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Tuberkulose: Mit Afrika im Kampf gegen Killer-Infektion

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Von: Thomas Kopietz

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Forschen in Afrika: Mit verschiedenen Partnern in Südafrika und anderen Länder, wo die Tuberkulose weiter viele Opfer fordert, arbeitet der Göttinger Professor. Stefan Kaufmann auch an einem neuen Impfstoff.
Forschen in Afrika: Mit verschiedenen Partnern in Südafrika und anderen Länder, wo die Tuberkulose weiter viele Opfer fordert, arbeitet der Göttinger Professor. Stefan Kaufmann auch an einem neuen Impfstoff. © MPI/nh

Tuberkulose ist die tödlichste Infektionskrankheit. Auch als „Schwindsucht“ betitelt, raffte sie in 200 Jahren eine Milliarde Menschen dahin. Ein Göttinger ist weltweit ein Spitzenforscher, erprobt einen neuen Impfstoff.

Göttingen/Südafrika – Bislang gibt es nur den Impfstoff BCG gegen die weiterhin tödlichste Infektionskrankheit weltweit: Tuberkulose. BCG wirkt aber nicht gegen alle Tuberkulosearten. Besonders für Säuglinge und Immungeschwächten wird ein effektiver Impfstoff benötigt, auch gegen die Lungentuberkulose in allen Altersgruppen.

Der Göttinger Professor Stefan H.E. Kaufmann vom Max-Planck-Institut für multidisziplinäre Naturwissenschaften forscht seit vier Jahrzehnten an Impfstoffen und Medikamenten gegen Tuberkulose. Mit Erfolg: Er hat mit seinem großen internationalen Team einen neuen Impfstoff-Kandidaten entwickelt: VPM1002 wirkt bei Neugeborenen mit und ohne HIV-Exposition gleich sicher, hat dabei weniger Nebenwirkungen als BCG, wie eine neue Studie, die auch mit Partnern in Südafrika erstellt wurde, zeigt Jetzt geht es darum zu prüfen, ob VPM1002 auch stärker schützt.

Die Studie in den Sub-Sahara-Ländern Afrikas mit tausenden von Teilnehmern sei nun bereits seit drei Jahren in einer Phase-III-Studie auf Schutz gegen Tuberkulose in Kleinkindern, die beobachtet werden. „Die gerade publizierte Arbeit zeigt, dass unser Impfstoff in Kleinkindern und selbst in HIV-exponierten Kindern außerordentlich sicher ist und auch die Immunantwort in Neugeborenen stimuliert“, schildert Kaufmann, und fügt an: „Aber der neue Impfstoff VPM1002 ist nicht nur für neugeborene Kinder gedacht, sondern auch für Erwachsene“, sagte Kaufmann.

In Indien läuft eine groß angelegt Studie mit dem Impfstoff. Sie überprüft den Schutz gegen Tuberkulose bei Erwachsenen. Ergebnisse seien in etwa zwei Jahren zu erwarten. Insgesamt ist Top-Forscher Kaufmann optimistisch, dass der neue Impfstoff auch die letzte Hürde, eben jene Schutzstudien gegen Tuberkulose nimmt.

Würde diese Hürde übersprungen, dann könnte es mit der Einführung zügig gehen. „Unsere Partner in Indien (Serum Institute of India) sind schon in der Lage, den Impfstoff in größten Mengen zu produzieren“, sagt Kaufmann. Auch stünden sie mit der indischen Regierung in Verhandlungen, wie der Impfstoff schnellstmöglich zum Einsatz kommen kann. Kaufmann hofft, dass „in drei bis vier Jahren klar wird, ob der Impfstoff erfolgreich ist und dass in vier bis fünf Jahren die Zulassung erteilt werden kann“.

