Ruhestand

Uni Göttingen: Präsidentin Beisiegel steigt früher aus

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Prof. Dr. Ulrike Beisiegel: Die Göttinger Uni-Präsidentin geht Ende September in den Ruhestand.

Göttingen – Die Präsidentin verlässt die traditionsreichste Universität des Landes früher als zunächst gewollt: Ulrike Beisiegel, die seit 2011 als erste Frau in der mehr als 282-jährigen Geschichte an der Spitze der Uni steht, geht zum 1. Oktober in den vorzeitigen Ruhestand.

Eigentlich wollte sie Ende 2019 ausscheiden. Zunächst wird es eine Vakanz bis zum Jahreswechsel geben: Dann wird der kürzlich in einem von kritischen Tönen aus der Professorenschaft begleiteten Wahlverfahren gekürte und von der Leuphana-Universität Lüneburg kommende Sascha Spoun übernehmen.

Die 66-Jährige will mit der Entscheidung den Weg frei machen und „Präsidium, Senat und Nachfolger schnellstmöglich die Gelegenheit geben, sich mit einem eigenen, neuen Konzept für die Weiterentwicklung der Universität auf den Weg zu machen“.

Dahinter aber steckt mehr: In den vergangenen Wochen hat sich die Großwetterlage an der Uni eingetrübt. Zuletzt war hinter vorgehaltener Hand vom offenen Vertrauensentzug, auch durch Senatoren, zu hören. Aus dem Stiftungsrat, dem stillen Entscheidungsgremium der Uni, kam keine Rückendeckung für die angeschlagene Präsidentin, die man lange gestützt hatte. „Es hat den Anschein, man wolle sie nun schnell loswerden“, sagte ein Professor, der anonym bleiben will und zu einer Gruppe kritischer Professoren gehört. Etwa 50 hatten vor der Wahl Spouns gegen das Verfahren opponiert: Spoun war vom Berater der Findungskommission zum Kandidaten geworden. Zudem vermisste man eine Transparenz und bemängelte ein überstürztes Handeln, da die Amtszeit Beisiegels erst 2019 endete.

Aber auch Spoun selbst entsprach laut Kritiker nicht dem geforderten Uni-Anforderungsprofil eines international renommierten Wissenschaftlers. Er habe nur eine Gastprofessur in St. Gallen vorzuweisen. Die Professoren wussten aber, dass Kandidaten aus der ersten Reihe fehlten. Kritisch sehen sie auch die Rolle des Vorsitzenden des Uni-Stiftungsrates und in zig Gremien in Deutschland omnipräsenten Dr. Wilhelm Krull. Andere Professoren wiederum unterzeichneten die Protestnote nicht: Sie halten einen externen, dynamischen Mann wie Spoun für geeignet, die Uni wieder in die Spur zu bringen. Aus der ist sie im Binnenklima, wie in der Außendarstellung geraten. Zunächst verpasste die Uni mit Beisiegel an der Spitze und den von ihr präferierten Forschungscluster den Exzellenz-Status – ein erfolgreiches Projekt fehlte am Ende. Damit gehen erhebliche finanzielle Einbußen einher, aber auch ein Image-Verlust. Es werde Jahre dauern, diesen wieder wettzumachen, sagt eine renommierte Professorin. Darum müsse es jetzt gehen. Ulrike Beisiegel hält den Zeitpunkt für gekommen, diese Neuausrichtung zu starten – aber nicht mehr mit ihr, der zunehmend Kritisierten und Isolierten. Als ihre Verdienste bleiben – unbestritten – die Öffnung der Uni hin zur Stadt, Region und zu den Menschen. Die erfolgreiche Veranstaltung „Nacht des Wissens“, das kommende Uni-Museum und der SüdNiedersachsenInnovationsCampus (SNIC) stehen dafür. Aber der zuvor ehrgeizigen Biochemikerin dürfte das als Bilanz am Ende selbst zu weinig sein.

Kommentar von Thomas Kopietz: Gespaltene Uni und die Suche nach der Einheit

Während die Führungskräfte anderer Universitäten noch auf den Exzellenz-Status hoffen, ist die Uni Göttingen nicht nur außen vor, sondern nach einer Lethargie-Phase nun in personelle Turbulenzen geraten. Die Präsidentin geht früher und vor dem Wintersemester-Start. Der neue Präsident Sascha Spoun kommt erst mittendrin – zum Jahresbeginn 2020.

Ulrike Beisiegel zieht nun, nicht unerwartet nach internen Vorkommnissen verständlich, den Schlussstrich: Bei ihr sitzt der Stachel tief, auch, weil Unterstützer von ihr abgerückt sind. Persönlich hat sie das erneute Verpassen ihres Zieles Exzellenz-Status nicht verwunden. Die Uni hat dadurch an Image national wie international verloren – trotz vorhandener Qualität. Schon grummelt es in der gespaltenen Uni, die der größte Arbeitgeber Göttingens ist: Stellen sind unbesetzt, Geld für Investitionen in Forschung und Lehre ist nun knapper. 

Da passt das Lieblingsprojekt Beisiegels, das Uni-Museum Forum Wissen, das mit mehr als 20 Millionen Euro weit teurer wird als vorgesehen, nicht ins Portfolio. Kritiker halten Beisiegel auch eine Entscheidungsunfreudigkeit und den Hang zu Alleingängen vor.

Dass ihr aber die Hauptschuld angehängt wird, ist fragwürdig, denn alle Entscheidungen haben Senat und Stiftungsrat mitgetragen. Auch dort könnten Konsequenzen folgen. Die Uni soll und muss wieder zur Einheit werden. Das ist ein Wunsch, der in einem so riesigen wie heterogenen Komplex kaum realisierbar ist. Das Ziel muss letztlich das Erreichen einer hohen Qualität insgesamt und in vielen Bereichen sein - nicht nur dort, wo man mit extrem leistungsstarken Instituten - wie den MPI´s - kooperiert. 

Denn wie sagte kürzlich einer der kritischen Professoren: Ich arbeite gerne hier, bin Rufen nicht gefolgt, weil die Georg-August-Universität wirklich gut ist, in Teilen sogar extrem gut. Daran, und dass es viel zu verbessern gibt, sollten viele arbeiten. Ein neuer Präsident ist deshalb mehr als ein Aufräumer und Wegweiser, er ist auch Moderator und Manager - aber auch menschliche Führungskraft. Ein ordentliches Anforderungsprofil für den "Neuen". Sascha Spoun wird wissen, was auf ihn zukommt. Ihm aufgrund der Vergangenheit Steine in den Weg zu legen, war der grob falsche Fingerzeit. Er hat eine faire Chance verdient. (tko)

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