UMG-Anstecker bis zum letzten Tag

Uni-Klinik-Vorstand Heyo K. Kroemer nimmt Abschied von Göttingen

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Abfahrt: Der Vorstandssprecher Prof. Heyo K. Kroemer hat die Universitätsmedizin verlassen. Zum 1. September wird er Vorstandschef an der größten deutschen Klinik, der Charité in Berlin. Die Modelleisenbahn nimmt er mit Am letzten Arbeitstag schauten wir im Büro vorbei.

Am 1. September wechselt Dr. Heyo K. Kroemer von der Göttinger Uni-Klinik an die Charité nach Berlin. Mit uns blickte der Vorstandschef auf seine Zeit in der Leinestadt zurück.

Die „Fantastischen Vier“ würden schlicht sagen: „Jetzt ist er weg“. Stimmt. Prof. Dr. Heyo K. Kroemer hat seine aktive Tätigkeit als Vorstandssprecher und Dekan der medizinischen Fakultät beendet. Um 9 Uhr ist davon freilich in seinem Büro wenig zu spüren.

Kroemer sitzt am Bildschirm seines PC, beantwortet Mails. Vor ihm liegt eine prall gefüllte Dokumenten-/Unterschriftenmappe, wie sie jeder „Entscheider“ kennt – und immer mal wieder verflucht.

Am Revers seines Jacketts trägt Heyo Kroemer einen Anstecker. „UMG“. Den trug er selbst bei seiner Vorstellung als künftiger Vorstandschef der Berliner Charité. Gespielt ist all das nicht, er handhabte es genau so mit dem Greifswald-Sticker vor Dienstantritt in Göttingen: So ist Kroemer, engagiert bis zum letzten Tag und wohl auch darüber hinaus.

Einen Monat Urlaub

„Wir haben uns in Göttingen sehr wohl gefühlt“, sagt er und schließt seine Frau mit ein. Die war im Umzugsstress. Der Ehemann auch. Danach ist erst einmal Urlaub angesagt, ohne E-Mails, erst einmal ohne Termine, ungeplant, locker. Einen Monat will sich Heyo Kroemer treiben lassen, auch mit seinem Kanu irgendwo auf den Mecklenburger Seen. Vermutlich wird er diesen Vorsatz brechen, sich auf den Dienstantritt in Berlin vorbereiten. Gewissenhaft. So wie er stets ansprechbar war – auch sonntagvormittags für wichtige Telefonate, dienstlich.

In Berlin betritt er „Neuland“ wie er sagt, aber auch durchaus bekanntes Terrain. Über seine Arbeit in Gremien, auch der Politik, kennt er handelnde Personen auf beiden Ebenen. Die legendenumwobene Charité, dieses in Medien gern als Haifischbecken und unregierbar betitelte Riesenklinikum mit mehreren Standorten, kennt Kroemer natürlich noch nicht so richtig. Das wird auch Zeit in Anspruch nehmen. Er weiß aber um die wartenden Aufgaben samt Umfeld, das er beackern muss und wird, um etwas zu erreichen.

Reizvolle Charité

Der gerne strukturiert und strategisch denkende Medizin-Manager soll die größte Klinik Deutschlands auf Kurs Zukunft bringen und begleiten hin zur digitalen Klinik.

„Eine reizvolle Aufgabe“, sagt Kroemer in seiner ihm eigenen Art zu untertreiben. Als die Offerte kam, konnte er – nach Bedenkzeit – nicht widersprechen. Seine Frau aber wollte eigentlich nicht mehr weg aus Göttingen. Und der Ehemann hatte es ihr versprochen – eigentlich.

Einzige Option Berlin

Im Kopf aber war stets noch diese eine Möglichkeit: Berlin. „Wenn, dann war nur Berlin als Ort eine Option.“ Die Hauptstadt liegt quasi in Reichweite von Greifswald, der vorherigen Station der Kroemers und Standort des Familienheims.