Die Zusammenarbeit mit den Forschenden in Südafrika (so vom Tygerberg Academic Hospital und South African Medical Research Councel sowie der University of the Witwaterstrand, Johannesburg) sei zwangsläufig entstanden, wie Kaufmann sagt: „Wer mit der Tuberkulose arbeitet, kommt natürlich immer mit Klinikern und Wissenschaftlern in den Ländern in engen Kontakt, wo die Krankheit besonders wütet.“ Ein Kontakt mit Sub-Sahara Afrika und Südafrika entwickelte sich, als er Leiter eines Riesen-Projekts war. Mit Förderung der „Bill & Melinda Gates Stiftung“ liefen mit afrikanischen Partnern Untersuchungen zum Tuberkulose-Schutz. Ziel war, festzustellen, ob voraussagbar ist, welche latent infizierten Menschen, also Menschen, die infiziert aber gesund sind, später eine aktive Tuberkulose entwickeln werden. Transkriptions- und Metabolom-Analysen ergaben „gute Hineise erhalten, dass eine Kombination aus bestimmten Signalen wie Blutwerten voraussagen kann, wer unter den Infizierten krank wird und wer gesund bleibt“, so Kaufmann, der schließlich „seine“ Max-Planck-Gesellschaft von der Wichtigkeit überzeugte, eigenständige Forschergruppen in Südafrika aufzubauen, um dort Infektionskrankheiten zu studieren. Dort arbeiten nun zwei Gruppen in Durban (Südafrika), „hoch erfolgreich zu Problemen der Tuberkulose, HIV/AIDS und Corona“. Die Partner vom Serum Institute of India und Vakzine Projekt Management hätten zudem exzellente Kontakte mit Sub-Sahara Afrika. Unter dem Strich stehe „diese ausgezeichnete Arbeitsgruppe“, so Stefan Kaufmann, dem besonders wichtig ist, zu betonen, „dass Nord und Süd auf Augenhöhe kommunizieren und handeln“. Resultat sei das „richtige Arbeitsklima einer nachhaltigen Forschungsstrategie“. Der Impfstoff VPM1002 wird laut Kaufmann übrigens in Sub-Sahara-Staaten getestet, nicht nur in Südafrika. „Insgesamt sind es elf klinische Studienzentren in fünf verschiedenen Ländern (vier in Südafrika, zwei in Tansania, zwei in Kenia, zwei in Uganda, eines in Gabun). (Thomas Kopietz)

Hintergrund: Tuberkulose, die schlummernde Gefahr für Menschen – auch für Löwen in Südafrika

Der Erreger ist seit gut 125 Jahren bekannt. In Europa und Nordamerika war um 1900 die Tuberkulose dennoch Killer Nummer Eins – verursachte ein Drittel aller Todesfälle in den Metropolen wie Berlin, Paris und London. In 200 Jahren gab es im Schnitt rund fünf Millionen Tote. Das entspricht etwa der Zahl der jährlichen Todesfälle für Covid-19. Der Mediziner Robert Koch klärte den Infektionsvorgang im 19. Jahrhundert auf, entwickelte den Tuberkulin-Test: Bakterienprodukte werden in die Haut gespritzt, entsteht ein starker roter Fleck, heißt das: Infektion oder Impfung. Der Impfstoff BCG wurde früh entwickelt und vier Milliarden Mal verabreicht. In Westeuropa wurde die Tuberkulose deutlich zurückgedrängt und seit den 1920er-Jahren nimmt sie in Westeuropa und den USA stetig ab, außer während der Weltkriege. 2006 wurden 5400 Tuberkulosefälle in Deutschland gemeldet, 600 Menschen starben. Übrigens: Tuberkulose wütet auch bei Löwen: In Südafrika sterben jährlich etwa 25 der 2200 Tiere im Krügerpark daran. (tko)

Forscher Kaufmann: „Krieg und Armut treiben Tuberkulosezahlen hoch“

Mit Stefan H.E. Kaufmann über Infektionskrankheiten zu sprechen, ist wie Auskünfte aus einer Enzyklopädie abzurufen. Er ist Gründer des MPI für Infektiologie Berlin, forscht jetzt auf seinem Spezialgebiet mit einer Gruppe am MPI für multidisziplinäre Naturwissenschaften Göttingen.

Herr Professor Kaufmann, Tuberkulose ist eine seit Langem bekannte Infektionskrankheit. Fliegt sie momentan unter dem Gefahrenradar?

Weltweit ist die Tuberkulose weiter ein riesiges Gesundheitsproblem, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, in Indien, China und Indonesien. 2021 verstarben weltweit 1,5 Millionen Menschen und zehn Millionen Menschen erkrankten neu an Tuberkulose. Die Tuberkulose war in Europa schon immer da und nimmt seit den 1920er-Jahren – unterbrochen vom 2. Weltkrieg – kontinuierlich ab. Da verschwindet sie natürlich leicht vom Radarschirm der Menschen und der Gesundheitspolitik.

