Autorin Astrid Seville

Über den Sound der Macht: Krise der Sprache und Krise der Politik 

Junge Poltik-Autorin: Astrid Seville kommt am Freitag zum Göttinger Literaturherbst. Es gibt noch Karten. Foto: Christoph Mukherjee/nh

Göttingen: Sie entlarvt die Sprache der Politiker und in der Politik: Astrid Seville kommt am Freitag zum Literaturherbst. Eine Rezension ihres Buches.

Astrid Seville ist frustriert über den Zustand der Politik in Deutschland und über die Sprache vieler Politiker, die nach Meinung Sevilles „keiner mehr hören will“. Die Krise der Politik und Parteien ist auch die der Sprache geworden – und umgekehrt. Davon handelt das gerade erschienene Buch „Der Sound der Macht“ der Politikwissenschaftlerin.

Darin entlarvt Seville die Politikersprache als langweilig, bürokratisch und von Floskeln durchsetzt. Die Autorin hört hin und zerlegt diese Politiksprache. Die Genauigkeit der Analyse ist das Besondere an diesem Buch, das allerdings auch längst Bekanntes enthält.

Etwa die Wiederholungsrate der Floskeln: Jede Nachrichtensendung offenbart die sprachliche Armut, aber auch die Distanz zum normalen Menschen auf der Straße. Die Politiker aber machen weiter mit ihren Platitüden. Beispiele: Man müsse sich der Sorgen der Bürger annehmen, sie ernst nehmen. Man müsse seine Hausaufgaben machen und die Nähe zu den Menschen wieder herstellen.

Die ist weg, auch, weil viele der Politiker keine Kontroversen mehr wagen, nur Standpunkte austauschen, wie in Talkshows. Politik ist alternativlos, diese These sei von Kanzlerin Merkel kultiviert worden, schreibt Seville und beklagt Merkels „Politik der Schonung“.

Alternativlose Politik führt zu Frustration, kann aber auch Unterschiede deutlich machen. Denn jeder, der die vorgegebene Lösung anzweifelt, macht sich verdächtig. Übt der auch noch Kritik, wird er gern – je nach Thema – schnell als „Schmarotzer“ oder „EU-Feind“ dargestellt.

Das analysiert die Autorin treffend. Neu sind diese Erkenntnisse jedoch nicht. Der Ansatz aber, über das exakte Hinhören und die Untersuchung der Sprache, Politikern Spiegel und Lautsprecher vorzuhalten, ist besonders und gelungen.

Manche These muss man nicht teilen. Für Seville ist etwa das Reden mit Menschen am rechten Rand kein probates Mittel. Sie seien nicht von ihren Meinungen abzubringen. Daraus zu schließen, die Aussage, man müsse „mit Rechten reden“, sei für Politiker auch nur wieder eine Floskel, ist durchaus resignativ.

Seville selbst fühlt sich manchmal als Therapeutin für ratlose, enttäuschte Bürger, wenn sie sich als „Politikwissenschaftlerin“ outet. Dann hört die Autorin öfter: „Wenn soll man denn noch wählen?“ Und der Fragende erwartet eine Antwort. Was Astrid Seville dann sagt, ist nicht bekannt, vielleicht weiß sie es schlicht nicht.

Wer sich wie sie mit der Sprache in der Politik beschäftigt, könnte leicht zu diesem Schluss kommen. (tko)

Astrid Seville, „Der Sound der Macht – Eine Kritik der dissonanten Herrschaft“, C.H.Beck, München, 192 S., 14,95 Euro.

Astrid Seville liest am 19. Oktober beim Göttinger Literaturherbst ab 19 Uhr im Alten Rathaus. Karten kosten im Vorverkauf 14, ermäßigt elf Euro. www.literaturherbst.com

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