Studie in Göttingen

Was den Jazz zum Swingen bringt - Göttinger Forscher untersuchen Rhythmus

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Der legendäre Jazz-Pianist Duke Ellington bei einem Gast-Auftritt in München 1967. Er gilt als einer der bekanntesten Vertreter des Swing.

Was bringt den Swing in ein Jazz-Stück? Das Ergebnis war für die Göttinger Forscher anders als erwartet.

Göttingen – Was bringt den Swing in ein Jazz-Stück? Dieser Frage widmeten sich Forscher des Göttinger Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) sowie der Georg-August-Universität Göttingen. In ihrer interdisziplinären Studie untersuchten sie die Bedeutung zeitlicher Schwankungen für das Swing-Feeling. Das überraschende Ergebnis: Mikroabweichungen im Rhythmus der Stücke haben weniger Einfluss als bislang angenommen.

Jazz: Selbst Musiker tun sich mit Erklärung schwer

„It Don’t Mean A Thing, If It Ain’t Got That Swing“, nannten Duke Ellington und Irving Mills 1931 eines ihrer Stücke. Auf Deutsch: „Es bedeutet nichts, wenn es den Swing nicht hat“. Aber was genau eine Jazzdarbietung zum Swingen bringt, ist bis heute nicht geklärt. Sogar die Musiker selbst tun sich schwer mit einer Erklärung. So schrieb Bill Treadwell in seiner Einführung „What is Swing“: „Du kannst es fühlen, aber du kannst es einfach nicht erklären“.

Musikwissenschaftler: Schwankungen lassen Jazz swingen

Musikwissenschaftler haben zweifelsfrei ein Merkmal charakterisiert: Aufeinanderfolgende Achtelnoten werden nicht gleich lang, sondern die erste länger als die zweite (die Swing-Note) gespielt. Das Swing-Verhältnis, also das Längenverhältnis dieser Noten, beträgt oft etwa 2:1. Außerdem werden rhythmische Schwankungen als Merkmal des Swing diskutiert. So spielen Solisten gelegentlich für kurze Zeit merklich nach dem Beat. Wissenschaftler vermuteten, dass Jazz nur dank solcher Schwankungen im Timing – etwa zwischen den einzelnen Instrumenten – swingt.

Göttinger Forscher kommen zu anderem Ergebnis - Möglichst wenig Schwankungen

Theo Geisel und Viola Priesemann vom MPIDS untersuchten die physikalischen und York Hagmayer sowie Thorsten Albrecht vom Georg-Elias-Müller Institut für Psychologie der Uni Göttingen die psychologischen Aspekte der Mikroabweichungen – und kamen zu einem anderen Ergebnis: Demnach fühlen Jazzmusiker den Swing etwas stärker, wenn das Swing-Verhältnis im Verlauf einer Darbietung konstant bleibt, also möglichst wenig schwankt.

160 Musiker bewerteten Stücke bekannter Jazz-Pianisten

Das Forscher-Team nahm Stücke mit professionellen Jazz-Pianisten zu präzisen Rhythmus-Tracks von Bass und Schlagzeug auf und manipulierte das Timing auf drei verschiedene Arten: Sie eliminierten alle zeitlichen Mikroabweichungen des Pianisten in dem Stück („Quantisierung“), sie verdoppelten die Mikroabweichungen, und bei der dritten Manipulation drehten die Göttinger Forscher die Abweichungen um. 160 Musiker bewerteten wie stark die verschiedenen Versionen swingen.

Ergebnisse für Forscher überraschend

„Wir waren überrascht“, sagt Studienleiter Theo Geisel. „Die Teilnehmer der Onlinestudie bewerteten im Schnitt die quantisierten Versionen der Stücke, also diejenigen ohne zeitliche Mikroabweichungen, sogar als etwas mehr swingend als die Originale, Mikroabweichungen sind also nicht zwingend für das Swingen.“ 

Stücke mit verdoppelten Mikroabweichungen wurden als am wenigsten swingend eingestuft. „Anders als wir ursprünglich erwarteten, hatte die Inversion der zeitlichen Mikroabweichungen lediglich bei zwei Stücken einen negativen Einfluss auf die Bewertungen“, so York Hagmayer.

Außerdem wurden die Teilnehmer gefragt, was ihrer Meinung nach ein Stück zum Swingen bringt. Die Befragten nannten Faktoren wie das dynamische Zusammenspiel der Musiker, das Setzen von Betonung und Akzenten sowie die Interaktion von Rhythmus und Melodie. 

Eine Version von Ellingtons „It Don’t Mean A Thing, If It Ain’t Got That Swing“ von 1943 gibt es bei Youtube:zu.hna.de/swing0120

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