UMG-Vorstand Krankenversorgung

Universitätsmedizin Göttingen: Martin Siess zieht es nach elf Jahren an die TU München

Dr. Martin Siess steht an einem Rednerpult vor einem Banner der UMG und gestikuliert mit seinen Armen
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Mal im Mittelpunkt: Dr. Martin Siess, Universitätsmedizin Göttingen, Vorstand Krankenversorgung bis Mai 2021, beim UMG-Jahresempfang.

Ende April räumte UMG-Vorstand Krankenversorgung Martin Siess seinen Schreibtisch in der UMG. Nach kurzer Auszeit kehrt er nun zurück - auf den Vorstandschefstuhl der TU München.

Göttingen/München - Linksaußen tragen im Fußball die Nummer 11 und gelten oft als Exzentriker. Die Zahl 11 könnte auch Martin Siess auf dem Abschiedstrikot mit dem Firmensignet „UMG“ tragen. 11 Jahre war der Fußballfan Vorstand Krankenversorgung in jener Universitätsmedizin Göttingen. 11 Jahre mit einigen Tiefen und „mehr Höhen“, hat er erlebt und „sehr viel mitgenommen“, wie Siess sagt.

„Es war eine intensive Zeit in Göttingen“, bilanziert er, der nicht zu überschwänglichen oder gar dramatisierenden Worten und Schilderungen neigt. Siess ist ein abwägender Analytiker, ein ausgleichender, moderierender Typ, der in seiner UMG-Zeit auch Gräben zuschüttete, die Vorgänger – teils unter Spardruck agierend – aufgerissen hatten.

Sein Büro war zuletzt endlich dort, wo er es immer haben wollte, im Herzen des Zentralgebäudes und nicht im nun abgerissenen, ungeliebten Vorstandscontainer oder Ausweichquartier MLP-Hochaus. Eingerichtet war es modern, zweckdienlich und klar – mit wenig Gedöns, aber schicker schwarzer Ledergarnitur. Auch das passte, denn Siess spielte nicht spektakulär, wie die großen Linksaußen auf dem Fußballfeld, drängte demnach auch nicht in die Öffentlichkeit. Star-Gehabe, Unnahbarkeit: Fehlanzeige.

Bei den Empfängen – auch in der UMG – mied Martin Siess das Rampenlicht, überließ es, wie auch die Außenvertretung der 8000-Mitarbeiter-Klinik, meist dem von ihm geschätzten, langjährigen Vorstandsprecher und gewieften Strategen Heyo Kroemer, nun Chef der größten deutschen Klinik, der Berliner Charitè. Von Kroemer spricht der zurückhaltende, diplomatische Siess denn auch mit Hochachtung.

Stichwort Zurückhaltung: diese Eigenschaft kreideten ihm manche in der UMG an, aus der Reserve locken ließ sich Siess dennoch nicht, er blieb sich treu. Selbst nach zähen Verhandlungsrunden, so wie manches Mal in Hannover, wenn es vor allem um den Uni-Klinik-Neubau ging.

Der ist zwar nun – endlich – ein gutes Planungsstück weiter, aber dass es derart langsam voranging, hatte Martin Siess absolut nicht erwartet. „Meine Vorgängerin hat mir gesagt, darum müsste ich mich nicht kümmern, die Planung steht.“ Ein Irrtum.

Das Projekt, die Planung, das manchmal desillusionierende Bemühen um ein Vorankommen auf der politischen Ebene mit dort wechselnden Akteuren wie den Ministerpräsidenten David Mc Allister und Stephan Weil sowie Ministerin und Minister – all das störte auch Siess, er ließ es sich aber nicht anmerken, im Gegensatz zum impulsiveren Vorstandskollegen Sebastian Freytag, der 2019 entnervt ging.

Prominenter Bersuch: Martin Siess, Ex-UMG-Vorstand Krankenversorgung, überlässt gern anderen das Rampenlicht, auch denen, die es gewöhnt sind wie den Tatort-Kommissarinnen/Schauspielerinnen Maria Furtwängler und Florence Kasumba. Siess könnte Furtwängler übrigens in seiner Heimatstadt München nun wieder treffen.

Den Medien gegenüber zeigte sich Siess aufgeschlossen-reserviert und fair – aber er war eben nicht der pointierte Schlagzeilenlieferant. Statements mit politischem Inhalt waren selten und wenn meist aus der Sprach-Schublade mit der Aufschrift „Diplomatie“ entnommen.

Selbst dann, wenn es um ein Thema ging, das auch Siess nicht mochte: die Klinikfinanzierung um Forschung, Lehre und Krankenversorgung soll schwarze Zahlen schreiben. Ein Spagat, der zu Sehnenrissen führt, nicht klappen kann. Das wusste Siess, der kraft Position in diesem festgezogenen Schraubstock zwischen Planwirtschaft und politisch gewolltem Gewinn-Unternehmen funktionieren musste.

Viel lieber spricht Martin Siess über das Personal der UMG, die Spitzenpositionen, wo auch er maßgeblich in die Verpflichtung von jüngeren Top-Medizinern und Forschern eingebunden war. Die Führungsschiene wurde runderneuert. „Wir haben hier ein Top-Niveau erreicht und fast alle Leute bekommen, die wir wollten.“

Er musste allerdings auch die größte Krise der Göttinger Uni-Klinik erleben und managen: den Skandal um die Lebertransplantationen, und manipulierte Organlisten, „Organspendeskandal“ genannt. Siess moderierte diese Krise.

Der gesamte Vorstand präsentierte sich geschlossen, klar strukturiert. Am Ende wurde das Leber-Transplantationsprogramm gekappt, wurden Abteilungen neu aufgestellt. „Das ist uns gut gelungen, aber es war eine schwere Zeit mit einem enormen Medieninteresse.“

Auf Medieninteresse trifft Siess auch in München, wo er in seinem Metier bleibt. Umziehen muss er aber nicht, Siess, der gebürtige Münchner, lebte die ganze Zeit mit Familie dort.

In Göttingen – seinem Arbeitsort, wo es sonst für ihn nicht viel anderes gab, wohnte er im Hotel und selbst die Bahnfahrten nutzte er zum Arbeiten. Jetzt ist die Anreise kürzer. „Ungewohnt“ wird das sein, meint Siess, der sich an seine gesplittete Wohn-Arbeits-Welt gewöhnt hatte.

Näher dran ist er nun auch an „seinem Klub“, dem FC Bayern, für den er sich begeistert. Die Bayern-Trikots mit der Nummer 11 trugen auch Uli Hoeneß, Jürgen Klinsmann, Lukas Podolski und Stefan Effenberg – spektakulärere Typen, teils mit Macke.

Martin Siess wird auch sie mögen – aber in der Bayern-Metropole eher unauffällig seinen Job machen, wie es die wertvollen Zuarbeiter für die Stars, Bernd Dürnberger oder Bixente Lizarazu, taten, die ebenfalls die „11“ trugen. (Thomas Kopietz)

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