Uni-Kliniken brauchen mehr Geld vom Bund

In die Jahre gekommen: Die Gebäude des Universitätsklinikums Göttingen stammen größtenteils aus den 70er-Jahren. Eine Sanierung ist teilweise nicht sinnvoll. Neu- und Umbauten sollen bis 2030 etwa 800 Millionen Euro kosten. Unten das Bettenhaus I das zuerst abgerissen und neugebau werden soll. Auf dem Glände des Teiches (unten) soll ein Operationszentrum entstehen.. Luftbild: Rampfel

Göttingen. Der Landesrechnungshof (LRH) rügt die Landesregierung und die Göttinger Universitätsmedizin (UMG) für eine nicht zeitgemäße Kostenplanung des Projektes Klinikum-Neubau.

Wir sprachen darüber mit dem Vorstand Dr. Sebastian Freytag, der auch für die Bauplanung verantwortlich zeichnet.

Herr Freytag, was sagen Sie zu den Vorwürfen des Landesrechnungshofes. Ist der Klinikum-Neubau in Gefahr? 

Dr. Sebastian Freytag: Nein. Bei der Bauplanung gelten die strengen Vorgaben durch den Landeshaushalt. Das sehe ich als klare Verpflichtung für eine solide Planung. Die UMG hält sich strikt an die Vorgaben des Landes zur Ermittlung der Kosten, hat alternative Kostenpläne erstellt und mit dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie dem LRH diskutiert. Ein finanzieller Puffer wäre sicher vernünftig, ist aber über den Landeshaushalt nicht abzubilden.

Ist solch ein Mammutprojekt über zwei Jahrzehnte überhaupt klar kalkulierbar? 

Freytag: Es ist klar, dass ein so hochkomplexes Projekt wie der Neubau eines Großklinikums Risiken bei der Planung birgt. Wir sind als UMG der Meinung, dass wir eine sorgfältige und solide Planung durchgeführt haben. Mit dem „Generalentwicklungsplan Bau“ wurde für die Zukunftsfähigkeit der UMG 2008 eine ernsthafte Masterplanung ge-startet. Eines ist ganz klar: Der Standort Universitätsmedizin in Göttingen braucht für seine Existenzsicherung dringend diesen Krankenhausneubau. Er ist alternativlos.

Wie kam es zu dem Kostenanstieg für die Baustufen 1A und 1B? 

UMG-Vorstand Finanzen: Dr. Sebastian Freytag

Freytag: Die Planungen für das Neubauvorhaben Bettenhaus 1 und Zentraler Operationssaal wurden seitens der UMG nach einer ersten Vorentwurfsplanung 2009 und 2010 noch einmal 2011 für die Entwurfsplanung gründlich und detailliert erstellt. Es hat sich gezeigt, dass das Bauvorhaben der ersten Baustufe mit dem vorgesehenen Haushaltsvolumen nicht hätte durchgeführt werden können. Daraufhin wurde in Abstimmung mit dem Stiftungsausschuss Universitätsmedizin und dem Land die erste Baustufe aufgegliedert: in die Baustufe 1A (Bettenhaus I) und die Baustufe 1B (Zentral-OP).

Die wiederum deutlich teurer werden... 

Freytag: Für die Baustufe 1A sind 138 Millionen, für die Baustufe 1B etwa 90 Millionen Euro kalkuliert – insgesamt etwa 228 Millionen. Beide Baustufen sind mit dem Land abgestimmt, das Bauvorhaben 1A ist ausfinanziert, für das Bauvorhaben 1B sind die Planungsmittel vom Land bereitgestellt worden. Alles ist seriös kalkuliert, zeitlich gestreckt und aus Haushaltsmitteln finanzierbar. Die jetzt geplanten Mittel für den Neubau in der Baustufe 1A sollten ausreichen

Warum kalkulierte die UMG überhaupt mit einem Eigenanteil an den Baukosten, wo doch die Erträge sinken? 

