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Ungleiches Duo beflügelt den Göttingen-„Tatort“

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Von: Thomas Kopietz

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Eine tote junge Frau wird im Göttinger Naherholungsgebiet Kiessee gefunden. In dem Tatort „Die Rache an der Welt“, der am Sonntag, 9. Oktober, in der ARD läuft, ermitteln: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, links) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba).
Eine tote junge Frau wird im Göttinger Naherholungsgebiet Kiessee gefunden. In dem Tatort „Die Rache an der Welt“, der am Sonntag, 9. Oktober, in der ARD läuft, ermitteln: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, links) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba). ©  NDR/Christine Schroeder/nh

Krimifans sollten sich diesen Sonntag (09.10.2022) im Kalender vormerken. Dann läuft nach der Tagesschau um 20.15 Uhr der neue Göttingen-Tatort.

Zwanzig Jahre gibt Charlotte Lindholm die Ermittlerin im NDR/Niedersachsen-Tatort, folgt Täter-Spuren quer durch Niedersachsen – und hat 30 Fälle gelöst. „Das ist der Vorteil als Tatort-Kommissarin“, lacht Maria Furtwängler, die mit Partnerin Florence Kasumba just den vierten Fall der Göttingen Reihe „Rache an der Welt“ präsentiert, der am Sonntag, 9. Oktober, um 20.15 Uhr in der ARD läuft.

Und wieder packt der „Göttingen-Tatort nach zuletzt der „Neuen Rechten“ in „National Feminin“ ein sensibles Thema an: Wie im ersten Göttingen-Tatort, „Das verschwundene Kind“, sind Flüchtlinge des Mordes verdächtig, diesmal an einer jungen Frau, die am Naherholungsgebiet Kiessee im Gebüsch liegt. Den Serientriebtäter jagt Lindholm wieder mit der ersten farbigen Ermittlerin, seit es Tatort gibt, Anaïs Schmitz, die seit 2019 an ihrer Seite ist.

Neuer Göttingen-Tatort: Erfolgsmodell

Kritiker mäkelten anfangs, vor 20 Jahren, das Spiel der Maria Furtwängler sei spröde. Der NDR-Tatort aus Niedersachsen aber wurde mit der Bayerin zum Erfolgsmodell. Auch, wenn Drehszenen gestoppt werden mussten, „weil ich Grüß Gott statt moin, moin sagte – und Servus statt tschüs“. Furtwängler hat Humor und kann über sich lachen: „Ja, es hat ein wenig gedauert, in Niedersachsen anzukommen.“ Als Schauspielerin, als Kommissarin Charlotte Lindholm.

Nach 20 Jahren ist sie aufgrund der Kontinuität, aber auch der fein akzentuierten Veränderungen in der Persönlichkeit der Charlotte Lindholm, eine Größe in der illustren Runde der Tatort-Kommissare geworden, von denen auch andere Jubiläen feiern: 25 Jahre Tatort Köln, 20 Jahre Tatort Münster – mit den Duos Max Ballauf/Freddy Schenk und Frank Thiel/Karl-Friedrich Boerne. Die Schauspieler Klaus J. Behrend/Dietmar Bär und Axel Prahl/Jan-Josef Liefers werden heute oft mit den Figuren gleichgestellt – so verfestigt haben sich die Rollen in den Köpfen der Zuschauer. Kein Wunder, denn die Tatorte laufen in Dauerwiederholungsschleife. Dietmar Bär ist für viele schlicht Freddy Schenk.

Neuer Göttingen-Tatort: Große Lernkurve

Charlotte Lindholm und Maria Furtwängler stört all das nicht. Für sie ist es ein „großes Privileg, als Schauspielerin eine Figur zu haben, zu der man stetig wieder zurückkehren, die man ausloten kann“. Während der 20 Jahre habe sie viel Wandel und Neues, viel Schönes und Aufregendes, auch manch Enttäuschendes erlebt. „Es war eine große Lernkurve. Ich habe viel ausprobieren dürfen als Charlotte Lindholm“, sagt die 56-Jährige.

Stadtkulisse: Das Uni-Auditorium am Weender Tor in Göttingen diente nicht nur 2020 im Tatort „National Feminin“ als Kulisse, sondern auch einst für den Heinz-Erhard-Film „Immer diese Autofahrer“
Stadtkulisse: Das Uni-Auditorium am Weender Tor in Göttingen diente nicht nur 2020 im Tatort „National Feminin“ als Kulisse, sondern auch einst für den Heinz-Erhard-Film „Immer diese Autofahrer“. © NDR/Frizzi Kurkhaus/nh

Dabei haben die NDR-Tatort-Macher der Kommissarin übel mitgespielt, sie gar vom LKA in Hannover zur Polizeidirektion ins beschauliche Göttingen strafversetzt. Der „Stern“ schrieb: „Es gibt Schlimmeres für eine Strafversetzung.“ So sehen es auch die Menschen in Göttingen, der Stadt mit der saubersten Luft und hoher Lebensqualität im bundesdeutschen Vergleich.

Neuer Göttingen-Tatort: Strafversetzung

Mit der Strafversetzung bekam auch Lindholm eine Partnerin zur Seite gestellt: Anaïs Schmitz alias Florence Kasumba. Das ungleiche Duo – die kühle, blonde Lindholm und die kahl geschorene, taffe Schmitz mit afrikanischen Wurzeln – beflügelte den NDR-Tatort, aber auch die Schauspielerin Furtwängler.

