Wissenschaftlerin mahnt richtiges Verhalten an

Uni-Klinik-Expertin Scheithauer zur Corona-Lage: „Die Normalität besteht noch nicht“

Falsches Signal: Annähernd oder voll besetzte Fußball-Arenen, wie das Londoner Wembley-Stadion bei der EM, sind ein falsches Zeichen während der weiter grassierenden Pandemie. Das sagt die Expertin und Professorin an der Göttinger Uni-Klinik, Simone Scheithauer.
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Falsches Signal: Annähernd oder voll besetzte Fußball-Arenen, wie das Londoner Wembley-Stadion bei der EM, sind ein falsches Zeichen während der weiter grassierenden Pandemie. Das sagt die Expertin und Professorin an der Göttinger Uni-Klinik, Simone Scheithauer.

Prof. Simone Scheithauer, Institutsdirektorin an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) stellte sich unseren Fragen auch zur aktuellen Lage und zu Prognosen.

Göttingen – Sie ist über die die Corona-Pandemie und vor allem den Umgang damit bestens informiert, wird als Hygiene-Praktikerin, Forscherin und Beraterin geschätzt.

Frau Scheithauer, wie ist die Situation mit Covid-19-Erkrankten in der UMG?
Die Situation ist stabil, wie in ganz Deutschland haben sich die Zahlen der Covid-Patienten in Kliniken nach unten entwickelt. Freitag wurden elf Covid-19-Patienten in der UMG behandelt, acht auf der Intensivstation, fünf wurden beatmet, vier an ECMO-Geräten. Das ist etwa ein Drittel der Höchststände während der dritten Welle.
Welche Entwicklung erwartet der Krisenstab der UMG – auch für Stadt und Landkreis – in den nächsten acht Wochen?
Acht Wochen sind ein zu langer Zeitraum, um eine seriöse Prognose abgeben zu können. Wir gehen davon aus, dass die Infektionszahlen in den kommenden drei Wochen sich nicht auf die Patientenversorgung auswirken wird. Auch danach wird es allem Anschein nach zu einer Entkopplung von Inzidenz und Fallzahl hospitalisierter Patienten kommen.
Das Frequentieren der Testzentren hat nachgelassen. Müsste aber nicht weiter viel getestet werden, um früh Ansteckungen zu erkennen und entsprechend zu handeln?
Ja, das Testen ist wichtig. Der Stellenwert der Antigen-Tests wird aber abnehmen, da diese bei Geimpften infolge bereits vorliegender Antikörper und tendenziell niedriger Viruslasten seltener positiv ausfallen werden. Aber: Hochinfektiöse Menschen können dadurch immer noch herausgefischt werden. Und: Bei Symptomen oder Kontaktanamnese sollte unbedingt mittels der genaueren PCR getestet werden. Diese bieten wir bei auch uns in der UMG für Mitarbeiter immer an, sie werden gut frequentiert.
Die Zahlen steigen wieder – auch aufgrund der ansteckenderen Delta-Variante. Ist also mit stärkeren Ausbrüchen zu rechnen?
Die Zahlen werden wohl nur regional bei lokalen Ausbrüchen in Clustern deutlich ansteigen. Bedingung ist aber, dass es uns gelingt, weiter die Impfgeschwindigkeit hochzuhalten. Wir dürfen nicht impfmüde werden, und müssen versuchen die Unentschlossenen zur Impfung zu bewegen. Es ist auch wichtig, die Public-Health-Maßnahmen (Hygiene-, Abstand-, Impfung) weiter beachtet und eingehalten werden. Generell gilt: Die Inzidenzen werden überall im Herbst ansteigen. Wie stark, das hängt auch vom Einhalten der schützenden Regeln ab.
Expertin: Prof. Simone Scheithauer.
Welchen Einfluss haben die Reisenden und Reiserückkehrer auf die Infektionsentwicklung?
Schwer zu sagen. Aber es muss gelingen, in den nächsten Wochen die Konzepte mit Testungen und Quarantäne-Maßnahmen für Urlauber und Reiserückkehrer umzusetzen. Letztlich ist das Urlaubsverhalten aller wichtig. Erster Schritt ist, das eigene Verhalten weiter pandemiekonform zu gestalten. Also nicht alles machen, was man vorher gemacht hätte. Maßnahme bleibt auch das Testen, vor allem bei Symptomen und die Bereitschaft zum Testen bei Rückkehr aus dem Urlaub, so Infizierte schnell zu erkennen und zu „fischen“. Betriebe sollten nicht mit Strafen drohen, sondern weiter Tests unterstützen, auch für Reiserückkehrer. Weniger Testen heißt nicht, gar nicht zu testen.
