Amtsantritt vor knapp zwei Monaten

Uni-Interimspräsident Jahn: „Streit in der Sache muss sein“

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Mit Gelassenheit, Erfahrung und Klarheit: _So will Prof. Dr. Reinhard Jahn die Universität Göttingen wieder in ruhige Fahrwasser führen und mit einem klaren Ziel ausstatten. Jahn ist Max-Planck-Wissenschaftler und leitet die Uni wohl bis Ende 2020.

Seit knapp zwei Monaten führt ein Top-Max-Planck-Wissenschaftler die Uni Göttingen als Interimspräsident: Prof. Dr. Reinhard Jahn. Er will die Uni wieder zur Ruhe und in die Spur springen – bis Ende des Jahres. Wir sprachen mit ihm.

Herr Jahn, Sie sind seit Anfang Dezember Präsident der Universität Göttingen. Das Amt kam überraschend und plötzlich über Sie, wie ist es denn so?

Ja, noch im August hätte ich mir das nicht träumen lassen. Ich bin jetzt dabei, mich in das Amt hineinzufinden. Ich muss lernen, wie der Tag abläuft, wer für was zuständig ist. Die Uni-Verwaltung war mir bis jetzt weitgehend unbekannt. Ich muss lernen, welche Aufgaben dringlich sind. Alles muss sehr schnell gehen, und es ist kaum Zeit, die anliegenden Probleme anzupacken. Ich bin hier und kümmere mich um die Probleme der Universität, die meine eigene ist und schon immer war. Deswegen habe ich mich auch bereit erklärt, einzuspringen, bis ein neuer Präsident oder eine neue Präsidentin gefunden ist. Und ich bekomme keine 100 Tage Schonfrist, zumal ich meine Amtszeit möglichst kurz halten will, so etwas ein Jahr.

Was sagen Sie zum unrühmlichen Kapitel „Das Jahr 2019“ der Uni?

Fehler sind gemacht worden, es gab den Rückzug von Sascha Spoun sowie die Rücktritte von Wilhelm Krull und einigen Senatoren. Dinge offen anzusprechen und zu kritisieren, das war auch in Ordnung. Aber jetzt müssen alle wieder auf den Boden zurückkommen und im Umgang miteinander toleranter werden. Da sind wir aber auf einem sehr guten Weg.

Sie haben in Ihrer Antrittsrede vom Nachvorneschauen gesprochen. Haben Sie die Vorgänge, die Präsidentenwahl Spoun, dennoch analysiert?

Ich habe versucht, heraus zu finden, woran es gelegen hat, dass das Ganze so schiefgegangen ist. Das war eine komplizierte Gemengelage, wo Kommunikationsprobleme und eine Nachlässigkeit in der rechtlichen Absicherung zusammengespielt haben. Darüber hinaus gab es im Senat offensichtlich Fraktionen, die miteinander nicht richtig kommuniziert haben, und dann kam noch der Druck von außen durch kritische Stimmen hinzu

Die opponierenden Professoren sagen aber auch, es hätte keinen anderen Weg gegeben, als über die Medien zu gehen, da es keine Transparenz und Akzeptanz gegeben hätte.

Da muss man zwei Dinge unterscheiden. Zum einen die Ablehnung des gewählten Präsidenten Spoun durch eine relativ große Gruppe von Professoren, die sich übergangen fühlte, was aber von anderen bestritten wird. Da halte ich mich heraus. Zum anderen die wohl zumindest unsaubere Protokollführung in der Findungskommission. Nur dadurch ist Sascha Spoun zum Rücktritt gezwungen worden. Wäre das nicht der Fall gewesen, würde ich heute nicht hier sitzen.

Woher rührt Ihr tiefes Wissen über Situation und Geschehnisse an der Uni?

Ich bin seit 22 Jahren in Göttingen, und von Max-Planck-Seite kooperieren wir schon seit langem mit der Uni. Und ich habe einiges dafür getan, vor allem in der Graduierten-Ausbildung, die Dinge zusammenzuführen. Wir haben damals internationale Studiengänge mit der Uni auf die Beine gestellt. Da ist Vertrauen entstanden, auch weil die Studiengänge enorm erfolgreich waren. Diese bildeten 2007 die Grundlage für einen Antrag auf eine Graduiertenschule für die Exzellenzinitiative.

Entstanden so auch viele persönliche Kontakte?

Ja. Ich war zum Beispiel federführender Antragsteller. Dabei habe ich den damaligen Präsidenten Kurt von Figura beraten und viele Kolleginnen und Kollegen der Uni kennen- und schätzen gelernt. Darüberhinaus gab es viele rein wissenschaftliche Kontakte und Gespräche, aus denen hochinteressante Projekte entstanden. So habe ich damals Ulf Diederichsen getroffen, der Uni-Vizepräsident für Forschung ist. Wir entdeckten, dass wir beide an Dingen arbeiteten, die große Berührungsflächen hatten. Wir arbeiten immer noch zusammen in einem Sonderforschungsbereich, mit tollen Ergebnissen. Diese Vernetzung mit Kolleginnen und Kollegen in der Uni, hat mir den Einstieg in das Präsidentenamt sehr erleichtert.

Wollen Sie diese Kooperationen verstärken?

Ja, insbesondere am Göttingen Campus. Es ist normal, dass über die Zeit eine Art Routine entsteht, selbst, wenn sehr viel erreicht ist. Der Göttingen Campus ist für die Uni enorm wichtig, und ich möchte dort wieder Schwung hineinbringen. Beide Seiten, die universitäre und die nicht-universitäre, müssen erkennen, welch großer Vorteil für sie darin steckt – das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Sie wollten Lehrer werden, haben auch einen Abschluss. Benötigen Uni und Gremien jetzt Ihre pädagogischen Fähigkeiten?

