Drohender Wegfall der Geschwisterkinderlösung

Verteilung der Viertklässler sorgt in Göttingen wieder für Streitereien

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Kritik an der Integrierten Gesamtschule Göttingen-Geismar: Sie hatte im Vergleich zu anderen Schulen offenbar einen höheren Anteil an Gymnasiasten. 

Göttingen. In Göttingens Schulgetriebe hakelt es wieder einmal, und zwar zwischen Gesamtschulen und Gymnasien.

Es geht um Anmeldetermine, das vom Land verordnete Losverfahren und einen drohenden Wegfall der Geschwisterkinderlösung.

Was war der Auslöser der Diskussionen?

Bei der Anmeldung für die zukünftigen Fünftklässler erhalten die Gesamtschulen einen Termin zwei Wochen vor den Gymnasien. Das ärgert andere Schulleiter, auch, weil das Kultusministerium per Schulgesetz 2015 ein Losverfahren vorgeschrieben hatte – auch für „ersetzende Schulen“. Das sind die Gesamtschulen in Göttingen, da Haupt- und Realschulen auslaufen. Wolfgang Schimpf, Leiter des Max-Planck-Gymnasiums, bezeichnet das Vorgehen als „bodenlose Unverschämtheit“. Ulrike Koller, Sprecherin der Göttinger Gymnasien, sieht darin eine Ungerechtigkeit zu Lasten der Gymnasien. die in einem Schreiben an die Stadt einen Anmeldetermin für alle forderten. Erfolglos: Laut Dezernent Siegfried Lieske bleibt es für zwei Jahre bei zwei Terminen. So könne man dem Elternwillen bei der Schul- und Schulform-Wahl – soweit zulässig – Rechnung tragen.

Warum konnten die Gesamschulen bisher früher Schüler auswählen?

Weil die Gesamtschulen einen gewissen Anteil – eine Quote – von leistungsstarken und -schwachen Schülern aufnehmen wollen und müssen, dabei eine sinnvolle Mischung benötigen. Auch konnten Geschwisterkinder bevorzugt werden. Problem: Die IGS Geismar holte sich zunächst Schüler mit Gymnasialempfehlung aus dem Topf – und deren Geschwisterkinder, deckte so die IGS-Quote von 60 Prozent Gymnasiasten. Es gab also eine Auswahl nach Leistungsstand und Sondersituation. „Normalerweise hätte es umgekehrt laufen müssen – die Gymnasien hätten zuerst die Schüler mit entsprechenden Empfehlungen ziehen können“, sagt Schimpf provokativ. Für ihn bleibt so das Geschmäckle einer Elite-Gesamtschule in Göttingen.

Welchen Vorteil hatte das alte Verfahren?

Dass die Schüler nach Leistungsprognose theoretisch und oft auch praktisch sinnvoll auf die Schulen verteilt werden konnten. Kritiker sagen: Die IGS Geismar hatte im Vergleich zur Kooperativen Gesamtschule (KGS) und der Gesamtschule Bovenden einen höheren Anteil an Gymnasiasten, was in Bovenden auch zu einem Ungleichgewicht in der Schülerschaft führt. Die Kritiker: Schwächere Schüler hätten eine bessere Chance zur gewünschten IGS zu kommen, wenn nicht zunächst die Gymnasiasten abgeschöpft, sondern nur die Gesamtschulanmeldungen verteilt würden – ein Vorteil für alle Gesamtschulen. Die IGS- Schulleitung hält diesen Vorwurf für unberechtigt.

Welchen Nachteil hat das eigentlich geforderte Losen?

Dass es zu Ungleichgewichten bei der Quote kommen und nicht steuernd eingegriffen werden könnte. Auch eine für Familien höchst sinnvolle Geschwisterregelung würde nicht greifen. Kinder könnten an verschiedene Schulen verteilt werden.

Was macht die Politik in Stadt und Landkreis?

Die Kreis-SPD fordert eine gerechtes Verfahren und moniert, dass die IGS-Geismar zu viele leistungsstarke Schüler aufnehme, was die Schulleitung dementierte. Und: Die Kreis-SPD wünschte eine Verkleinerung von Topf A – also für die Gymnasialschüler, was wiederum der Argumentation von Wolfgang Schimpf nahekommt. Hintergrund: Der Kreis möchte die eigene, mit Göttingen verzahnte IGS Bovenden stärken. Dort stimmt die Quotenverteilung nicht, es gibt zu wenig Schüler im Gymnasialzweig. „Das widerspricht der eigentlichen Gesamtschule-Idee“, so Schimpf.

Ist die „Göttinger Regelung“ mit unterschiedlichen Anmeldeterminen und Verteilungen inklusive Geschwisterregelung rechtens?

Laut Niedersächsischem Schulgesetz nein. Vorgesehen ist das Losverfahren. Die Kultusministerin hat aber nach einem Gespräch mit Dezernent Lieske und Landtagsabgeordneter Gabriele Andretta (SPD) die Geschwisterregelung wieder erlaubt, was Andretta freudig verkündete. Gleichwohl hatte sie vorher das Losverfahren als gerechte Lösung bezeichnet. Für Wolfgang Schimpf bleibt die Feststellung: „Die Auslegung des Gesetzes ist Verhandlungssache“. Das sei nicht in Ordnung. Es bedürfe einer klaren Regelung, inklusive Anweisung zur Umsetzung.

Stimmen aus der Göttinger Politik: Fraktionen sind sich uneinig

DieStadtratsfraktion der FDP fordert endlich „ein faires und gleichzeitiges Anmeldeverfahren für alle“ in Göttingen. Felicitas Oldenburg bezeichnet die Lieske-Regelung als „unfairen Frühstart der Gesamtschulen“. Eine sinnvolle Geschwisterregelung unterstützt Oldenburg.

Gegen das Losverfahren ist Edgar Schu von der GöLinke-Ratsfraktion. Das Losen berge ein hohes Risiko. Und die bewährte Quote von 58 Prozent leistungsstarken Schülern in Gesamtschulen könne per Zufall stark verändert werden: So könnten viel mehr starke, aber auch viel mehr schwache Schüler in Klassen zusammenkommen. Daraus resultierten fix veränderte Anforderungen für die Schulen und Lehrer, die, laut Schu, so schnell nicht angepasst werden können.

Gar nicht einverstanden damit, dass die Gesamtschulen zuerst die Joker ziehen können, ist die CDU-Ratsfraktion. „Die Regelung, dass Gymnasien später zum Zug kommen, ist in der Sache nicht gerechtfertigt, für die Schulen und Eltern ungerecht.“ Wibke Güntzler und Dr. Thomas Häntsch reagierten nach eigenem Bekunden verblüfft auf den Lieske-Plan, zwei Anmeldetermine für die künftigen Fünftklässler anzubieten. Sie sehen darin gar „eine Benachteiligung der Gymnasien“, die beendet werden muss. Die CDU fordert einen Anmeldetermin für alle weiterführenden Schulen.

Edgar Schu bringt es auf den Punkt: Er wirft den Planern vor, dass hier Bürokraten Vorgaben ohne Realität machen würden. Sie seien nicht in der Lage, „ihre Formalitäten der Realität und den guten Erfahrungen anzupassen“. (tko)

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