Wie viele Menschen leiden weltweit unter Tuberkulose-Infektionen und -Folgen?

Weltweit sind geschätzt knapp 2 Milliarden Menschen mit dem Tuberkuloseerreger infiziert. Nicht alle erkranken aber, sondern nur zehn bis 20 Prozent im Laufe ihres Lebens. In Deutschland wurden 2019 knapp 5000 Krankheitsfälle gemeldet. Im Gegensatz zu Covid-19 werden die Infektionszahlen nicht registriert, sondern nur die – meldepflichtigen – Erkrankungen . Wir müssen daher davon ausgehen, dass die Zahl der Infizierten deutlich höher liegt, also geschätzt bei einigen Zehntausend.

Warum erkranken nicht alle Infizierten?

Wenn ein Mensch mit dem Erreger infiziert ist, kann dieser von einem gesunden Immunsystem meist kontrolliert werden. Die Infektion führt also nicht notwendigerweise direkt zur Erkrankung.

Das ist ja ähnlich wie bei einer Corona-Infektion, oder?

Ja. Im Unterschied zu einer Corona-Infektion ist die Infektion mit dem Tuberkuloseerreger allerdings nicht ansteckend. Wir sprechen dann von einer latenten Tuberkulose. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht aber ist: Gleichzeitig gelingt es den Infizierten im Körper nicht, den Erreger abzutöten, so dass dieser meist lebenslang im Körper persistiert. Unter Stress oder Immunschwäche kommt es zum Krankheitsausbruch. Beispiele sind die deutlichen Anstiege nach den Weltkriegen, aber auch deutlich höhere Erkrankungsraten unter Stress-Situationen wie derzeit in der Ukraine oder bei Flüchtlingen allgemein.

Wie können die Tuberkulosearten heute schon behandelt werden?

Die Tuberkulose kann chemotherapeutisch – also mit Medikamenten – behandelt und geheilt werden. Die Behandlung ist aber aufwändig, und man braucht vier Medikamente, die über ein halbes Jahr verabreicht werden. Da kommt es auch zu Unregelmäßigkeiten. Zudem nimmt weltweit die Zahl der multiresistenten oder komplett resistenten Stämme zu. Heute ist die Tuberkulose die häufigste Form der antimikrobiellen Resistenz weltweit.

Ist die multiresistente Tuberkulose heilbar?

Prinzipiell ja, aber die Behandlung dauert häufig bis zu zwei Jahre. Solch ein Patient muss im Laufe der Zeit etwa 15 000 Pillen schlucken; Einige Medikamente müssen gespritzt werden. Insbesondere in den Hochinzidenz-Gebieten wie Indien, Indonesien und Ländern Afrikas ist die Medikamentenversorgung oft ungenügend, also können die Kranken nicht geheilt werden. Die resistenten Erreger werden sich weiter ausbreiten. Nicht nur in den genannten Hotspots nimmt die Zahl der hochresistenten Erreger zu, sondern auch in Osteuropa. Das ist ein großes Problem, auch für uns in Deutschland, denn die Behandlung ist aufwändig und oft nicht erfolgreich.

Welche Gefahr geht von Tuberkulose aus?

In erster Linie ist die Tuberkulose eine Krankheit der Länder mit geringen bis mittleren Einkommen, wo viele Menschen nicht die benötigte Fürsorge erhalten. Während der Covid-19 Krise 2020 sank die Zahl der Tuberkulosefälle in vielen Ländern wie Südafrika, Indien und Indo

Mikrobiologe und Infektionsforscher: Prof. Stefan H.E. Kaufmann forscht an einem Göttinger MPI.
Mikrobiologe und Infektionsforscher: Prof. Stefan H.E. Kaufmann forscht an einem Göttinger MPI. © Thomas Kopietz

Zur Person: Prof. Stefan H.E. Kaufmann

Prof. Stefan H.E. Kaufmann (74), geb. in Ludwigshafen, wurde 1977 an der Uni Mainz promoviert, habilitierte in Immunologie und Mikrobiologie (FU Berlin). arbeitete bis 1998 an der Uni Ulm, danach an der Charité. Seit 1993 ist er Direktor (seit 2019 emeritiert) am Berliner MPI für Infektionsbiologie. Er forscht jetzt am MPI für multidisziplinäre Naturwissenschaften und hat rund 900 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. (tko)

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