Uni-Präsidentin

Ulrike Beisiegel - die erste Frau im Amt geht: „Ein dickes Fell ist wichtig“

Abschied: Ulrike Beisiegel winkt gut gelaunt aus dem Fenster ihres präsidialen Arbeitszimmers mit Blick auf den Wilhelmsplatz in Göttingen. Foto: Hubert Jelinek

Die Uni-Präsidentin geht, nach einer achtjährigen Amtszeit: Ulrike Beisiegel sprach mit uns über eine positive Zeit in Göttingen. 

Ulrike Beisiegel hat für die Universität Göttingen gelebt, die Arbeitstage waren lang, die Nächte oft kurz. Nach acht Jahren als Präsidentin geht sie in den Ruhestand und zurück nach Hamburg. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht die 67-Jährige auch eine Bilanz.

Was steht für Sie nach acht Jahren als Uni-Präsidentin unter dem Strich?

Ich habe ganz viel gelernt. Obwohl ich schon Erfahrung im Wissenschaftsmanagement hatte, wusste ich noch längst nicht alles, was die Leitung einer Voll-Universität, die ein Privileg ist, mit sich bringt. Ich hatte Kontakt zu spannenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Mitarbeiterinen und Mitarbeitern sowie tollen Themen. Ich habe Höhen und Tiefen erlebt, aber unter dem Strich bleibt die Zeit in sehr guter Erinnerung. Das Auf und Ab, das es gab, gehört dazu.

Zuletzt gab es viel „Ab“: Passt der Moment, jetzt zu gehen, da die Uni, bundesweit in Schlagzeilen ist?

Ich gehe in den vorgezogenen Ruhestand. Die Entscheidung habe ich vor einem Jahr bewusst und genau überlegt getroffen, um den Weg frei zu machen für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger und eine Neuausrichtung der Universität nach dem Nichterreichen des Exzellenz-Status.. Die Uni hätte ein Jahr und drei Monate Zeit gehabt, eine Nachfolge zu organisieren. Das hat nicht geklappt, und ich finde sehr schade, was geschehen ist. Es bleibt aber für mich der richtige Moment zum Gehen, da ich jetzt nicht die Richtige wäre, um die Neustrukturierung auf den Weg zu bringen. Ich kann nicht mehr helfen.

Der Exzellenz-Wettbewerb war auch Ihr Ziel. War es eine persönliche Niederlage?

Es war eine bittere Entscheidung, aber kein Grund, zurückzutreten. Ich bin ja nicht alleine verantwortlich für das Scheitern der Cluster - die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler übrigens auch nicht. Die Exzellenzinitiative ist nun mal ein harter Wettbewerb, bei dem auch sehr gute Unis herausfallen. Wir haben Vollanträge für Cluster in vier Fachdisziplinen geschrieben - in den Religionswissenschaften, der Neurobiologie, Agrartechnologie und der Primatenforschung. Das Präsidium hat den Prozess begleitet. Am Ende steht für mich, was unsere Wissenschaftler gesagt haben: Frau Beisiegel, wir haben gut zusammengearbeitet, und die Entscheidung kann nicht Ihnen angelastet werden.

Fühlten Sie sich manchmal alleingelassen?

Da werden schnell auch mal Schuldzuweisungen gemacht. Von den beteiligten Wissenschaftlern habe ich mich nicht allein gelassen gefühlt, wir haben gute Gespräche geführt. Dass der eine oder andere sagt: Ach, die Präsidentin ist schuld, das ist das Normalste der Welt. Wenn Sie so einen Job hier annehmen, dann müssen Sie wissen, dass Sie eigentlich immer schuld sind.

Das klingt souverän und gleichzeitig resigniert. Liegt das daran, dass der Exzellenz-Misserfolg auch öffentlich Ihnen zugeschrieben wurde?

Das fand ich auch. Vermutlich wäre es jedem Präsidenten so gegangen. Aber ich war die erste Frau in der Leitung der Uni. Und ich glaube, dass das auch schon ein gewisses Problem vor der Entscheidung war, dass hier nun eine Frau mit einem anderen Führungsstil arbeitet. Das habe ich durchaus gespürt, und das haben Menschen auch gesagt. Als Frau braucht man ein dickes Fell und muss wissen, wo man wirklich verantwortlich ist und wo Verantwortung übernommen werden muss. Aber generell teilt sich die Verantwortung für die Clusteranträge mit den Antragstellenden, dem Vizepräsidenten für Forschung und den Gremien. Die Gremien haben den Anträgen zugestimmt. Ich habe sie weder selber geschrieben, noch alleine darüber entschieden.

Sie haben sich für die Verbindung von Uni, Stadt, Region und Wirtschaft engagiert, mit Erfolg?