Ich bin ein Teamplayer, keiner, der von oben herab durchregieren möchte. Mir geht es darum, dass man selbst bei schwierigen Problemen einen vernünftigen Konsens zwischen den Beteiligten findet. Das wird nie hundertprozentig funktionieren. Mir ist es besonders bei großen Projekten sehr wichtig, dass sie von breiten Teilen der Universität mitgetragen werden und sich nicht verselbstständigen. Dabei finde ich es spannend, dass ich mit vielen tollen Persönlichkeiten, die wir hier an der Uni haben, interagieren kann. Ich sehe mich als primus inter pares, auf Augenhöhe, denn ich bin ja nicht besser als die Kolleginnen und Kollegen in der Uni. Das bedeutet, dass ich mir auch Kritik anhören und diese aufnehmen kann.

Man spürt eine Grundakzeptanz der Gegner, was ihre Person angeht.

Den Begriff Gegner möchte ich so nicht stehenlassen. Kritiker, ja, und mit der Grundakzeptanz ist das umgekehrt auch so. Es kann trotzdem vorkommen, dass man sich – in einer Sachdiskussion – mal in die Haare kriegt. Das sehe ich durchaus auch positiv – ich werte Emotion als Engagement für die gemeinsame Sache.

Welche Probleme sind dominierend?

Die Finanzen sind ein grundsätzliches Problem. Mal eben ein paar Millionen Euro einzusparen ist nicht vergnügungssteuerpflichtig.

Sie sprechen sich für eine neue Exzellenzbewerbung aus, sagen aber auch, die Exzellenz sei nicht alles – warum ist sie das nicht?

Man muss darauf achten, dass die Planung eines möglichen Exzellenz-Clusters auf der Forschung der beteiligten Wissenschaftler aufbaut. Nicht das tolle Konzept ist das Wichtigste. Vielmehr müssen die Top-Wissenschaftler ein Dach entwickeln, unter dem sich alle wiederfinden und sich nicht verbiegen lassen müssen, wie Thomas Kaufmann zu Recht angemerkt hat. Aber: Das Dach muss tragen. Dann sind die Arbeit und das investierte Geld letztlich auch bei einer Ablehnung eines solchen Antrags nicht verloren. Die Exzellenz der Wissenschaft der einzelnen Teilnehmer muss stimmen – das ist wichtiger als ein exzellentes Konzept.

Fließt heute zu viel Geld und Energie in Konzepte?

Das sehe ich als ein Problem bei diesen Verbundprojekten. Man verlangt ein Dach. Aber darunter muss Platz für Diversität sein. Außerdem bleibt die Unsicherheit der Bewertung der Kommission. So sind Wettbewerbe nun einmal. Ich bin als Max-Planck-geprägter Wissenschaftler schon ein wenig kritisch gegenüber dem Zwang, Verbünde zu schmieden.

Die ewige Disbalance zwischen Geistes- und Naturwissenschaften ist stets ein Streitfeld in der Uni – ist es zu befrieden?

Es ist ein Spannungsfeld, das jede Uni hat – es kann sehr stimulierend wirken, darf aber auch nicht aus dem Ruder laufen. Ich muss auch dort viel lernen, als Naturwissenschaftler kenne ich diese Seite deutlich besser als die andere. In Wettbewerben und Rankings werden immer wieder Parameter wie Drittmitteleinwerbung benutzt, die tendenziell die Naturwissenschaften bevorteilen. So ist es für den Physiker vergleichsweise leicht, eine halbe Million Euro einzuwerben, für einen Theologen ist es schwer. Das heißt aber eben nicht, dass die Theologen oder Literaturwissenschaftler weniger gute Wissenschaftler sind. Das muss man austarieren. Wir müssen fragen: Ist der Wettbewerb richtig aufgestellt?

Bildungsbürger bewerten aber geisteswissenschaftliche Kenntnisse oft über naturwissenschaftliche.

Ja. Es ist interessant, welches Bildungsverständnis in Deutschland immer noch vorherrscht. „Gebildete“ finden es gar nicht schlimm, wenn sie kein biologisches Wissen haben, selbst, wenn es elementar ist und zum Beispiel nur Mittelstufen-Niveau in der Schule entspricht. Umgekehrt wird es aber kritisch gesehen, wenn ich bestimmte literarische Kenntnisse nicht vorweisen kann. Dieses geisteswissenschaftlich geprägte Bildungsverständnis in Deutschland finde ich etwas einseitig, insbesondere, wenn man bedenkt, dass unser technologischer und medizinischer Standard durch die Natur- und Lebenswissenschaften bestimmt wird.

Zur Person: Langjähriger Direktor am Max-Planck-Institut

Prof. Dr. Reinhard Jahn (69) wurde in Leverkusen. Der heutige Zell- und Neurobiologe war lange Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, der Nobelpreisträgerschmiede in Göttingen, wo er noch heute eine Arbeitsgruppe führt. Seit 1. Dezember 2019 leitet er übergangsweise als Präsident die Georg-August-Universität Göttingen. Reinhard Jahn studierte Biologie und Chemie, wurde 1981 in Göttingen promoviert. Er forschte und arbeitete auch an der Yale- und an der Rockefeller University (USA), an einem MPI in München. Im Team brachte er die neurobiologische Zellforschung voran. Jahn erhielt zahlreiche renommierte Preise, so den Leibniz-Preis und den Ernst-Jung-Preis für Medizin. Jahn gilt als überzeugter Förder des Nachwuchses. Er lebt in Göttingen.

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