„Tilt! Der ultimative Jahresrückblick“

Urban Priol: Verrückte führen Blinde

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Perfekte Unterhaltung: Kabarettist Urban Priol bei seinem Auftritt in der ausverkauften Göttinger Stadthalle.

Göttingen. Mit seinem Programm „Tilt! Der ultimative Jahresrückblick“ gastierte der Kabarettist Urban Priol in der ausverkauften Göttinger Stadthalle.

In dreieinhalb Stunden machte Priol, gewohnt bissig und unterhaltsam, eine Abrechnung mit dem Jahr 2014: Vom Weltmeistertitel zur Streikwelle bei der Bahn, vom ADAC-Skandal zum Freihandelsabkommen und wieder hin zu Priols Lieblingsthema: Die Kanzlerin und ihre Stillstandpolitik – Welpenschutz für die Opposition inklusive.

Scharfe Pointen

Wie kein anderer vernetzt Priol Themen in rasanter Geschwindigkeit, bringt scharfe Pointen und holt zum Rundumschlag gegen Politik und Gesellschaft aus: Ob die katholische Kirche und der Papst, „die Trompete von Jericho“, oder auch „die Deutschen, die sich als Wackeldackel auf der Hutablage der Demokratie“ kein Stück für die NSA und die Überwachung interessieren – mit seinem realitätsnahen Sarkasmus verschonte Priol keinen.

In blau-rot-kariertem Karohemd, schwarzer Brille und mit dem obligatorischen Weißbier auf der Bühne, parodierte Priol gekonnt die Altkanzler Kohl und Schröder. Wie immer wurde er nicht müde zu betonen, dass, wenn man das Wort „Bundeskanzlerin“ in einer Buchstabensuppe verändere, „Bankzinsenluder“ herauskomme. Bei ihrer Politik der Einschläferung sorge einzig allein die CSU, „das Tochterunternehmen des Vatikan“ für lustige Forderungen. Aber auch die AFD und ihr Vize-Chef Alexander Gauland, „der im kackbraunen Sakko seine innere Gesinnung auch nach außen trägt“ bekam ihr Fett weg.

Perfekte Unterhaltung, viele Lacher, aber auch eine hohe Aufmerksamkeit – so mancher Zuschauer, schien am Ende des Abends ziemlich geschafft. Die Sympathien der Göttinger hatte Priol aber schnell sicher: Seine Kritik am fehlenden Respekt vor der demokratischen Debatte endete in einer Forderung nach Anwesenheitspflicht für Abgeordnete im Bundestag. Großer Beifall brandete im Göttinger Publikum auf, als er zudem forderte, dass „alle Smartphones vor Sitzungsbeginn durch die Saaldiener eingesammelt werden sollen“.

Auch den schlechten Zustand der deutschen Bundeswehr und Schäuble, „das safety car des deutschen Staatshaushalts, der schwarzen Null“ ließ Priol nicht aus. Seinem zweiten Lieblingsfeind, Joachim Gauck, warf er vor, wenn er schon der Neutralität verpflichtet sei, die auch überall walten zu lassen und nicht schon vor der Thüringer Wahl Stimmung dagegen zu machen. Bei Fazit hielt Priol es mit Shakespeare: „Das ist die Seuche dieser Zeit: Verrückte führen Blinde.“ (zli)

Von Lisa Brüßler

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