Grass-Bücher sind „dreidimensionale Kunstwerke“

Verleger Gerhard Steidl sprach über den Literatur-Nobelpreisträger

Arbeitete fast 30 Jahre lang mit Schriftsteller Günter Grass zusammen: Verleger Gerhard Steidl.
+
Arbeitete fast 30 Jahre lang mit Schriftsteller Günter Grass zusammen: Verleger Gerhard Steidl.

Nicht als bloße Texte, sondern als dreidimensionale Kunstwerke begriff Schriftsteller Günter Grass seine Bücher. Das hat das Göttinger-Literaturherbst-Kolloquium „Auseinandernehmen und Zusammensetzen“ herausgearbeitet. Es fand im Kunsthaus Göttingen des Verlegers Gerhard Steidl statt.

Göttingen – Bei der Buchgestaltung überließ der Literatur-Nobelpreisträger von 1999 nichts dem Zufall, berichtete Steidl den knapp 40 Zuhörern. Fast 30 Jahre lang arbeitete der Verleger mit Grass zusammen. Lange bevor ein Manuskript fertig war, suchte der Schriftsteller den Kontakt zu Steidl. Die beiden sprachen über das künftige Format des Buches, über das Papier und die Typographie.

„Grass hatte seine älteren Leser im Blick“, verriet der Verleger. Der Literat drängte auf gut lesbare Schrifttypen, ausreichend große Buchstaben und breite Zeilenabstände. Leser sollten an einem Wochenende ohne größere Anstrengung 200 bis 300 Seiten lesen können.

Nobelpreisträger Grass illustrierte zudem seine Bücher und die Einbände selbst, nahm Einfluss auf die Gestaltung von Werbematerialien, etwa von Prospekten oder Einladungen. Selbst bei der Produktion von Hörbüchern brachte er sich ein.

Handwerklich gestaltete sich auch die Produktion der Texte selbst, die Grass zunächst mit der Hand schrieb, führte der Verleger aus. Die Notizen tippte der Schriftsteller oft mehrfach hintereinander an der Schreibmaschine ab, zermalmte „vor sich hinbrabbelnd“, so Steidl, die Worte, formulierte um. Die so entstandene Endfassung gab dann die Sekretärin am Computer ein.

Dass Schriftstellern nicht nur der Text, sondern auch die Gestaltung des Buches wichtig ist, war Steidl bei seiner Zusammenarbeit mit Heinrich Böll bewusst geworden. „Maßlos enttäuscht“ war nach Erinnerung des Verlegers der Literatur-Nobelpreisträger von 1972 als der Roman „Frauen vor Flußlandschaft“ 1985 nicht – wie von ihm gewünscht – mit einem grünen, sondern mit einem blauen Einband erschien. Blau passte nach Meinung des Verlags Kiepenheuer & Witsch besser zum Titel. Nach Bölls Einschätzung „funktionierte“ der Roman dagegen so nicht. Steidl nahm sich das für seine Arbeit zu Herzen. Bald darauf begann die Zusammenarbeit mit Grass.

Er hatte ursprünglich Grafiker und bildender Künstler werden wollen, berichtete Viktoria Krason, die über das Thema ihre Doktorarbeit verfasst hat. Grass, der immer auch geschrieben hatte, orientierte sich um. 1959 erschien sein Debütroman, „Die Blechtrommel“. Mit seinen Texten setzte er sich auch als Grafiker und Bildhauer auseinander.

Anhand des umfangreichen Materials der Zusammenarbeit von Grass und Steidl lässt sich das analysieren – von „einer Schatztruhe“ für Literaturwissenschaftler sprach der Göttinger Professor Heinrich Detering. Kathrin Wellnitz untersuchte etwa die Entstehung des Indienbuchs „Zunge zeigen“. (Michael Caspar)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.