Gekürzte Fassung ist 598 Seiten stark

Transplantationsskandal: Schriftliches Urteil liegt vor

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Vor den Plädoyers im Landgericht: der inzwischen frei gesprochene Arzt (2.v.r.) mit seinen Verteidigern (von links) Ulf Haumann, Jürgen Hoppe und Steffen Stern.

Göttingen. Neun Monate nach dem Prozess um den Transplantationsskandal am Göttinger Uni-Klinikum hat das Landgericht eine gekürzte und anonymisierte Fassung des Urteils vorgelegt.

Die jetzt veröffentlichte Fassung des Urteils wurde um etwa die Hälfte gekürzt und umfasst 598 Seiten. Die Kürzungen seien im Hinblick auf schutzwürdige Interessen des Angeklagten vorgenommen worden, teilte ein Gerichtssprecher mit. Sämtliche Aspekte, die für die Entscheidung der Kammer maßgeblich gewesen seien, seien aber in der gekürzten Fassung enthalten.

Die Schwurgerichtskammer hatte im Mai 2015 den früheren Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie frei gesprochen. Das Gericht war am Ende des 20 Monate dauernden Prozesses zu dem Ergebnis gekommen, dass der Angeklagte sich in keinem der insgesamt 14 angeklagten Fälle strafbar gemacht habe.

Die Staatsanwaltschaft hatte dagegen acht Jahre Haft und ein lebenslanges Berufsverbot gefordert. Ihrer Ansicht nach hat sich der Chirurg in elf Fällen des versuchten Totschlages sowie in drei Fällen der vorsätzlichen Körperverletzung mit Todesfolge strafbar gemacht. Er sei dafür verantwortlich, dass an der Göttinger Universitätsmedizin systematisch Patientendaten manipuliert und falsche Angaben gegenüber der Organverteilungsstelle Eurotransplant gemacht wurden. Damit habe er billigend in Kauf genommen, dass andere Patienten auf der Warteliste nach hinten rutschten und der Gefahr des Todes ausgesetzt wurden. Außerdem habe der Angeklagte drei Patienten eine Leber eingepflanzt, ohne dass dies indiziert gewesen sei. Die Patienten waren später an Komplikationen verstorben.

Einer der Hauptgründe für den Freispruch war, dass die Richter mehrere Richtlinien der Bundesärztekammer, gegen die der Angeklagte verstoßen hatte, für „evident verfassungswidrig“ halten. Die Richtlinien schreiben unter anderem vor, dass alkoholkranke Patienten nur dann eine Spenderleber erhalten dürfen, wenn sie sechs Monate lang trocken waren.

Die Staatsanwaltschaft hat gegen das Urteil Revision eingelegt. Dies hat zur Folge, dass sich demnächst der Bundesgerichtshof (BGH) mit dem Fall beschäftigen wird. Da es bislang keine höchstrichterliche Rechtsprechung zu diesen Fragen gibt, wird das Votum des zuständigen BGH-Senats in Leipzig auch andernorts mit großer Spannung erwartet. Die Entscheidung wird noch längere Zeit auf sich warten lassen. Nach Angaben einer Sprecherin liegt der Fall dort noch gar nicht vor.

Auch ein zweites Verfahren gegen den Göttinger Chirurgen zieht sich in die Länge. Man warte noch auf ein Sachverständigengutachten, teilte ein Sprecher mit. Der Chirurg war vor dem Wechsel nach Göttingen an der Uniklinik Regensburg tätig gewesen. Auch dort soll es zu Manipulationen gekommen sein. 

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