„Die Charité hat rund 14.500 Mitarbeiter, das ist doch interessant“, sagte Heyo Kroemer kürzlich. Seine Göttinger „Firma“ , wie er die UMG gerne nannte, hat etwas mehr als die Hälfte.

Gruppenbild mit Vorgänger: Beim Abschiedsempfang für Prof. Dr. Heyo K. Kroemer kamen auch Berliner: So Steffen Krach aus der Staatskanzlei des Regierenden Bürgermeisters (Mitte) und Prof. Dr. Karl Max Einhäupl von der Charité (rechts).

Organskandal

2011 kam er und erlebte gleich die heftigen Nachwehen des Transplantationsskandals, den er gerne anders bezeichnet. Die Struktur der UMG hat sich danach verändert, die Transplantationen wurden eingestellt. „Wir haben daran wirtschaftlich keinen Schaden genommen.“

Junge Professoren

Vielmehr freut sich Heyo Kroemer darüber, dass sich aus seiner Sicht so einiges verändert hat seit 2012. Viele jüngere, gute Leute sind gekommen, erzählt er. In der Forschung habe sich mächtig etwas getan, es gibt neue Forschungsgebäude und Kooperationen.

Kooperation mit MHH

Die Infrastruktur dafür steht, auch die Verbindungen zu anderen Einrichtungen, selbst zur MHH. Mit der hat er – auch gegen Widerstand in der UMG – eine punktuelle Kooperation gesucht, dabei eine Einheit gebildet, auch, wenn es um das Durchsetzen von Plänen und Finanzierungen bei Regierung und Ministerien ging. „Einige haben mich anfangs schräg angeguckt, als ich die Kooperation vorschlug.“

Bequem war der kühle Kopf Kroemer sicher nicht immer. Beleg dafür könnte die Rede der Björn Thümler bei der Abschiedsfeier in der UMG sein, als der Wissenschaftsminister ihm etwas despektierlich wünschte, er möge „Ruhe finden in Berlin“. Und das Leben dort genießen, das viel böte.

Im Sinne der Sache

Der Ostfriese Kroemer ist ein kühler Stratege. Feindschaften und Animositäten, die Vorhaben blockieren, pflegt und mag er nicht. Das Ziel ist im Kopf und zum Erreichen bedarf es Kooperationen. Es gilt, Allianzen zu schmieden, stets im Sinne der Sache.

Das UMG-Trio

Die stand für Kroemer auch immer im Vordergrund, wenn es um Sitzungen ging. Ob als Vorsitzender der Gesundheitsregion, ob im Stiftungsrat, dem Fakultätsrat oder der trauten Vorstandsrunde: Es sollte und musste etwas herauskommen. „Danach haben wir Drei auch gerne noch mal eine Stunde zusammengesessen“, sagt Kroemer und meint Dr. Sebastian Freytag und Dr. Martin Siess. Sie seien ein Trio gewesen, was aufgrund der Verschiedenheit der Typen eigentlich „gar nicht so richtig hätte funktionieren können“, wie Kroemer schmunzelt. Aber es ist wie bei Fußballmannschaften, in denen die Chemie auf einmal hundertprozentig stimmt, wo Eitelkeiten beiseitegeschoben werden, einer für den anderen auch mal Wege geht, die wehtun. Probleme waren so Problemchen, „immer lösbar“, wie Kroemer sagt. „Außergewöhnlich!“

Guter Moment

Ein guter Moment, um zu gehen. Obwohl: Gerne hätte Heyo K. Kroemer, dessen K. für Klaus steht, an der UMG noch mehr voran und – noch besser – auch zu Ende gebracht: Nämlich den Neubau, in dessen Anbahnung er viel Kraft gesteckt hat. „Er ist existenziell wichtig und darf nicht gefährdet werden.“ Kroemer wird das Projekt weiter wachsam, in aller Stille, beobachten – und ansprechbar bleiben. Notfalls kommt er kurz mal rüber, mit dem ICE ist er fix in Göttingen.

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