"Verrücktes Blut“ - Koproduktion der Göttinger Theater

Mit der Waffe Schiller erklären: Gaby Dey als Lehrerin (links) und Linda Elsner als eine Schülerin in „Verrücktes Blut“. Foto: Heise

Göttingen. In der Koproduktion des Deutschen Theaters und des Jungen Theaters „Verrücktes Blut“ von Erpulat und Hillje wird Autoritätsverlust in Brennpunkten mit Humor verhandelt.

In der Inszenierung von Nico Dietrich spielten Darsteller beider Ensembles.

Eine Hauptschulklasse, 90 Prozent mit Migrationshintergrund, Kopftuch, Hip Hop, Turnschuhe – so weit, so Klischee (Ausstattung: Susanne Ruppert). „Die Räuber“ von Friedrich Schiller soll die Klasse im Theaterunterricht bei Frau Kelich (Gaby Dey) spielen, doch statt ambitionierter Schüler bekämpft sie machtlos pubertäre, pöbelnde, spuckende Jugendliche. Während hinter ihrem Rücken infantile Revierkämpfe ausgetragen werden, steht sie vor der Klasse und betet ihren Lektüreschlüssel vor.

Plötzlich fällt eine scharfe Waffe aus der Tasche eines Schülers. Die Lehrerin greift danach – und hält nun die Schüler als Geiseln im Klassenzimmer, um ihnen Schillers Idee der ästhetischen Erziehung beizubringen. Was sich wie harter Tobak anhört, wird schnell zur Komödie. Als Erstes bringt Frau Kelich ihren Untergebenen den Unterschied zwischen „Ich“ und „Isch“ bei. Immer wieder Gelächter im Publikum.

In Geiselhaft legen die Schüler plötzlich schauspielerische Fähigkeiten an den Tag, mit jedem Schuss sitzt die Szene besser. Aber Frau Kelich geht es um mehr als um „Die Räuber“, sie will, dass die Jugendlichen stark sind, sich wehren, frei entfalten können. „Eure Eltern haben ihre Heimat verlassen, damit es euch besser geht“, predigt sie und zwingt die Muslima, ihr Kopftuch abzunehmen.

Doch die Ernsthaftigkeit der verhandelten Themen Autorität und Solidarität in sogenannten Problemschulen bleibt unter dem Klamauk auf der Strecke. Es wird nicht klar, welchen Zweck die Komik erfüllen soll. Wahllos schießt die Lehrerin in die Luft, ihre Waffe wird zum Zeigestock. Am Ende akzeptieren ihre Schüler sie als weise Königin der Intelligenz, werfen das Kopftuch weg und tanzen den Befreiungstanz.

Das Ende ist dann doch noch eine willkommene Überraschung, die zum Diskutieren anregt. Die 240 Zuschauer feierten die Premiere mit lang anhaltendem Applaus.

 

Wieder am 18., 20.11., www.junges-theater.de, Tel. 0551/495015.

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