigstens für einige Tage im Karzer gewesen zu sein, heißt es in einer Broschüre der Uni. Der „Karzerhaftzettel“ sei zu einem begehrten studentischen Erinnerungspapier geworden. Als die Uni-Leitung dies erkannte, schloss sie die Räume, die ein Student 1902 ironisch zum „Hotel zur akademischen Freiheit“ erhöht hatte.

Prominentester Insasse

Der prominenteste Insasse Karzers war der wohl bedeutendste Politiker des 19. Jahrhunderts im damaligen Deutschen Reich, Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 bis 1898). Neunmal stand der Student der Rechte, der 1832 nach Göttingen kam, vor dem Universitätsrichter: 18 Tage musste er im Karzer verbüßen – allerdings im mittlerweile abgerissenen Konzilienhaus.

Die zwölf Karzerräume an der Rückseite des Westflügels der Aula am Wilhelmsplatz entstanden erst mit dem Neubau der Aula von 1837 an.

Erstmals kam Bismarck mit der Obrigkeit in Konflikt, weil er leere Flaschen aus dem Fenster geworfen hatte. Weitere Vorwürfe gab es wegen seiner Beteiligung an unerlaubten Duellen oder wegen Rauchens auf der Straße. 

Die Karzertür, in der er seinen Namen einritzte, blieb erhalten und befindet sich heute im Besitz der Stadt Göttingen. Nach drei Semestern verließ Bismarck Göttingen in Richtung Berlin: Wohl nicht ganz freiwillig, so die Uni-Darstellung.

Uni-Romantik ist das, was heute am Karzer reizt: Die Vorstellung des trinkfesten, gerne mal über die Stränge schlagenden Studenten, der jede Gelegenheit nutzt, um sich selbst darzustellen. Heute werden dazu oft die sozialen Medien genutzt, damals waren es die Wände des „Hauses der akademischen Freiheit“, wie ein Student den Karzer auf einer Zimmerwand nannte: Es wurde gezeichnet, gereimt und gemalt, was das Zeug hielt.

Der Göttinger Student der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Ernst Hahne (21) hat natürlich nicht selbst nicht im Karzer gesessen, aber sein Großvater Ernst: 1910 wurde über ihn der Arrest verhängt, weil er unerlaubterweise in einem Brunnen gebadet hatte.

Auch der Vater vom jungen Ernst Hahne, Dr. Gert Hahne, ist vom Karzer fasziniert: Der ehemalige Pressesprecher der Uni, heute in Diensten des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums, hat über die sozialhistorischen Hintergründe des Karzers seine Doktorarbeit geschrieben. 

Stadtführung gewährt Einblicke

Die Besichtigung des historischen Karzers am Wilhelmsplatz ist nur während einer Stadtführung möglich. Diese können über die Tourist-Information im Alten Rathaus gebucht werden. Im Lauf der Jahre nach der Schließung hatten Licht und Feuchtigkeit ihre Spuren im Karzer hinterlassen. Nur durch eine umfangreiche Restaurierung konnten die Räume vor dem Verfall gerettet werden. Möglich wurden sie unter anderem, weil viele private Spender halfen. (zhp) 

Kontakt: Tourist-Information Göttingen, Anja Czarny, Tel. (05 51) 4 99 80 12, E-Mail: tourismus@goettingen.de 

www.goettingen-tourismus.de/erleben/stadtfuehrungen.html

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