Was Interaktion im Gehirn bewirkt

Vernetzte Forschung in Göttingen: Soziales Handeln und das Hirn

Test: An einem durchsichtigen Touchscreen können zwei Probanden aufeinander reagieren. Der Sonderforschungssonderbereich „Kognition und Interaktion“ wird stark gefördert. Auch ein neues Zentrum wird gebaut.
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Test: An einem durchsichtigen Touchscreen können zwei Probanden aufeinander reagieren. Der Sonderforschungssonderbereich „Kognition und Interaktion“ wird stark gefördert. Auch ein neues Zentrum wird gebaut.

Schub durch eine millionenschwere Förderung für die vernetzte Forschung am Göttinger Campus.

Göttingen – Ein bahnbrechendes wie passendes Projekt zu dem ebenfalls 2021 bewilligten Forschungsbau „Human Cognition and Behavior“ erhält satte 12,5 Millionen Euro für vier Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – dazu Fragen und Antworten.

Was wird gefördert?
Angeschoben wird der Sonderforschungsbereich (SFB) „Kognition der Interaktion“ der Uni und weiterer Partner am Göttingen Campus. Im SFB werden 24 Wissenschaftler aus den Neurowissenschaften, der Verhaltens- und Kognitionsbiologie, Psychologie und den Datenwissenschaften arbeiten.
Warum diese Kooperation so unterschiedlicher Bereich – auch mit internationaler Beteiligung?
Weil das Forschungsfeld ausgesprochen groß ist. Die Wissenschaftler untersuchen die besonderen Anforderungen, die soziale Interaktionen an unsere kognitiven – also geistigen, Fähigkeiten – und damit an die Leistungen des Gehirns stellen. Sie kommen aus der Uni, dem Deutschen Primatenzentrum (DPZ), dem European Neuroscience Institute Göttingen, dem Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS), der Gesellschaft für wissenschaftliche Datenverarbeitung Göttingen, dem Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf und aus dem Weizmann Institute of Science in Rehovot in Israel.
Worum geht es in der Forschung und im Forschungsneubau „Human Cognition and Behavior“?
In der Forschung geht es um wichtige Vorgänge für soziale Wesen wie Primaten, also Affen und Menschen, denn das Leben in Gruppen beeinflusst das Denken und Handeln. Soziale Interaktionen sind die Grundlage des Zusammenlebens. Sie bilden die Voraussetzung für Kooperationen und des Voneinanderlernens – aber auch für den Wettstreit sowie die Vermeidung von Konflikten, wie die Forscher beschreiben. Welche besonderen Anforderungen soziale Interaktionen an die kognitiven Fähigkeiten stellen, das ist bislang in weiten Teilen unbekannt. „Wir wollen diese Lücke über die Forschungen am SFB schließen“, sagt SFB-Vizesprecherin Prof. Annekathrin Schacht, vom Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie.
Prof. Alexander Gail, SFB-Sprecher
Welche Rolle spielen Konkurrenz und Zusammenarbeit bei Entscheidungen?
Gemeinsam Entscheidungen zu treffen, das ist ein komplexer Vorgang, auch weil jeder Interaktionspartner eigene Interessen und Ziele verfolgt Um diese zu erreichen, muss man nicht nur eigene Handlungen planen, sondern auch die Interessen und den Wissensstand des Gegenübers berücksichtigen – und zwar unabhängig davon, ob man kooperiert oder konkurriert.
Gibt es Beispiele für diese Vorgänge?
„Ein gutes Beispiel für konkurrierende Entscheidungen ist das Elfmeterschießen im Fußball. Der Schütze versucht, nicht zu zeigen, wohin er schießen will, während der Torwart versucht, aus jeder Körper- oder Augenbewegung die Schussrichtung vorherzusagen und dazu auch frühere Erfahrungen mit einzubinden. Das erfordert die gleichzeitige Verarbeitung und Bewertung sehr unterschiedlicher Informationen und ist deshalb kognitiv anspruchsvoll“, sagt SFB-Sprecher Prof. Alexander Gail vom Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie, der auch eine Forschungsgruppe am Deutschen Primaten Zentrum leitet. „Affen spielen zwar nicht Fußball, sind aber mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert, wenn sie mit Artgenossen um die besten Futterstücke konkurrieren.“
Prof. Annekathrin Schacht, SFB-Vizesprecherin
Was passiert bei gemeinsamen Absprachen?
Interaktionen sind nicht nur vom Wettstreit geprägt. „Auch wenn wir gemeinsam ein Ziel verfolgen, müssen wir Absichten, soziale Signale, Emotionen und Bedürfnisse der Beteiligten berücksichtigen“, ergänzt Annekathrin Schacht. „Das ist keine selbstverständliche Fähigkeit und gelingt nicht allen gleich gut. Soziale Signale zu interpretieren und ein Verständnis für die Perspektive anderer zu entwickeln, müssen Kinder zum Beispiel erst erlernen.“
Was ist der besondere Ansatz im künftigen Forschungsgebäude? Welche Möglichkeiten bietet es?
Bisher habe man – auch aufgrund der beschränkten Möglichkeiten – häufig nur einzelne Probanden untersucht. Im neuen Zentrum werden die technischen und personellen Ausstattungen es möglich machen, Interaktionen von mehreren Personen zeitgleich zu untersuchen. Das schaffe laut Schacht ganz neue Möglichkeiten. Das 37 Millionen Euro teure Gebäude soll Mitte 2025 fertig werden. Es entsteht auf dem Gelände der alten Uni-Klinik nahe des kulturwissenschaftlichen Zentrums und der Psychologie der Uni-Göttingen. (Thomas Kopietz)

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