Nerven steuern Prothese

Uni-Medizin setzt Neuentwicklung von Ottobock ein

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Die Prothese sitzt und funktioniert gut: Patient Roland Dube (2.v.r.) im Gespräch mit Prof. Rickard Branemark (links), Unfallchirurgin Dr. Jennifer Ernst und Erik Andres von Ottobock.

Göttingen – Für Roland Dube ist ein Traum wahr geworden: Er kann seine Prothese jetzt fast wie einen natürlichen Arm bewegen – mit den Nerven.

Erst gut zehn Patienten haben deutschlandweit diese neuartige Entwicklung bislang bekommen.

Diese Variante der Armprothesen wurde in dieser Woche an der Universitätsmedizin Göttingen vorgestellt. Das Projekt geht auf eine Entwicklung des Duderstädter Unternehmens Ottobock zurück. Bis zu acht Sensoren sorgen dafür, dass ganz viele Bewegungen gleichzeitig möglich werden.

Dube hatte bei einem Arbeitsunfall 2014 den rechten Arm verloren. Damit die neue Technologie funktioniert, müssen zwei Operationen in eine integriert werden. Bei dem Eingriff wurde eine Knochenverankerung für die neue Spezial-Prothese in den verbliebenen Armstumpf implantiert. Außerdem wurden die Nerven so auf vorhandene Muskeln umgelegt, dass die Befehle aus dem Gehirn direkt von den fünf Sensoren aufgenommen und in Steuerbefehle für den künstlichen Arm übersetzt werden können.

Dube hatte zuvor eine normale Prothese, die auf den Armstumpf aufgesteckt wird. Sie erfüllte allerdings nicht seine Erwartungen. Deshalb wurde in der „Spezialsprechstunde Amputationsmedizin“ von Prof. Dr. Wolfgang Lehmann die spezielle Lösung gefunden.

Für die Knochenverankerung war im September vergangenen Jahres Prof. Rickard Branemark aus San Francisco zu einer Operation nach Göttingen gekommen. Er hat in dieser Woche drei weitere Patienten an der Universitätsmedizin behandelt. Die Göttinger Ärzte wollen die Technik des Spezialisten übernehmen und bald selbst einsetzen.

Gut 14 Monate nach der OP ist Roland Dube mit seinem „neuen Arm“ richtig zufrieden. „Zuvor musste ich dreimal gehen, um den Müll wegzubringen. Jetzt reicht ein Gang“, sagt der 56-Jährige aus dem Kreis Höxter stolz.

An der Ambulanz der UMG arbeiten Spezialisten aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen. So werden auch die Nachsorge und das Training mit der neuen Prothese geplant. „Die behandelten Patienten brauchen nach der Operation viel Geduld“, macht Unfall-Chirurgin Dr. Jennifer Ernst deutlich. Der Grund: Die Nerven, die über die Muskeln die Prothese steuern, wachsen nur ganz langsam.

Jährlich gibt es in Deutschland etwa 800 Arm-Amputationen. Die neue Versorgung ist aber nicht für jeden Patienten geeignet. Die Kosten, die nach entsprechender Indikation von den Krankenkassen beziehungsweise der Berufsgenossenschaft übernommen werden, liegen bei 150 000 bis 200 000 Euro pro Patient. Außerdem kommt die neue Versorgungsvariante auch für Beinamputierte in Frage.

Kontakt: Universitätsmedizin Göttingen, Spezialsprechstunde Amputationsmedizin, Tel. 0551/39-20401, E-Mail: Exoprothetik@med.uni-goettingen.de 

umg.eu

Prothesen-Entwicklung: In Zukunft soll auch Fühlen möglich werden

Die Überlegungen bei Ottobock zur Zukunft der Prothesen gehen noch viel weiter als die Nervensteuerung. Denn bei Prothesen bleibt das Fühlen völlig auf der Strecke. Das soll sich in den nächsten Jahren ändern. 

Viele Patienten greifen mit der künstlichen Hand einen Gegenstand, merken aber dabei nicht, dass er ihnen einfach herunterfällt. Mit der neuen Technologie, die noch in den Kinderschuhen steckt, soll ein Teil des „Tastgefühls“ wieder erlebbar gemacht werden. 

Eine Idee für die Umsetzung der Überlegungen von Ottobock: Ein Gerät könnte auf der Haut vibrieren, wenn sich die Finger einer künstlichen Hand berühren. „80 Prozent der Nerven sind zum Fühlen da, nur 20 Prozent für die Steuerung der Bewegung“, sagte Chefentwickler Prof. Dr. Hans Dietl schon 2017 bei einer Präsentation in Berlin. Das Duderstädter Unternehmen hofft, auch bei dieser Entwicklung Maßstäbe setzen zu können – zum Wohle der Prothesenträger.

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