Wenn Kasumba und Furtwängler über ihre Rollen sprechen, dann spielen sie mit den Figuren und sich als Akteurinnen: „Anaïs Schmitz ist für Charlotte eine Herausforderung, weil sie sich von deren unkonventioneller Art nicht so einfach wegblasen lässt“, sagt Furtwängler. Ja, Lindholm, ist egoistisch, emotional, auch aufbrausend. Wenn Schmitz im herausragenden Film „National Feminin“, von Rassisten beleidigt wird, bleibt die Attackierte ruhig, während Lindholm in die Luft geht.

Neuer Göttingen-Tatort: Körperliche Präsenz

„Sie hat eine unglaubliche körperliche Präsenz“, beschreibt Furtwängler Partnerin Kasumba. Die steht daneben, durchgedrückter Rücken, hochgezogene Schultern. Sie wirkt stabil, fordernd und doch in sich ruhend. „Ich muss mich immer anstrengen, dass ich nicht neben ihr wirke wie ein Schluck Wasser“, lacht Furtwängler. „Nach einem Drehtag mit Florence habe ich Rückenschmerzen vom krampfhaften Geradestehen.“

Verstehen sich beruflich und privat: Im größten Hörsaal des Zentralen Hörsaalgebäudes (ZHG) der Universität Göttingen schauen sich Maria Furtwängler (rechts) und und Florence Kasumba in die Augen.
Verstehen sich beruflich und privat: Im größten Hörsaal des Zentralen Hörsaalgebäudes (ZHG) der Universität Göttingen schauen sich Maria Furtwängler (rechts) und und Florence Kasumba in die Augen. © Theodoro Alciro da Silva/nh

Die 45-jährige Kasumba genießt das Zusammensein und Arbeiten mit der „erfahrenen, gelassenen“ Furtwängler. Die beiden verstehen sich – als Kolleginnen und privat. Als Ermittlerinnen schätzen sie sich, aber auf manche TV-Kritiker wirkt es, als „seien sie in herzlicher Abneigung verbunden“. Furtwängler beschreibt es treffender: „Die beiden sind kein Dreamteam, aber herausfordernd füreinander.“ In solchen Konstellationen wachsen Menschen an- und miteinander.

Neuer Göttingen-Tatort: Keine Grinsebacke

Anaïs Schmitz ist liiert, ihr Mann Nick gefällt auch Charlotte. „Warum ist Anaïs so eifersüchtig?, fragt eine Zuschauerin, für die Figur und Darstellerin eins sind: „Anaïs ist nicht eifersüchtig“, antwortet Florence Kasumba mit freundlichem Lächeln. Als Ermittlerin wirkt sie ganz anders: „Ich bin keine Grinsebacke, deshalb komme ich härter rüber.“

In Göttingen würden beide gerne weiterdrehen. NDR-Intendant Joachim Knuth aber sagt: „Die Rückkehr Lindholms ans LKA Hannover sei noch offen.“ Dabei kennen Kasumba und Lindholm die Stadt noch gar nicht. Man drehe von Montag bis Freitag. „Dann muss ich schnell nach Hause zur Familie, zu den Kindern“, sagt Kasumba, „die Göttingen mehr mitspielen lassen möchte“: „Anaïs könnte doch in der Stadt Sport treiben oder Florence mit dem Filmteam ein wenig frei haben.“ Maria Furtwängler würde sich gerne ein schönes Café zeigen lassen. „Nur zu“, sagt sie auffordernd.

Neuer Göttingen-Tatort: Entwicklung der Charaktere

„In Zukunft möchte sie nach dem Udo-Lindenberg-Tatort weitere Tatorte produzieren. „Das wäre spannend, auch weil ich mehr Einfluss auf Figuren und Story hätte.“ Für Charlotte wünscht sich Maria, dass sie sich entwickelt, dass Brüche in der Persönlichkeit noch deutlicher werden. Florence hingegen hat für Anaïs keine Wünsche: „Ich möchte mich überraschen lassen.“ Aber künftig hofft Kasumba auf „mehr harmonische Szenen. Wenn wir die drehen, ist das echt schön.“ Als Schauspielerin will sie, die in Hollywoods Marvel-Filmen wie „Captain America“ und „Avengers“ spielte, sich über ihre Traumrolle Tatort-Ermittlerin „immer weiter verbessern“. Die brisanten Themen der Göttingen-Tatorte dürften dabei helfen.

Maria Furtwängler jedenfalls sagt im Rückblick auf 20 Jahre als Charlotte Lindholm: „Ich würde wahrscheinlich alles wieder genau so tun, habe unglaublich viel gelernt und möchte all das nicht missen.“ (Thomas Kopietz)

Tatort läuft am Sonntag (09.10.2022) nach der Tagesschau

Der neue Göttingen-Tatort „Die Rache an der Welt“ läuft am Sonntag (09.10.2022) um 20.15 Uhr in der ARD. Im Sender „One“ läuft der Krimi ebenfalls am 09.10.2022 um 21.45 Uhr. Wer den Krimi verpasst hat, kann ihn nach der Ausstrahlung in der ARD-Mediathek erleben. (bsc)

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