„Fußball ohne Politik nicht vorstellbar“

Verband der Göttingen 05-Fans zeigt Ausstellung über Juden im deutschen Fußball

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Ausstellungseröffnung „Juden im deutschen Fußball“ (von links): Klaus Schultz, Philipp Rösener (mit dem Julius-Hirsch-Preis) und Bernd Beyer.

Göttingen. Mit einer Ausstellung unter dem Titel „Kicker, Kämpfer, Legende – Juden im deutschen Fußball“ macht die „supporters crew 05“, der Fan-Dachverband aller Anhänger des SC Göttingen 05, auf ein Thema aufmerksam, das aktuell wieder an Dimension gewinnt.

Klaus Schultz, Diakon der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, die die Ausstellung verleiht, machte bei der Eröffnung auch auf zunehmenden Antisemitismus und Rassismus in den Stadien aufmerksam. Auch ein Grund, warum die supporters crew die Ausstellung zeigt. „Fußball ohne Politik ist nicht vorstellbar“, sagte Philipp Rösener vom Vorstand des Fan-Verbandes. „Wir haben es uns seit fünf Jahren zur Aufgabe gemacht, auch Veranstaltungen, die über den Fußball hinausgehen, zum Thema zu machen.“

Parallel zur überregionalen Ausstellung ist in den 05-Fan-Räumen in der Oberen Masch 10 (OM10) auch noch einmal die eigene Ausstellung über Ludolf Katz, einem jüdischen Vereinsmitglied des SC Göttingen zwischen 1905 und 1934, zu sehen. Für die Thematisierung dieses Kapitels der Vereinsgeschichte erhielt die supporters crew 2015 den Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball Bundes (DFB). „Es ist wichtig, dass man regionale Bezüge schafft“, sagt Schultz. So werde deutlich, dass die Ausgrenzung der Juden in den 1930er Jahren „nicht irgendwo passiert ist“.

Die Ausstellung „Kicker, Kämpfer, Legenden“ zeigt eindrücklich die Bedeutung, die Männer jüdischer Herkunft für die Entwicklung des deutschen Fußballs hatten. Dass dieses Thema in den Blick der deutschen Öffentlichkeit geriet, ist auch Bernd Beyer zu verdanken. Er veröffentlichte 2003 im Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ eine Biographie über Walther Bensemann, einen wichtigen Wegbereiter des Fußballs in Deutschland.

Seit 2005 ist der DFB – auch auf Druck von außen – bei der Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels der deutschen Sport-Geschichte engagiert. Beyer: „Theo Zwanziger hat die Erinnerungskultur beim DFB eingeführt.“ Der Verband gehe mittlerweile gut mit diesem Thema um, sagt auch Schultz.

Für die supporters crew ist die Ausstellung auch eine Art Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Der Ausstellungsort OM10 steht in unmittelbarer Nähe zur Göttinger Synagoge, die erste Vereinsgaststätte der 05-er lag direkt gegenüber. Rösener sagt es drastisch: „05 hat sich in den 1930er-Jahren genauso scheiße verhalten wie alle anderen Clubs auch.“

Alle zwei Jahre zeigt der Fan-Verband eine Ausstellung in seinen Räumen.

Für 2018 erinnerten sie sich an Klaus Schultz, den sie bei der Verleihung des Julius-Hirsch-Preises 2015 kennengelernt hatten.

Vortragsreihe zum Thema "Juden im deutschen Fußball"

Termine: 

Mittwoch, 14. März, 19.05 Uhr: Rolf Fischer, „Antisemitismus im (ost-) deutschen Fußball“ (im OM10);

Donnerstag, 22. März, 19.05 Uhr: Simon Volpers, „Ultras – wo Männer gemacht werden“ (im OM10); 

Montag, 9. April, 19.05 Uhr: Prof. Lorenz Pfeiffer, „Unser Verein ist ‘judenfrei!’ – Ausgrenzungen im deutschen Sport“ (im OM10); 

Freitag, 20. April, 18 Uhr: Dr. Henry Wahlig, „Der Fußballplatz als ‘neue Synagoge’ – Sport und seine Bedeutung im Alltagsleben deutscher Juden in der NS-Zeit“ (im ZHG); 

Mittwoch, 25. April, 18 Uhr: Prof. Diethelm Blecking, „Von der Suche nach dem ‘nayen mentshn’: die linksradikalen Sportorganisationen der polnischen Juden“ (im ZHG).

