Transplantationsskandal: Ein Prozess mit vielen Scharmützeln

Transplantationsskandal-Prozess in Göttingen: Der angeklagte Mediziner muss sich wegen versuchten Totschlags in elf Fällen und wegen Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen verantworten. Die Verteidigung plädierte für Freispruch. Von links Ulf Haumann, Dr. Jürgen Hoppe und Prof. Dr. Steffen Stern. Foto: Jelinek/nh

Göttingen. Der Prozess um den Transplantationsskandal vor dem Landgericht Göttingen war auch noch von anderen Verfahren und Scharmützeln begleitet. Auch die Verteidigung des angeklagten Chirurgen war dabei aktiv.

• So stellte der Göttinger Rechtsanwalt Professor Steffen Stern Strafanzeige gegen die Bundesärztekammer. Er wirft der Ärztevertretung vor, mit ihren Richtlinien zur Organvergabe gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes zu verstoßen. Das Verfahren ist noch bei der Staatsanwaltschaft Berlin anhängig.

• Außerdem stellte Stern Strafanzeigen gegen den neuen Leiter der Transplantationschirurgie am Uni-Klinikum. Er hatte nach seinem Antritt Patienten von der Warteliste für gestrichen, weil diese nicht die geforderten Kriterien für eine Meldung bei der Vergabestelle Eurotransplant erfüllt hätten. Nach Ansicht des Verteidigers war die unter der Ägide seines Mandanten vorgenommene Listung gerechtfertigt, weil die Gefahr bestanden habe, dass die Patienten ohne ein Spenderorgan versterben würden.

• Nachdem einer der von der Liste gestrichenen Patienten verstorben war, beantragte der Verteidiger einen Tag vor dem Beerdigungstermin dessen Obduktion. Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff lehnte ab. Ihren Angaben zufolge hatte der Patient in einem Telefonat erklärt, dass er eine Transplantation abgelehnt hätte und dies auch gerne vor Gericht bekunden würde. Die Kammer lud ihn aber nicht als Zeugen vor.

• Im vergangenen Sommer kam es zu einem Eklat. Die Staatsanwaltschaft stellte einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Ralf Günther. Sie warf ihm vor, dass dieser die Vorgänge, die zur Ablösung eines Schöffen geführt hatten, nicht korrekt dargestellt habe. Der Antrag wurde aus formalen Gründen abgelehnt.

Neben den Braunschweiger Strafverfolgern hat auch die Staatsanwaltschaft Regensburg ein Verfahren gegen den Göttinger Transplantationschirurgen eingeleitet, der zuvor am Uni-Klinikum Regensburg tätig gewesen war. Die Ermittler dort gehen 43 Verdachtsfällen aus der Zeit nach.

Inzwischen ist auch gegen einen weiteren Transplantationsmediziner Anklage erhoben worden. Die Staatsanwaltschaft München hat einen früheren Oberarzt des Klinikums Rechts der Isar wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Es soll zu Manipulationen der Warteliste gekommen sein.

Auch rund um den Göttinger Transplantationsskandal sind noch weitere Verfahren anhängig. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen einen damaligen Transplantationschirurgen sowie den früheren Leiter der Abteilung Gastroenterologie und Endokrinologie, gegen den ein weiteres Strafverfahren wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge anhängig ist. Der frühere Chefarzt soll einen später verstorbenen Krebspatienten falsch behandelt haben.

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