Notrufzentrale zieht Bilanz

Vergiftungen: Kinder sind besonders bedroht

+
Bescheidene Unterkunft: An der Südseite auf dem Gelände der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) ist das Giftinformationszentrum Nord in Containern untergebracht.  

Göttingen. Besonders Kleinkinder im Alter von null bis vier Jahren sind von Vergiftungen betroffen. Das weist die Jahresstatistik 2017 des Giftinformationszentrums Nord (GIZ) aus. Mehr als 17.000 Vergiftungsverdachtsfälle der bis Fünfjährigen wurden registriert.

Insgesamt haben 2017 jeden Monat mehr als 3000 besorgte Menschen Rat bei den Experten des GIZ gesucht. Dort klingelte 41 047 mal das Telefon – 103 Anfragen zu Vergiftungen gingen schriftlich ein. Elf Mal standen Ratsuchende vor der Tür des GIZ an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG).

Die 41.161 Anfragen – darunter waren 36.563 Gift-Verdachtsfälle – bedeuten noch einmal einen Zuwachs von 6,5 Prozent gegenüber 2016. Auffällig laut der beiden Leiter Dr. Martin Ebbecke und Prof. Andreas Schaper war, dass 2017 vermehrt Anfragen von medizinischem Fachpersonal kamen, nämlich knapp 17.000.

Dr. Martin Ebbecke, Giftinformationszentrum Nord.

Für die steigende Zahl der Anfragen sei auch die Akzeptanz und der Bekanntheitsgrad des GIZ verantwortlich – aber auch der hohe Bedarf beim Verdacht auf und bei tatsächlichen Vergiftungsfällen, bilanzieren die Leiter der Einrichtung, die an der Südseite des Uni-Klinikums in Containern ihren Sitz hat. Hauptaufgabe der Experten im GIZ ist die Beratung im akuten Vergiftungsfall, dann ist oft schnelle Hilfe nötig und wichtig. Sie wird garantiert durch den auch räumlich kurzen Weg und Draht in die und zu den Spezialeinrichtungen der UMG. „Die Einbettung in das Pharmakologisch-toxikologische Servicezentrum der UMG mit seinen toxikologischen Laboren, erweitert die Kompetenz des GIZ ungemein“, betonen die Mediziner Ebbecke und Schaper.

Die Hitliste der im GIZ registrierten Fälle – der Großteil, mehr als 33.000, passierten im Haushalt – führten Vergiftungen durch Arzneimittel (13.529) und durch Chemische Produkte (10.475) mit Abstand an.

Jeder sollte Gift-Notrufnummer griffbereit haben

Diese Telefonnummer sollte an jeder Pin-Wand oder jedem Kühlschrank in jedem Haushalt hängen: 0551/19240. Denn, wenn sich ein Mensch oder ein Tier vergiftet hat, dann hilft oft der Anruf im Giftinformationszentrum Nord der Göttinger Universitätsmedizin.

Dort beantworten Experten fix die Fragen von besorgten Anrufern – viele zehntausend Mal pro Jahr. 36.563 Verdachtsfälle waren es 2017. Oft kann mit Tipps oder dem Rat zum Arztbesuch geholfen, notfalls aber die umgehende Einlieferung in eine Klinik veranlasst werden. Etwa 21.500 der Menschen mit Vergiftungsverdacht stellten sich 2017 einem Arzt vor, gut 5000 mussten stationär in Krankenhäusern versorgt werden. Immerhin knapp 4000 konnten sich durch die Tipps der GIZ-Experten selbst helfen.

Prof. Andreas Schaper, Giftinformationszentrum Nord.

Eines bleibt in den Statistiken der vergangenen Jahre unverändert: Die weitaus größte Gefahr für Vergiftungen lauert im Haushalt. Von den 36.563 Vergiftungen 2017 passierten 33.763 zu Hause. Dort kommt es häufig zum Kontakt mit toxischen chemischen Produkten (10.475) Kosmetika (2456) und natürlich Nahrungs- und Genussmitteln (2246) – aber auch giftigen Pflanzen und Blüten (3166) – bei all diesen sind Kinder besonders gefährdet, die gerne Dinge einfach in den Mund stecken. In Kindergärten und Schulen hingegen vergiften sich Kinder nur selten, was die Zahl von 400 Fällen unterstreicht.

Pilzvergiftungen wurden dagegen „nur“ 805 mal registriert. Der überhöhte Genuss von Drogen führen zu 703 Anfragen im GIZ.

Den Göttinger Gift-Experten fällt auch Erstaunliches auf: So sorgt ein unterschätztes Gift aus den Tiefen der Meere für fiese Folgen: Das Gift Palytoxin der Krustenanemone. Diese farbenfrohen Blumentiere finden sich auch oft und leicht zugänglich in Aquarien. Beim Reinigen der Becken kann so durch unvorsichtiges Hantieren das Palytoxin über Haut und Atemwege aufgenommen werden. Symptome sind dann auch Schüttelfrost, Kurzatmigkeit und Muskelschwäche. Eine stationäre Behandlung war in der Hälfte aller Fälle notwendig.

Bitter, dass von allen im GIZ gemeldeten Vergiftungsverdachtsfällen auch manche tödlich enden, zum Glück wenige: 2017 waren es 22 Menschen, die so starben. Zwölf davon an schweren Arzneimittelvergiftungen. Die Vielzahl der Fälle bleibt aber ohne Symptome, sowie leichter und mittlerer Art – zum Glück. Immerhin waren 5627 Mal Suizidversuche Ursache für die Vergiftung. Viele konnten gerettet werden.

Das GIZ kümmert sich auch um Tiere: 768 mal meldeten sich Halter. Meist betroffen: Hunde und Katzen vor Pferden und Schafen. 

Giftinfo-Zentrale Nord in Göttingen

Das Giftinformationszentrum (GIZ) Nord ist an die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) angegliedert. Es ist eingebettet in das bundesweite Netzwerk und zuständig für die Bundesländer Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Die 18 Stellen werden von 36 Mitarbeitern ausgefüllt. Es ist rund um die Uhr zur Beantwortung von Anfragen besetzt, erreichbar über die Notrufnummer 0551/19240. Kontakt auch per Fax (0551/3831881), E-Mail: giznord@giz-nord.de und im Internet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.