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Urteil gegen Göttinger Professor sorgt für „Entsetzen“ - viele sehen Korrekturbedarf

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Von: Heidi Niemann

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Gebäude Amtsgericht und Landgericht Göttingen: Das Eingangsschild zeigt in den Himmel.
Gebäude Amtsgericht und Landgericht Göttingen: Das Eingangsschild zeigt in den Himmel. (Symbolbild) © Thomas Kopietz

Ende März fiel ein Urteil gegen einen Göttinger Professor. Viele Gruppen sind darüber „entsetzt“ und sehen Korrekturbedarf.

Göttingen – Knapp drei Woche nach dem Urteil des Landgerichts Göttingen gegeneinen Universitätsprofessor gibt es weiter Kritik an dem Urteil. So zeigt sich das Frauenforum Göttingen „entsetzt“ über das Urteil. In dem Forum sind nach eigenen Angaben 28 Einrichtungen vernetzt, so Opferschutzorganisationen, Gleichstellungsbeauftragte sowie Frauen, die in Parteien, Gewerkschaften, Bildungseinrichtungen und Kirchen aktiv sind.

„Sie alle sehen in diesem Urteil einen Rückschlag nicht nur für ihr Engagement, sondern für alle Frauen“, erklärte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Christine Müller.

Das Landgericht hatte den früheren Institutsleiter wegen Übergriffe auf zwei Doktorandinnen und eine Labormitarbeiterin zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung verurteilt. Der 58-Jährige habe die Frauen geschlagen, teilweise mit einem Bambusstock. In einigen Fällen habe er sie dabei in seinem Büro eingesperrt, einmal habe er einer Doktorandin mit der flachen Hand auf das nackte Gesäß geschlagen.

Damit habe sich der Professor in vier Fällen der gefährlichen Körperverletzung im Amt in Tateinheit mit Nötigung und Freiheitsberaubung schuldig gemacht. Acht weitere Fälle werteten die Richter als Körperverletzung im Amt. Ein weiterer Fall sei als fahrlässige Körperverletzung im Amt zu werten.

Staatsanwaltschaft als auch ein Vertreter der Nebenklage Revision haben gegen das Urteil eingelegt. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten beantragt. Die Nebenklage will auch eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung erreichen.

Nach Ansicht des Frauenforums sind sowohl die rechtliche Würdigung als auch das Strafmaß korrekturbedürftig. So sei der Freispruch vom Vorwurf der sexuellen Misshandlung nicht nachvollziehbar, sagte Dagmar Freudenberg vom Deutschen Juristinnenbund. Sie war viele Jahre Staatsanwältin in Göttingen. Danach war sie bis zu ihrer Pensionierung Referentin im Niedersächsischen Justizministerium und Leiterin der Fachstelle Opferschutz im Landespräventionsrat.

Das Schlagen mit dem Stock oder mit der Hand auf den unbekleideten Körper der Betroffenen sei eine sadomasochistische Handlung, die in mindestens einem Fall unter den Paragrafen 177 (sexueller Übergriff/sexuelle Nötigung) falle, erläutert Freudenberg. Je nach Ausführung handele es sich um eine leichtere oder schwerere aggressive Sexualpraxis, die 2008 in einem Urteil des Landgerichts Göttingen als „Spanking“ definiert worden sei. „Spanking“ sei verboten. Nach Ansicht der Göttinger Juristin steht das Urteil auch im Widerspruch zu der 2016 verabschiedeten Neuregelung des Sexualstrafrechts. Demnach komme es für eine Strafbarkeit nur darauf an, dass der Beschuldigte mit bedingtem Vorsatz gegen den erkennbaren Willen der Betroffenen gehandelt habe. Eine solche Tat gegenüber Erwachsenen sei bei Ausnutzung einer schutzlosen Lage mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe bedroht.

Das Frauenforum hofft, dass eine Überprüfung durch den Bundesgerichtshof „hierkorrigierend und im Sinne des mit der Istanbul-Konvention mühsam erreichten und mit der Reform des Sexualstrafrechts erstrebten Opferschutzes eingreift.“ (Heidi Niemann)

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