Monika Lennartz als vielseitige Erzählerin

Unmögliche Liebe: „Das Erdbeben in Chili“ am Deutschen Theater

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Vielseitige Erzählerin: Monika Lennartz auf der Bühne des DT in Göttingen.

Göttingen. Das Stück "Das Erdbeben in Chili" feierte Premiere am Deutschen Theater Göttingen. Die gezeigte Version erarbeitete Erzählerin Monika Lennartz 2001 am Maxim Gorki Theater in Berlin.

Da steht sie mit funkelnden Augen, den Blick fest ins Publikum gerichtet. „Das Erdbeben in Chili“, diese Worte sagt Monika Lennartz (77) wie eine Schülerin, die ihr Aufsatzthema vorstellt. Sie sind nicht nur Überschrift zu Heinrich von Kleists gleichnamiger Erzählung von 1807. Die Schauspielerin im dunklen Kleid trägt sie als Ankündigung vor, als könne sie kaum erwarten zu berichten.

Für die nächste Stunde gelingt ihr mit sparsamsten Mitteln eine Verdichtung der Erzählung, als sei sie Augenzeugin gewesen. Mal im Plauderton, dann wieder fast dozierend deklamiert sie Kleists Werk wortwörtlich. Aus einem Reisekoffer holt sie immer wieder Requisiten, auf der Bühne steht sonst nur ein Schemel (Ausstattung: Tim Zumbuch). Kleists Sprache ist reich an Details und dennoch nüchtern genug, eine Distanz zur Geschichte und den Figuren herzustellen.

Wie ein Beobachter schildert Kleist das Drama um die verbotene Liebe zwischen Josephe und Jeronimo in „San Jago“. Entgegen aller Versuche, ihre Beziehung zu unterbinden, zeugen die Liebenden sogar ein Kind. Vom Erzbischof als Sünder verurteilt - sie zum Tode, er zu einer Gefängnisstrafe - entkommen sie ihrem Schicksal durch ein gewaltiges Erdbeben, das die Stadt dem Erdboden gleichmacht. Jeronimo ist gerade im Begriff, sich im Gefängnis zu erhängen, als die Mauer, an der er den Strick befestigt hat, einstürzt. Er flieht auf der Suche nach Josephe aus der zerstörten Stadt und gelangt in ein wunderschönes Tal. Er, der sich kurz zuvor noch umbringen wollte, dankt Gott für seine Errettung. Sein Glück scheint perfekt, als er dort auf seine Liebste und den gemeinsamen Sohn Philipp trifft. Überhaupt begegnen die Menschen dort dem Paar mit „so viel Vertraulichkeit und Güte“, dass die Liebenden mutmaßen, das allgemeine Unglück habe alle zu einer Familie gemacht, Hass und die Anfeindungen der letzten Zeit seien nichtig.

Service: 

"Das Erdbeben in Chili" wieder am 17. und 23.10. Karten unter der Rufnummer: 0551/496911.

Das gilt nicht für die überkommenen Gesellschaftsstrukturen: Die Teilnahme an einem Dankgottesdienst in einer noch erhaltenen Kathedrale wird ihnen zum Verhängnis. Sie werden erkannt und vom Mob getötet.

2001 erarbeitete Monika Lennartz das Stück erstmals am Maxim Gorki Theater in Berlin, wo sie 44 Jahre Ensemblemitglied war, gemeinsam mit Erich Sidler, dem neuen Intendanten am Deutschen Theater in Göttingen.

Monika Lennartz gelingt es bei der Premiere, die Figuren aus Kleists Erzählung zu beleben und die Zuschauer nahe an die Handlung zu holen, ohne die Distanz zu den Ereignissen aufzugeben. Die Schauspielerin setzt dazu kleine, ausdrucksstarke Gesten und Handlungen ein. Unterstrichen wird dieser gewaltige Spannungsbogen durch die leichten Intermezzi des jordanischen Pianisten Karim Said. Stürmischer Applaus.

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