„Noch viel gefährlicher als das Meer ist der Mensch“

Umjubelte Aufführungen des Boat People Projekts „Flutlicht"

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Erlebnis in der Gruppe: Szene aus der Produktionsphase des Stücks „Flutlicht“, das vom Boat-People-Projekt im früheren IWF am Nonnenstieg aufgeführt wurde.

Göttingen. Von viel Zwischenapplaus begleitet und mit kaum enden wollendem Jubel und Tanz zum Schluss feierte die Göttinger Theatergruppe „Boat People Projekt“ die Aufführungen ihres neuen, von Luise Rist inszenierten Stückes „Flutlicht“ im ehemaligen IWF-Gebäude am Nonnenstieg.

Ein junger Mann betritt die Bühne, schaut sich um, zieht die auf dem Boden liegende Militärjacke an, marschiert soldatisch zur Klaviermusik, zielt und schießt mit einem imaginären Gewehr in die Zuschauerreihen, zieht die Jacke aus und wird wieder zu einem ganz normalen Jungen aus Eritrea. Die beklemmende Eingangsszene des Stückes „Flutlicht“ katapultiert die Zuschauer in die ambivalente Erlebniswelt vieler jugendlicher Flüchtlinge und hält diese Gefühlsspannung aus Trauer, Wut, Sehnsucht, Freude und Fröhlichkeit über die gesamte Spieldauer.

22 Jugendliche aus Afghanistan, Eritrea, Somalia, Syrien und Deutschland agieren auf der Bühne, erzählen, woher sie kommen, wie sie geflüchtet sind und vom Verlust von Vertrauen. Denn, so eine junge Frau aus Eritrea: „Noch viel gefährlicher als das Meer ist der Mensch.“ Viel Schlimmes haben die jungen Flüchtlinge erlebt, was sich in ihre Gesichter, ihren ganzen Ausdruck, eingegraben hat. Doch da ist noch mehr, was sich den Zuschauern mitteilt: Der Wille zu leben, mit Freude zu leben, wie es jungen Menschen überall auf der Welt zustehen sollte.

Getragen wird das Stück von der Musik der Boat People Band. Was schwer mit Worten, zumal in deutschen, für die jungen Flüchtlinge zu sagen ist, kommt in den wunderbar gesungenen Liedern ihrer Heimatländer, die Hans Kaul für sie arrangiert und zum Teil geschrieben hat, gefühlsmäßig viel stärker zum Ausdruck. Da überträgt sich die Sehnsucht nach der Heimat, nach den Familienangehörigen oder der verlorenen Freundin genauso wie die einst erlebte Lebensfreude. Trauer und Hoffnung in einem. Im Hintergrund laufen währenddessen auf drei großen Leinentüchern Videos mit Alltagsszenen aus Syrien, unterbrochen immer wieder mit Szenen aus Göttingen, der vielleicht neuen Heimat (Sonja Elena Schroeder und Thomas Kirchberg).

Von all den eindrucksvollen Liedern sei eines besonders erwähnt: „Amen san Roma“ (Wir sind Roma), das Kaul 2012 für die damalige Produktion „Rosenwinkel“ geschrieben hat. In „Flutlicht“ wird es von allen 22 Jugendlichen aus Solidarität mit ihrer 15-jährigen Schauspielkollegin Anita Osmani aus Göttingen gesungen, deren Familie aus dem Kosovo stammt und nun zusammen mit ihr abgeschoben werden soll.

Alle drei „Flutlicht“-Aufführungstermine waren ausverkauft. Weitere wären zu wünschen.

 

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