Freytag: Eine Eigenanteilsplanung sehen das Land und die UMG inzwischen auch kritisch. Durch das zusätzliche Investitionspaket für Sanierung und Bauprojekte des Landes für die universitäre Medizin, also Medizinische Hochschule Hannover und UMG, aus 2014 wurde die UMG von ihrem Eigenanteil entlastet.

Der LRH warnt vor einer Unterfinanzierung der UMG? Wie ist die zu verhindern? 

Freytag: Die UMG befindet sich in ihrer wirtschaftlichen Lage in der gleichen Situation wie bundesweit alle Universitätsklinika: Die strukturelle Unterfinanzierung der Leistungen universitärer Medizin berührt die UMG. Gefordert ist hier auch die Politik. Es ist spürbar, dass die Problematik einer unterfinanzierten Hochschulmedizin mehr in das Bewusstsein rückt. So hat sich die große Koalition in Berlin auf eine bessere Finanzierung der Hochschulambulanzen verständigt, so dass hier mit zusätzlichen Finanzmitteln gerechnet werden kann, ohne dass diese insgesamt ausreichend sein werden.

Muss also wieder mehr gespart werden? 

Freytag: Die UMG muss auch selbst ihre Hausaufgaben machen und in ihren Leis-tungsbereichen weitere Sparpotenziale identifizieren.

Wird es neue Fördertöpfe vom Bund geben? 

Freytag: Zumindest ist es zu begrüßen, dass sich Politik und Öffentlichkeit mit der problematischen Unterfinanzierung der universitären Medizin ernsthaft befassen. Es ist aber noch nicht absehbar, in welcher Form dies erfolgreich sein wird.

Welches Ergebnis hat die UMG 2014 geschrieben? 

Freytag: Das wirtschaftliche Ergebnis der UMG für 2014 wird noch geprüft. Insofern können keine Aussagen zu den offiziellen Bilanzzahlen gemacht werden. Wir rechnen für das zurückliegende Jahr mit einem mäßigen Fehlbetrag.

Hintergrund

Nach sieben Jahren Bauzeit wurde 1976 das Zentralklinikum in Betrieb genommen. Seitdem gab es kaum Ersatzinvestitionen, nur Nachbesserungen. Die Bausubstanz ist sanierungbedürftig. Das gilt auch für die Bettenhäuser und den Operationsbereich mit 30 Sälen. Die erste Kalkulation sah für den Neubau von Bettenhaus I, OP-Zentrum und Notaufnahme in einem Gebäude 150 Millionen Euro vor. Das Land hatte dafür 120 Millionen Euro zugesagt. Den Rest sollte die UMG beisteuern. Der neue Klinikvorstand kalkulierte 2011 für nun zwei neue Gebäude neu. Ergebnis: 228 Millionen Euro Kosten. Dass speziell die Neuplanung für das Bettenhaus nicht neutral geprüft worden sei, moniert der Landesrechnungshof. Der Neu- und Umbau bis 2030 soll etwa 800 Millionen (tko)

Zur Person

Dr. Sebastian Freytag stammt aus Kassel und ist seit 1. Januar 2012 als Vorstand der UMG für das Ressort Wirtschaftsführung und Administration verantwortlich. Nach dem Medizinstudium und der Ausbildung zum Facharzt für Chirurgie in Göttingen und Kassel absolvierte er einen postgraduierten Studiengang mit dem Schwerpunkt Vertrieb und Marketing. Freytag war bis 1999 als Oberarzt klinisch tätig, bevor er als Projektleiter in ein Tochterunternehmen des Klinikums Kassel wechselte. Er arbeitete in der Beratung von Großkrankenhäusern, Kostenträgern und Unternehmen der Gesundheitswirtschaft. Im Dezember 2004 übernahm er die Leitung des Zentralcontrollings an der UMG. Freytag ist verheiratet und hat vier Kinder.

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