Die Förderung von Südniedersachsen hat sich auch mithilfe des Landes gut entwickelt. Hier hat sich in den vergangenen Jahren viel bewegt, auch, weil die verschiedenen Partner prima zusammengearbeitet haben: Stadt, Region, Uni, Kultur, Sport und Wirtschaft sowie die Medien.

Viele fanden das gut, manche Professoren nicht.

Ich habe das gelebt. Unter anderen Präsidenten mit etwas mehr Elfenbeinturm-Mentalität hätte sich das so nicht entwickelt. Ich bin auch viel unterwegs gewesen in der Region, jüngst in Duderstadt. Eine schöne Sache. Das verbuche ich auf der persönlichen Habenseite. Die regionale Entwicklung wäre nicht so gut gewesen, wenn ich die Uni nicht geleitet hätte, was mir wiederum andere übel genommen haben. Es ist halt bequemer, im Elfenbeinturm sitzen zu bleiben.

Was haben Sie getan, um die Frauen in der Uni zu stärken?

Ich habe zunächst die Zuständigkeit für das Gleichstellungsbüro übernommen, um ein Zeichen zu setzen. Mittlerweile gehört das zu den Aufgaben unserer Vizepräsidentin für Lehre, Studium und Chancengleichheit. Ich habe immer 50 Prozent Frauen und Männer im Präsidium gehabt. Und ich war, glaube ich, ein wichtiges Rollenmodell: Viele Frauen und Professorinnen haben gesehen, wie ich als Frau auftrete, wirke und rede. Das hat auch im Präsidium gewirkt – ein reines Männerpräsidium würde auf manche Dinge gar nicht kommen.

Wie muss man gestrickt sein, um als Frau in einer männerdominierten Struktur klar zu kommen?

Entscheidend ist, dass man ganz bei sich selbst ist und nicht versucht etwas zu sein, was man nicht ist. Nur dann ist man als Frau gut. Noch einmal: Ein dickes Fell ist wichtig. Und ebenso, zu wissen, wo man fachlich steht und wohin man will. Ein Verstellen oder Anpassen funktioniert nicht so gut. Ich bin sehr bei mir geblieben, habe manchmal einstecken müssen, manchmal bin ich unterstützt worden. Es wäre übrigens auch für viele Männer gut, ein bisschen mehr bei sich zu bleiben und nicht zu versuchen, sich irgendwohin anzupassen.

Was müssen die Unis tun, um weiter für Wissensentwicklung und -transfer dominierend zu bleiben?

Universitäten müssen eine Spitzen-Infrastruktur für Forschung und Lehre bieten. Die Studierenden müssen genug Freiraum für kreative, zukunftsgerichtete Entwicklungen haben. Wir müssen Angebote für Start-Ups und Einsteiger bieten. Und wir müssen vom reinen Technologietransfer zum Wissenstransfer kommen. Es geht nicht nur darum, eine neue IT in die Gesellschaft zu bringen, sondern auch darum, aus den Sozial- und Geisteswissenschaften Einfluss auf den Prozess der Demokratieentwicklung zu nehmen – da sind wir noch nicht so gut. Ich glaube, wenn sich die Universitäten nicht stärker zur Gesellschaft hin öffnen und eine Interaktion in stärkerem Maße zulassen, erfüllen sie ihre Rolle nicht mehr. Dann hat die Gesellschaft ein Problem.

Während es intern, auch hinter vorgehaltener Hand, stetig Kritik von Professoren gab, schienen Ihnen die Göttinger eher wohlgesonnen zu sein. Täuscht der Eindruck?

Ich werde in der Stadt oft angesprochen: ‚Sie sind die Präsidentin? Ich wollte Ihnen mal sagen, das ist toll, was sie machen’. Ich bin also in Göttingen gut aufgenommen worden. In Klubs, bei Empfängen und Veranstaltungen hatte ich den Eindruck, dass mich viele Menschen mögen. Ich habe auch Briefe von Menschen bekommen, die es schade finden, dass ich gehe

Sie galten als 24-Stunden-Arbeiterin. Haben Sie einen Plan für den Unruhestand?

Am 1. Oktober ist der Umzugswagen bei mir zu Hause. Mich zieht es wieder nach Hamburg – ans Wasser. Ich will viel Segeln. Auf dem Programm stehen Wandern, Fahrradfahren, Schwimmen, Kultur, Lesen – all das, wozu ich bislang keine Zeit hatte. Die meisten sagen: Das traue ich Ihnen gar nicht zu, dass Sie das können. Ich sage: Ich kann das! Ich bleibe dem Wissenschaftssystem sicher noch ein paar Jahre erhalten, werde in bestimmten Aufsichtsgremien weiter mitarbeiten und Begutachtungsprozesse begleiten. Es würde ja auch keinen Sinn machen, überall sofort heraus zu gehen. Ich habe meinen Kopf ja nicht abgeschaltet, er funktioniert noch.

VON THOMAS KOPIETZ

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