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UMG-Kinderklinik in Göttingen ist überbelegt: „Kinder haben keine Lobby“

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Von: Thomas Kopietz

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Auf der Kinderintensivstation der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) werden auch Frühchen von Pflegerinnen versorgt.
Hochspezialisierte Versorgung: Auf der Kinderintensivstation der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) werden auch Frühchen von Pflegerinnen versorgt. (Archivbild) © UMG/NH

Alarmstufe Rot in Deutschlands Kindermedizin: Kinderärzte und Notaufnahmen sind überlastet, Kliniken voll. Auch in Göttingen ist die Lage angespannt.

Göttingen – Eine aktuelle Umfrage in Deutschen Kliniken zur Situation der Kinder- und Jugendmedizin und der verfügbaren Betten auf Stationen sorgte für einen Aufschrei. Es fehlen Betten, auch auf Intensivstationen.

Ein Grund: Wegen Personalmangel stehen bis zu 40 Prozent der Betten nicht zur Verfügung. Die Lage bei der stationären Versorgung von Kindern wird von Medizinern in Deutschland deshalb zwischen „angespannt“ und „katastrophal“ eingeschätzt. Die Situation ist regional aber unterschiedlich.

Mediziner schlagen Alarm: Lage in Kinderkliniken zwischen „angespannt“ und „katastrophal“

„Tatsache ist auch, dass „Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“, sagte der Leitende Oberarzt der Kinderintensivmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), Michael Sasse, gegenüber dem NDR.

Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) meldete Ende vergangener Woche, dass die Situation für das Bundesland Niedersachsen „ausgesprochen ernst“ sei. Behrens zufolge waren von 241 Intensivbetten für Kinder am Donnerstag noch 66 Betten frei, die meisten davon für Neugeborene.

Es komme deshalb vor, „dass eine andere Klinik aushelfen muss, wenn die nächstgelegene ausgelastet ist“. Zudem seien laut Behrens die Zahl der Infektionen auch mit dem RS-Virus steigend.

Zu viele Patienten in der Kindermedizin: Kliniken müssen sich untereinander aushelfen

Die enorme Welle von Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) habe die Situation noch einmal verschlimmert, bilanziert MHH-Mediziner Sasse. „Jetzt werden drei Jahrgänge von Kindern diese Infekte durchmachen, weil sie ohne Mundschutz durch die Gegend rennen“, sagte er mit Blick auf die aufgehobenen Corona-Beschränkungen.

Das überfordere die Kliniken in „totaler Weise“. Teils würden Kinder auf Normalstationen behandelt, die eigentlich auf Intensivstationen gehörten. Die Mediziner verweisen generell aber auch darauf, dass viele der Infektionen zu Hause auskuriert werden könnten.

Aktuelle Infektionswelle bei Kindern: Viele Erkrankungen können zu Hause auskuriert werden

An der Uni-Medizin Göttingen (UMG) meldet die Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin eine „angespannte Lage“. Wir sprachen mit der renommierten Kinder- und Jugendmedizinerin Prof. Dr. Jutta Gärtner.

Prof. Dr. Jutta Gärtner, UMG-Direktorin Kindermedizin.
Prof. Jutta Gärtner UMG-Direktorin Kindermedizin © Privat

Frau Gärtner, die stationäre Versorgungslage von Kindern in deutschen Kliniken wird teilweise als katastrophal bezeichnet. Wie ist die Situation in der größten Kinderklinik der Region an der UMG?

Die Situation ist auch an der UMG angespannt – sowohl in der Kinderklinik als auch auf der Kinderintensivstation. Insgesamt sind seit etwa vier Wochen die Stationen der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin durchgängig überbelegt. Hinzu kommt, dass in unserer Notaufnahme den ganzen Tag über eine von uns teilweise nicht zu bewältigende Anzahl von Kindern mit Infektionen erscheinen, die eigentlich von den niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten versorgt werden können und sollen. Da die Praxen den hohen Ansturm nicht bewältigen können, werden die Eltern an die Kinderklinik der UMG verwiesen. Die Kinderklinik ist für diese Art von Versorgung personell und räumlich aber nicht ausgestattet. Die Versorgung geht auf Kosten stationärer Patienten.

