Turbulenzen

Göttingens Uni-Präsidentin Beisiegel geht schon Ende September in Ruhestand

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Geht bereits Ende September in den Ruhestand: Uni-Präsidentin Prof. Dr. Ulrike Beisiegel

Turbulenzen an der Uni Göttingen: Präsidentin Prof. Dr. Ulrike Beisiegel geht Ende September in Ruhestand.

Aktualisiert um 15.30 Uhr - Das teilte die Noch-Chefin der Uni am Donnerstag mit. „Diese Entscheidung soll dem Präsidium, dem Senat und meinem vor kurzem gewählten Nachfolger schnellstmöglich die Gelegenheit geben, sich mit einem eigenen neuen Konzept für die Weiterentwicklung der Universität auf den Weg zu machen", sagte sie am Donnerstag. Sie geht damit früher als ursprünglich geplant in den Ruhestand.

Streit um künftigen Uni-Präsidenten

Der Beisiegels Entscheidung ging auch ein Streit um die Wahl des künftigen Uni-Präsidenten Prof. Sascha Spoun voraus: Die einen bezeichnen seinean die Spitze der Georg-August-Universität als rechtens und inhaltlich sauber, andere Professoren– auch von außerhalb der Uni-Stadt – bezeichnen sie als eine „Provinzposse der besonderen Art“ und wiederum andere, einige Professoren der Uni, sind sauer und wollen mit einem Protest der 100 – es waren zunächst etwa 50 – gegen das Wahlverfahren angehen.

Streitfall: Um die Wahl von Sascha Spoun und die Vorgänge gibt es weiter Unmut innnerhalb der Uni Göttingen. Nun geriet auch Präsidentin Ulrike Beisiegel unter Druck. 

Zuletzt wurde von Misstrauensvoten gegen Präsidentin Ulrike Beisiegel im Senat gesprochen. Das Gremium scheint nun den schwarzen Peter ganz Beisiegel zuschieben zu wollen.

Professoren-Appell an Uni

Die Professoren hätten vorher schon einen Appell an die Universität gerichtet, die Wahl zu verschieben. Das geschah nicht. Prof. Sascha Spoun, aktuell Präsident der Leuphana Universität Lüneburg, wurde gewählt, löst am 1. Januar 2020 Prof. Dr. Ulrike Beisiegel ab, die auf eigenen Wunsch in den Ruhestand geht.

Die Kritik der Professoren, richtet sich vor allem gegen die Arbeit der eingesetzten Findungskommission, die auch von dem Beratungsunternehmen „Kienbaum Consultants“ betreut wurde, und in der auch weitere externe Fachleute saßen, wie Sartorius-Vorstandschef Dr. Joachim Kreuzburg.

Spoun, erst Experte, dann Kandidat

Der Lüneburger Uni-Präsident Sascha Spoun wurde um seine Meinung zur Uni Göttingen gebeten. In einem „Expertengespräch“ stand er zur Verfügung – soll dafür laut Uni aber kein Honorar erhalten haben.

Das sei aber kein „Vorstellungsgespräch“ gewesen, teilte die Uni im Auftrag des Vorsitzenden der Findungskommission Dr. Wilhelm Krull, mit. Zu dem Zeitpunkt habe sich Spoun noch nicht zu einer Kandidatur entschlossen. Im „Expertengespräch“ sei es vor allem um Sicht von außen auf die Universität und deren Zukunftsperspektiven gegangen. Diese Fragen und Einschätzungen wären auch Thema mit den übrigen Bewerberinnen und Bewerbern gewesen.

Im Nachgang habe man, beeindruckt von den Antworten und Gedanken, Spoun „ermuntert, sich als Kandidat in das Besetzungsverfahren zu begeben“, so die Uni. Spoun wurde also vom Berater zum am Ende einzigen Kandidaten.

Uni-Pressemitteilung

Als die Uni das später in einer Pressemitteilung zur Wahl Spouns verkündete, sorgte das für Aufsehen und Ärger bei einigen ohnehin schon kritisch eingestellten Mitarbeitern, Doktoren und Professoren, die sich bereits vorab beschwert hatten. Die Pressemitteilung sei „missverständlich“ gewesen, gab die Universitätsleitung später kleinlaut zu.

Normales Verfahren

Das Wahlverfahren jedenfalls lief laut Krull normal weiter: Es gab ein zweites Gespräch, auch mit mehreren Kandidaten. Laut Uni sei Spoun daraus „als der mit großem Abstand beste Kandidat dem Senat und dem Stiftungsausschuss – Vorsitzender ebenfalls Dr. Wilhelm Krull – zur Wahl empfohlen worden – und wurde schließlich am 20. Juni gewählt.

„Alles ist korrekt und sauber abgelaufen“, sagt Joachim Kreuzburg. Auch habe Spoun keine Vorteile und keinen Wissensvorteil vor andereren Mitbewerbern gehabt.

Kritik an Krull

Kritiker stoßen sich nun vor allem an der Rolle Krulls. Er habe an der „Aufklärungsuniversität die erwünschte Klarheit dort auf seine Weise geschaffen“. Ein Professor sagt: Man habe erwartet, dass sich Spoun informiert und vorstellt. Ein Appell der Professoren sei unbeantwortet geblieben. Intern ist zu hören, dass sehr wohl darüber gesprochen worden sei. Professoren in Göttingen verweigern sich auch der Unterzeichnung einer Protestnote gegen die Wahl. Auch, weil es kein Berufungsverfahren für eine Professur sei, sondern eine „normale“ Wahl zur Besetzung eines Präsidiumspostens durch den Senat und den Stiftungsausschuss. Das Verfahren sei letztlich korrekt und demokratisch gelaufen, die Art und Weise der Bekanntgabe allerdings unglücklich gewesen, sagte ein Beteiligter gegenüber unserer Zeitung.

Sascha Spoun jedenfalls habe schon Gespräche mit Gremienmitgliedern und Uni-Mitarbeitern gesucht und auch über seine Kandidatur gesprochen – vor der Wahl.

Spoun kein "Professor"

Kritiker wiederum bemängeln, dass mit Spoun nicht der in der Ausschreibung im Profil gesuchte „Forscher mit internationaler Anerkennung“ verpflichtet worden sei, weil er lediglich seit 2006 eine Gastprofessur in St. Gallen innehabe und nicht habilitiert sei.

„Dass er nicht habilitiert ist, wurde in der Findungskommission in keiner Weise als Hinderungsgrund dafür gesehen, ihn dem Senat zur Wahl zu empfehlen“, teilen Uni und Krull auf Anfrage unserer Zeitung mit, ebenso, dass die Uni St. Gallen in den Wirtschaftswissenschaften zu den  „international renommiertesten Hochschulen“ zählt.

Ob zahlreiche Professoren, darunter auch Senatoren, per Appell die Wahl verschieben wollten und eine Aufklärung der Verfahrensvorgänge fordern – dazu gab es keine Antworten. Diese bemängeln auf jeden Fall „einen Verlust der Transparenz und Demokratie“ innerhalb der Uni – bei derart wichtigen Personalentscheidungen.

Professorin: Ruf der Uni hat dauerhaft gelitten

Sascha Spoun jedenfalls besuchte kürzlich die Verabschiedungsfeier von UMG-Vorstand Prof. Heyo Kroemer und führte gut gelaunt Kennenlerngespräche. „Wir brauchen einen Präsidenten, der neue Impulse gibt und als Vermittler in einer Universität tätig ist, die schwere Zeiten erlebt, deren Ruf aufgemöbelt werden muss“, sagte eine Professorin, die nicht genannt werden will.

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