Wissenschaftsdenkmal

Verein kümmert sich um Göttinger Erdbebenwarte: Wenn die Erde vibriert

Historische Instrumente für die Erdbebenforschung kann man in Göttingen besichtigen.
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Historische Instrumente für die Erdbebenforschung kann man in Göttingen besichtigen.

Göttingen – In der Uni-Stadt steht die älteste noch voll funktionsfähige Erdbebenwarte der Welt. Ein Verein kümmert sich um den Erhalt des einzigartigen Wissenschaftsdenkmals.

Es rumst heftig auf dem Hainberg oberhalb von Göttingen. Von der Spitze eines Gerüsts donnert aus knapp 15 Metern Höhe eine vier Tonnen schwere Stahlkugel auf den Waldboden. Beim Aufprall fliegt welkes Laub hoch, die Erde vibriert. „Im Herbst würden jetzt die Bucheckern von den Bäumen fallen“, sagt Udo Wedeken. Das Ganze ist ein künstlich erzeugtes kleines Erdbeben. Die Erschütterung lasse sich noch in 50 Kilometern Entfernung feststellen, erzählt Wedeken.

Er ist zweiter Vorsitzender des Vereins „Wiechert’sche Erdbebenwarte“ Göttingen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtete der Geophysik-Professor Emil Wiechert (1861-1928) mit anderen Wissenschaftlern auf dem Hainberg eine Erdbebenwarte, die 1902/1903 in Betrieb genommen wurde und heute häufig als weltweit älteste Einrichtung dieser Art beschrieben wird. „Das stimmt aber nicht ganz“, korrigiert Wedeken. „Es ist die älteste noch in Betrieb befindliche Erdbebenwarte.“ Es gebe noch ältere in Schottland und am Vesuv, „aber das sind nur noch Ruinen“.

„Damit Wiechert und seine Kollegen überhaupt Erdbeben messen konnten, mussten sie erstmal Erdbeben machen“, erklärt Wedeken. 1908 begann Ludger Mintrop, ein Schüler Wiecherts, künstliche Beben zu erzeugen - mit Hilfe eben jener Stahlkugel, deren Fall vor wenigen Augenblicken zu beobachten, zu hören und zu spüren war. Im Umkreis aufgestellte transportable Seismographen registrierten mit bis zu 50 000-facher Verstärkung die künstlich ausgelösten seismischen Bodenwellen.

Die Mintrop-Kugel: Mit dieser Stahlkugel können kleine Erdbeben in Göttingen simuliert werden.

Im Alten Erdbebenhaus auf dem Hainberg, es liegt etwas versteckt unter Bäumen, ist heute historische Hochtechnologie zu bestaunen. Der Hauptraum ist vollgestellt mit drei noch funktionsfähigen Seismographen aus der Gründerzeit der Erdbebenwarte, der größte wiegt 17 Tonnen. Die Bodenplatte des Raumes liegt auf einem Felsen, die meterdicken Wände schützen die empfindlichen Geräte vor Wärme und Feuchtigkeit.

Die alten Göttinger Seismographen registrieren bis heute Erdbewegungen auf der ganzen Welt: das Seebeben vor Fukushima von 2011 und die nordkoreanischen Atomwaffenversuche ebenso wie ein schwaches Beben in der Schweiz mit der Stärke 3,7 vor wenigen Wochen, versichert Wedeken. Nicht zu vergessen: „Das kleine Erdbeben, das wir vorhin mit der Mintrop-Kugel ausgelöst haben, natürlich auch.“

Die Seismographen übertragen die Ausschläge auf eine feine Nadel, die sie wiederum auf gerußtes Papier kratzt. Die so ermittelten Daten leitet die Erdebenwarte zur Auswertung an mehrere Bundesbehörden weiter, das geschieht allerdings längst per Computer. (Reimar Paul/epd)

Führungen: an jedem ersten Sonntag im Monat, Anmeldungen sind unter besichtigungen@erdbebenwarte.de oder Tel. 05508/9767-10 erforderlich. Weitere Infos gibt es hier.

80 Mitglieder des Trägerverein ermöglichen den Erhalt der Erdbebenwarte

Die rund 80 Mitglieder des Trägervereins ermöglichen durch ihre Beiträge den Erhalt der Erdbebenwarte. Eine weitere Einnahmequellen sind Spenden von Besuchern.

„Vor Corona hatten wir bis zu 100 Führungen im Jahr“, berichtet Udo Wedeken, der Zweite Vorsitzende. „Dann ging das auf Null runter“. Festen Eintritt will der Verein aber auch künftig nicht verlangen. „Wir haben ja auch einen pädagogischen Auftrag. Wir versuchen, jungen Menschen auf anschauliche Weise einen Zugang zu Naturwissenschaft zu vermitteln.“ „Wir haben diese Instrumente teils unter Müll gefunden“, sagt Vorsitzender Wolfgang Brunk. Denn 2005 habe die Göttinger Universität die Erdbebenwarte aufgeben und abstoßen wollen. „Alles, was sie brauchen konnte, hat sie mitgenommen. Was sie nicht brauchen konnte, hat sie hiergelassen. Bis hin zu den gebrauchten Winterreifen des letzten Institutschefs.“

Das Land Niedersachsen, Rechtsnachfolger des ursprünglichen Besitzers Königreich Hannover, bot das Gelände zum Kauf an.

Der auf die Schnelle gegründete Verein Wiechert’sche Erdbebenwarte Göttingen erhielt den Zuschlag, fachkundige Mitglieder und ehemalige Mitarbeiter des Institutes für Geophysik konnten die Geräte trotz einiger Schwierigkeiten nach wenigen Wochen wieder in Gang bringen. (Reimar Paul)

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