Ausstellungsstücke waren ausgeliehen

Alte Frauen-Mumien zurück an Göttinger Universität

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Mumien der Uni sind zurück: Dr. Birgit Grosskopf und der Restaurator Jens Klocke betteten auch den mumifizierten Leichnam einer Guanchen-Frau in ihre Ausstellungsvitrine um.

Göttingen. Das war Filigranarbeit. In die Ausstellungsvitrinen der Anthropologischen Sammlung der Uni Göttingen sind am Dienstag vier uralte Bewohnerinnen zurückgekehrt.

Die Mumien waren an das Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim ausgeliehen und wurden im dortigen St. Bernward-Krankenhaus im Computertomografen (CT) untersucht.

Ob sie neue Geheimnisse preisgeben, das will die Göttinger Mumienforscherin Dr. Birgit Grosskopf erst nach Auswertung der Bilder bekanntgeben, die bis gestern noch nicht vorlagen. Aber: Die Vermutung, dass bei einer weiblichen Mumie „eine Gewalteinwirkung“ zu Lebenszeit auf der Frontseite stattgefunden hat, habe sich bestätigt, sagte Grosskopf beim Ausladen und Umbetten der zum Teil seltenen Mumien.

Dabei hat sich Grosskopf die Hilfe eines erfahrenen Experten gesichert: Jens Klocke. Der freischaffende Restaurator aus Hildesheim bezeichnet sich selbst halb im Spaß, halb im Ernst als „Mumienflüsterer“. Er hatte viele Mumien in seinen Händen und sie für Untersuchungen vorbereitet oder von ihnen Materialproben genommen.

Als er am Dienstag die weibliche Guanchen-Mumie, die er vorher mit Bauschaum und Holzwinkeln gesichert, in Folie eingehüllt und in einer stabilen Kiste verstaut hatte, mit spitzen Fingern auspackt, scherzt er: „Sie erzählen Geschichten, aber man liest sie mehr, als dass man sie hört.“

Mit Respekt und Vorsicht am Werk

Wenn Klocke von der nicht mehr eingewickelten Guanchen-Mumie als „Mädchen“ spricht, ist das nicht abwertend gemeint, sondern respektvoll: „Man muss sie mit Respekt und Vorsicht behandeln, es sind schließlich tote Menschen.“ Fast eine halbe Stunde dauert es, bis das „die Dame“ vom Schutzmaterial befreit war und behutsam mit Hilfe von Brettern als Unterlage auf den Boden „ihrer“ Vitrine gelegt werden konnte.

Dort entdecken Klocke und Grosskopf noch etwas: auf dem Tuch, auf dem die Mumie liegt, lugt ein Zettel mit alter Typografie hervor – ein Etikett. Mit filigraner Fingerarbeit und Pinzette ziehen die Mumienexperten es hervor: „Anatomisches Institut Göttingen, Guanche, Teneriffa, in Ziegenfelle eingenäht. Von Baronet Banks“. Ein Zettel, der viel erzählt: So, dass die Mumie seit 1802 liegt, und dass sie vom britischen Naturforscher Joseph Banks stammt, der auch mit dem Göttinger Kollegen Johann Friedrich Blumenbach im 19. Jahrhundert zusammenarbeitet hat.

60 Kilogramm auf der Waage

Nach der Guanchen-Mumie widmen sich Birgit Grosskopf und Jens Klocke den „anderen Damen“ in den Holzkisten: eine ägyptische Mumie und eine südamerikanische Hockermumie. Die „Schönste“ aber ist eine ägyptische Frauenmumie, die in einem fein verzierten Holz-Sarkophag liegt und immerhin etwa 60 Kilo auf die Waage bringt.

Am Ende ist Birgit Grosskopf froh, „dass die Zeit der leeren Vitrinen vorbei ist und die Bewohnerinnen heil zurückgekehrt sind“. Nun widmet sich die Mumien-Forscherin den CT-Aufnahmen. Mal schauen, was ihr die Mumien noch zu erzählen haben.

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