Die Pioniere des „undeutschen“ Sports

Männer jüdischer Herkunft hatten großen Einfluss auf die hiesige Entwicklung des Fußballs

Sie machten die „englische Krankheit“, den „undeutschen“ Fußball in der deutschen Öffentlichkeit salonfähig und bereiteten so den Weg einer großen Fußball-Nation: Walther Bensemann, Julius Hirsch oder Kurt Landauer stehen exemplarisch für Männer jüdischer Herkunft, die heute zu den Pionieren ihrer Sportart in Mitteleuropa gelten.

Julius Hirsch 

„Juller“ Hirsch galt vor dem Ersten Weltkrieg als einer der besten deutschen Stürmer. Mit Gottfried Fuchs (ebenfalls Jude) und Fritz Förderer bildete er das legendäre Innensturm-Trio des Karlsruher FV, bis 1914 einer der dominieren Vereine im Lande. 1910 und 1914 (mit der SpVgg Fürth) wurde er Deutscher Meister. 

Die DFB-Elf bei den Olympischen Spielen von 1912: „Juller“ Hirsch (hinten links) spielte als linker Innenstürmer mit.

Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wurde er – wie alle anderen Juden – aus seinem Verein ausgeschlossen. 1942 ließ sich seine evangelische Ehefrau von ihm scheiden, womit Hirsch den Schutz der „privilegierten Mischehe“ verlor. 1943 wurde er nach Auschwitz-Birkenau deportiert und später ermordet. 

Seit 2005 vergibt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Julius-Hirsch-Preis an Gruppen oder Personen, die sich für Toleranz im Fußball einsetzen. 

Kurt Landauer 

Kurt Landauer stand für die Internationalisierung und die beginnende Professionalisierung im deutschen Fußball. Zwischen den Kriegen formte er als Präsident Bayern München zu einer Spitzenkraft im deutschen Fußball: 1926 und 1928 wurden die Roten süddeutscher Meister. 1932 gewannen die Bayern erstmals die Deutsche Meisterschaft. 

Landauer legte 1933 sein Präsidenten-Amt nieder. Etwa zehn Prozent der Vereinsmitglieder waren damals jüdischer Herkunft, alle wurden aber noch im selben Jahr ausgeschlossen. 1939 flüchtete Landauer in die Schweiz. Als Bayern 1940 zu einem Spiel in Zürich gastierte, begrüßten ihn seine ehemaligen Spieler – trotz Nazi-Verbotes – herzlich. Von 1947 bis ´51 war Landauer nochmals Präsident der Roten. 2013 wurde er posthum zum Ehrenvorsitzenden ernannt.

Walther Bensemann 

Walther Bensemann war eine der schillerndsten Figuren in der Frühzeit des deutschen Fußballs. Der talentierte Kicker liebte Ausschweifungen, das klare Wort und vor allem „seinen“ Sport. 

Dass er kein Blatt vor den Mund nahm, machte ihn zu einem unbequemen Zeitgenossen. Wiederholte Streitigkeiten mit Vereinskameraden und häufige Wohnortswechsel waren die Folge. Doch egal wo er war, Bensemann schaffte es überall eine Menge an Jugendlichen für den Fußball zu begeistern. Er verstand seinen Pioniergeist missionarisch und propagierte immer wieder die Internationalität des Fußballs. 

Viele Club-Gründungen im süddeutschen und hessischen Raum gehen auf Bensemanns Konto, anfangs vor allem in Karlsruhe, wo der Fußball noch als unbekannt galt. Auch an der Gründung von Bayern München und der Frankfurter Eintracht war er beteiligt – und an der des DFB. 

1900 nahm Bensemann als Vertreter für sechs Karlsruher und Mannheimer Vereine an der Gründungsversammlung des Verbandes teil. Im Gegensatz zu seinem Freund Ivo Schricker, später erster Generalsekretär der FIFA, bewarb sich Bensemann aber nie um einen Funktionärsposten. 

Nach dem Ersten Weltkrieg gründete er eine Fachzeitschrift: Der „Kicker“ erschien 1920 erstmals in Nürnberg. Bensemann erkannte früh eine gesellschaftliche Funktion im Fußball und sparte in seinen Artikeln nicht mit gesellschaftlicher Kritik.

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