Werden junge Patienten in der UMG abgewiesen, müssen sie andernorts behandelt werden? Muss die UMG verstärkt Kinder aus anderen Kliniken im Radius von 50 Kilometer aufnehmen?

Wir haben bislang Patienten aus unserem Einzugsbereich nicht abgewiesen – wir haben wie gesagt die Stationen überbelegt. Auch einzelne Kinder und Jugendliche aus dem Umkreis, so aus dem Eichsfeldklinikum in Heiligenstadt, wurden übernommen.

Findet eine Triage statt? Wenn ja, welche Erkrankungen werden zurzeit nicht oder eingeschränkt behandelt? Werden gar – wie in anderen Kliniken – Operationen verschoben, wenn drastische Fälle versorgt werden müssen?

Eine Triage findet für jeden Patienten, der in die Notfallambulanz kommt, statt. Wir mussten aufgrund von Bettenknappheit bereits elektive Patienten, unter anderem Operationen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich verschieben und Behandlungen wie die Lasertherapie Hämangiome ausbestellen und verlegen.

Welche Rolle spielen Viruserkrankungen? Die Rede ist von einem Nachholbedarf bei Infektionen, nachdem wir während Corona besser geschützt waren?

Bei uns sind nicht nur RSV-Infektionen, sondern verschiedenste Infektionen der Atemwege, darunter Pneumonien, Bronchiolitiden, aber auch Harnwegsinfektionen und Gastroenteritiden in Behandlung.

Gibt es generell zu wenig Kinderklinik-Betten in Deutschland, oder schlägt das Problem durch: grundsätzlicher Personalmangel und hoher Krankenstand?

Die Krankenstände sind unter Ärzten und Pflegepersonal derzeit eher hoch. Auch sie plagen sich verstärkt mit Atemwegsinfekten und Betreuen zu Hause ihre kranken Kinder. Das Thema Kinderklinik-Betten ist ein Politikum.

Was ist zu tun – in Kliniken, wie auch von der Politik –, um die schwierige Situation in der Kindermedizin, bei Kinderklinikbetten zu verbessern? Ist die Kindermedizin, im Vergleich zu anderen Bereichen, unterversorgt, zu wenig gefördert? Fehlt es an der Lobby?

Die Unterfinanzierung der Kindermedizin im DRG-System ist seit Jahren bekannt und Lösungen sind schon lange in der Bearbeitung. Ab Januar 2023 soll es eigentlich zusätzliche Mittel für diesen Bereich geben. Diese wird jedoch kritisch gesehen, da dieser Gesamttopf nicht nur Kinderkliniken zugutekommen soll, sondern auch Erwachsenenkliniken, die Kinder versorgen. Dass Kinder keine Lobby haben, hat sich zum Beispiel auch in der Corona Pandemie gezeigt.

Uni-Klinik-Kinderintensivstation: 7 von 20 Betten derzeit geschlossen

Die Situation auf der Kinderintensivstation an der UMG ist ebenfalls angespannt, wie UMG-Sprecher Stefan Weller auf Anfrage mitteilt. Die Kinderintensivstation der Klinik fürt Pädiatrische Kardiologie, Intensivmedizin und Neonatologie der UMG versorgte am Freitag drei Kinder wegen Atemwegserkrankungen.

Zudem sind dort nicht alle vorhandenen Betten belegbar. „7 von 20 Betten sind aufgrund von Personalausfällen geschlossen“ – also 13 verfügbar. Laut UMG können bislang jedoch alle Kinder versorgt werden, kein Kind musste von der Kinderintensivstation in ein anderes Krankenhaus verlegt werden.

Das ist in anderen Orten und Krankenhäusern anders – so verlegte die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) bereits in andere Kliniken. Ein Kind wurde am Freitag ins 150 Kilometer entfernte Magdeburg verlegt. Das einjährige Kind hatte laut NDR eine RSV-Infektion. Die kann im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein.

Das RS-Virus ist ein weltweit verbreiteter Erreger von akuten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege. Es ist einer der bedeutendsten Erreger von Atemwegsinfektionen bei Säuglingen, hauptsächlich Frühgeborenen und Kleinkindern. (tko)

(Thomas Kopietz)

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