Uni-Soziologe: Stress vor Weihnachten drückt das Wohlbefinden

Kauf-Rausch vor Weihnachten: Der Anspruch, es allen Freunden und Verwandten recht machen zu wollen, führt zum Einkaufsstress in der Vorweihnachtszeit – und das schlägt auf die Stimmung, wie eine europäische Umfrage-Studie ergeben hat. Foto: dpa

Göttingen. Von wegen besinnliche Weihnachtszeit: Der vorweihnachtliche Trubel und der Druck, Geschenke kaufen zu müssen, hinterlässt bei vielen Menschen Spuren.

In der Vorweihnachtszeit fühlen sie sich unwohler als in anderen Zeiten des Jahres. Ausnahme sind gläubige Christen: Ihnen kann die Vorweihnachtshektik nicht so viel anhaben.

Viele andere Menschen aber fühlen sich gestresst durch den Druck, rechtzeitig Geschenke kaufen zu müssen. „Hinzu kommt die Erwartungshaltung die mit den Feiertagen verbundenen gesellschaftlichen Verpflichtungen erfüllen zu müssen“, sagt Prof. Dr. Michael Mutz.

Der Soziologe der Uni Göttingen hat umfangreiche Daten aus der europäischen Sozialstudie ausgewertet. Grundlage sind Umfragen von je etwa 4000 Personen in elf Ländern mit christlicher Prägung, darunter Belgien, Estland, Deutschland, Ungarn, Niederlande, Spanien und Großbritannien. Gefragt wurde danach, wie zufrieden die Menschen mit ihrem Leben sind und wie sie ihren emotionalen Zustand beurteilen würden.

Generell auffällig bei den ausgewerteten Antworten war, dass die Menschen, die in der Weihnachtszeit befragt wurden – das waren 2057 von insgesamt mehr als 40.000 – deutlich schlechter gestimmt waren, als die Menschen, die zu anderen Zeiten des Jahres interviewt wurden. Eine Gruppe aber ragt aus der Umzufriedenenfraktion vor Weihnachten heraus: sehr gläubige Christen. Sie sind laut Mutz in der Vorweihnachtsphase positiver eingestellt und zufriedener mit ihrem Leben. „Christliche Glaubenszugehörigkeit ist ein Schutzfaktor gegen den allgemeinen Verlust an subjektivem Wohlbefinden in der Weihnachtszeit.“

Der Göttinger Soziologe führt den von vielen Menschen empfundenen Mangel an Lebensqualität und emotionalem Wohlbefinden auf den vorweihnachtlichen Trubel und die wachsende Ausrichtung auf materiellen Konsum zurück, die mit dieser festlichen Zeit einhergehen.

Aus dem Druck, Geschenke kaufen zu müssen erwächst ein weiteres Problem: „Finanzielle Sorgen werden in der Weihnachtszeit oft als zusätzliche Belastung empfunden“, sagt Mutz.

Interview mit dem Soziologen Michael Mutz: Nicht so materialistisch denken!

Der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Michael Mutz hat Daten der Europäischen Sozialstudie „European Social Survey“ genutzt und das Schwerpunktthema Lebenszufriedenheit bearbeitet– in Bezug auf die Vorweihnachtszeit. Wir haben mit Mutz darüber gesprochen.

Sie sagen, der Stress in der Vorweihnachtszeit senkt das Wohlbefinden. Warum können sich Menschen dem Stress vor Weihnachten nicht entziehen?

Prof. Dr. Michael Mutz: Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Laut einer Studie gibt jeder Haushalt durchschnittlich 425 Euro für Weihnachtsgeschenke und -essen aus. Fast 20 Prozent des Einzelhandels-Umsatzes fallen ins Weihnachtsgeschäft. Wer auf traditionellem Wege seine Geschenke und den Weihnachtsbraten besorgen will, muss sich wohl oder übel in den Trubel stürzen.

Sie sprechen aber auch von sozialem Stress...

Mutz: Wenn Menschen versuchen, an drei Tagen möglichst die ganze Familie, alle Verwandten und Freunde zu sehen und die Kontakte zu pflegen, die sonst im Jahr vielleicht zu kurz kommen, dann ist das Stress. Schließlich kann die hohe Erwartungshaltung an ein möglichst harmonisches Weihnachtsfest schnell zu Enttäuschungen führen. Zumindest zeigen die wenigen Studien dazu, dass familiäre Konflikte gerade zu Weihnachten nicht selten sind.

Was würde zu mehr Zufriedenheit führen?

Mutz: Dafür gibt es kein Patentrezept. Man sollte versuchen, mit Familie und Freunden zu vereinbaren, sich nicht zu viel zu schenken, denn die Konsumaktivitäten sind eine wesentliche Stressquelle. Vielleicht ist die höhere Zufriedenheit bei sehr religiösen Christen in der Weihnachtszeit darauf zurück zu führen, dass sie Weihnachten anders feiern: besinnlicher, stärker innenorientiert, sicher auch weniger stark materialistisch orientiert. Das könnten erste Hinweise sein, wie man Weihnachten zufriedener erleben kann.

Wirkt sich die Unzufriedenheit auch anderweitig aus?

Mutz: Es gibt internationale Studien, die darauf hinweisen, dass in der Woche vor Weihnachten überdurchschnittlich viele Menschen mit koronaren Herzkrankheiten und Atemwegserkrankungen in Krankenhäuser eingeliefert werden. Außerdem weiß man, dass Einsamkeit und negative Stimmungen zunehmen. Vor allem in den Tagen unmittelbar nach Weihnachten steigt die Suizidrate an.

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