Was ist wichtig, wenn die Infektionszahlen deutlich steigen sollten?
Ausbrüche und Anstiege der Zahlen sind zu bewältigen und regional zu halten, wenn es uns gelingt, schnell zu intervenieren. Das heißt: schnelle Erkennung über Tests und dann – wie gehabt – über eine Nachverfolgung mit Quarantänen zu Kontakte zu minimieren. Daran wird auch Delta und werden neue SARS-Cov-2-Varianten nichts ändern. Ein Restrisiko bleibt aber. Es ist gering, aber eben nicht gleich Null.
Normalität kehrt ein, 60.000 Zuschauer im Wembley-Stadion künden von Sorglosigkeit...
Das ist natürlich ein falsches Signal zur falschen Zeit, da es eine Normalität suggeriert, die noch nicht besteht. Klar ist: Man sollte sich aktuell weiter umsichtig verhalten. Dazu gehören auch Abstandsregeln und Mund-Nase-Bedeckungen.
Welche Empfehlung würden Sie dem Kultusminister geben, wenn er angesichts höherer Ansteckungsgefahr für Kinder/Jugendliche über die Schule nach den Ferien grübelt?
Ganz klar: Präsenzunterricht und nach den Ferien erst einmal das Beibehalten der Maskenpflicht, plus Lüften und Testen – in Schulen auch weiter mit Antigen-Tests. Wir müssen weiter schnell reagieren können, wenn Positivgetestete erkannt werden.
Auch das Home-Office ist in der Diskussion, die Rückkehr in die Präsenz. Ist das Home-Office weiter eine wichtige Maßnahme zum Beherrschen der Pandemie-Infektionslage?
Das mobile Arbeiten sollte bestehen bleiben – zumindest als Möglichkeit, auch dann, wenn erste Fälle auftreten. Am größten ist das Risiko oft dort, wo man gesellig in Innenräumen zu mehreren Personen ohne Mund-Nase-Schutz zusammensitzt, wie in Kaffee- und Mittagspausen – auch in Besprechungen. Die Maßnahmen sind auch nicht gelockert worden. Manches geht nur in Präsenz. Problematisch ist die Ganz- und-gar-nicht Regel.
Welche Gefahr geht in Bezug auf Ansteckungsrisiko und Krankheitsverlauf von Varianten aus? Aktuell geistern Horrorvisionen hoher Sterblichkeitsraten unreflektiert durch die Medien...
Die Virusversion Alpha war ja schon ansteckender als das ursprüngliche SARS-Cov-2-Virus. Die Delta-Variante davon soll eine um 40 bis 70 Prozent höhere Ansteckung haben. Ich gehe von 40 bis 50 Prozent aus. Zur Sterblichkeit unter Deltainfektionen gibt es bislang nur wenige Studien, mit unterschiedlichen Aussagen. Aktuell lässt sich jedenfalls keine höhere Sterblichkeit aus den Studien herauslesen. Klar ist, es erkranken mehr jüngere Menschen an der Delta-Variante im Vergleich zu anderen Varianten, insbesondere da sie ja noch nicht geimpft sind und jetzt wieder häufiger soziale Kontakte hatten und haben. (Thomas Kopietz)

Zur Person: Prof. Dr. Simone Scheithauer

Prof. Dr. Simone Scheithauer ist Direktorin des Instituts für Krankenhaushygiene und Infektiologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Sie ist Beraterin verschiedener Gremien und Krisenstäbe zur Corona-Pandemie und somit direkt in die Umsetzung von Corona-Regeln eingebunden, sowohl für die UMG als auch die Öffentlichkeit. Scheithauer ist bestens vernetzt, auch in Forschungsverbünden, so dem B-FAST-Projekt an dem mehr als 20 Uni-Kliniken und Experten aus verschiedenen Forschungsbereichen beteiligt sind, und dass mit Tests und Überwachtung Daten zur Covid-19-Erkrankung sammelt, auswertet und bereitstellt. Zudem ist Scheithauer an Studien zur Pandemie beteiligt. (Thomas Kopietz)

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