Vernetzung in Niedersachsen, Hessen und Thüringen

Verfassungsschutz sieht Südniedersachsen als einen Schwerpunkt rechter Aktivitäten 

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Rangelei am Rande einer Rechten-Veranstaltung in Göttingen: Auf dem Albaniplatz – früher Adolf-Hitler-Platz – vor der Stadthalle kam es im August 2016 zu Rangeleien zwischen Teilnehmern der Gegendemonstration, Mitgliedern des Freundeskreis Thüringen/Niedersachsen und Polizeikräften.

Der niedersächsische Verfassungsschutz stuft die Region Göttingen/Südniedersachsen in seinem Bericht 2018 als einen "Schwerpunkt neonazistischer Aktivitäten" im Land ein. 

In der Uni-Stadt gibt es für rechte Parteien sehr wenig zu holen. Die AfD kam bei der Europawahl gerade einmal auf 4,8 Prozent der Stimmen. Dennoch: Der niedersächsische Verfassungsschutz stuft die Region Göttingen/Südniedersachsen in seinem Bericht 2018 als einen „Schwerpunkt neonazistischer Aktivitäten“ im Land ein.

Dass rechtsradikale Kleingruppen wie der ehemalige Freundeskreis Thüringen/Niedersachsen unter Jens Wilke in der von ihnen ungeliebten und gern auch gemiedenen „linken“ Stadt Göttingen überhaupt agieren, liegt auch an der Unterstützung von „Kameraden“ aus dem Umland. 

Dreiländereck ist Aktionsraum einschlägig bekannter Neonazis

Denn das politisch-strategische Dreiländereck Hessen-Niedersachsen-Thüringen ist Wohn- und Aktionsraum einiger einschlägig bekannter Neonazis und Rechtsaktivisten: dort wohnen auch der Thüringer AfD-Landtagsabgeordnete und ehemalige Lehrer in Bad Sooden-Allendorf Björn Höcke (Bornhagen) sowie Neo-Nazi Thorsten Heise (Fretterode) nur wenige Kilometer voneinander entfernt am westlichen Rand Thüringens.

Jens Wilke wohnt ebenfalls nah daran, in der Gemeinde Friedland. Der Verfassungsschutz schreibt den Neonazis aus Niedersachsen trotz ihrer Reiseaktivitäten „keinen überregionalen ideologischen Einfluss“ zu, warnt aber davor, die Gewaltbereitschaft zu unterschätzen.

Als Beispiel dafür stünde die Neo-Nazi-Gruppierung „Nordadler“, gegen die auch Durchsuchungen wegen illegalen Waffenbesitzes liefen. Waffen fanden sich auch bei einer Razzia im Umfeld der Gruppe um Jens Wilke: darunter Schlagstöcke, Messer, eine Machete, eine Armbrust. 

Journalisten wurden nach einer Verfolgungsjagd attackiert

Das Göttinger Amtsgericht eröffnet aber kein Hauptverfahren, weil es den Straftatbestand der „Bildung einer bewaffneten Gruppe“ für nicht gegeben ansah. Dennoch: Körperliche Attacken gegen Linksaktivisten waren auch vor Gericht anhängig. 

Und zwei Journalisten aus der linken Göttinger Szene wurden nahe des Heise-Wohnorts Fretterode (Landkreis Eichsfeld) nach einer Verfolgungsjagd per Auto attackiert.

Mitglieder der Szene sollen auch unterstützend bei Veranstaltungen mitgewirkt haben, die von Thorsten Heise, Gründer der neonazistischen „Kameradschaft Northeim“ und Mitglied im Bundesvorstand der NPD, organisiert wurden, so auch bei den „Schild&Schwert-Festivals“ in Ostritz (Sachsen), beim Eichsfeldtag in Leinefelde (Landkreis Eichsfeld) und bei Zeitzeugenabenden in Heises Wohnort Fretterode.

Rechte Attacken nehmen laut Göttinger Anwalt zu

Im vergangenen Jahr machte die Neonaziszene in Göttingen vor allem mit Aufklebern, Schmierereien, Hitlergrüßen und rechten Pöbeleien in Kneipen auf sich aufmerksam. Viele Göttinger Wirte konterten mit der Aktion „Kein Bier für Nazis.“ 

Ende November griffen am Theaterplatz mehrere Personen einen 27- und einen 29-Jährigen an. Eines der Opfer erlitt durch einen Schlag mit einem langen Gegenstand aus Metall einen Kieferbruch.

Attacken dieser Art nehmen laut dem Göttinger Rechtsanwalt Sven Adam, der Aktive der linken Szene oder Geschädigte vertritt, seit Ende 2018 wieder zu. Adam schätzt die Gruppe um Jens Wilke übrigens als „gefährlich“ ein, vor allem, weil sie bereits mit Gewaltdelikten aufgefallen sei. 

„Um die Gruppe ist es zwar zuletzt ruhiger geworden. Das muss aber ja nichts heißen.“

Der neonazistischen Szene in Niedersachsen werden laut Verfassungsschutz etwa 260 Mitglieder zugerechnet, Tendenz fallend. Zum Vergleich: Die NPD hat etwas 250 Mitglieder, die Jugendorganisation Junge Nationalisten nur gut ein Dutzend.

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