Premiere im Jungen Theater

Viel Applaus für Jugendoper in Göttingen: Testosteron-gesteuerter Titelheld

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Retter in der Not: Der dreifache Titelheld Lotario in der Jugendoper im Jungen Theater Göttingen „Beyond Doubt: Lotario“ (Über jeden Zweifel erhaben). Vor ihnen einer der zwei Idelberto, Mathildes Sohn, hinten (fast verdeckt) einer der zwei Clodomiro (in Weiß), eine der vier kriegerischen Mathilde (in Schwarz/Rot) und eine der vier gefangenen Adelaide. 

Göttingen. Aktueller kann man eine Händel-Oper wohl kaum inszenieren, als es Nina de la Chevallerie mit der Adaption von „Lotario“ unter dem Titel „Beyond Doubt: Lotario“ (Über jeden Zweifel erhaben) gelungen ist.

An der barocken Oper, die jetzt im Jungen Theater Göttingen Premiere hatte, haben die jugendlichen Akteure selbst während der vergangenen acht Monate mitgewirkt und sie mittels Improvisationen in ihre eigene Sprache und ihre aktuelle Situation übersetzt.

Herausgekommen ist eine schwungvolle Inszenierung mit vielen Schichten und tollen Effekten. Beibehalten wurde Händels Handlung. Mathilde und Berengario reißen Königin Adelaides Reich an sich, nachdem sie ihren Ehemann beseitigt haben. Ihr sanftmütiger Sohn liebt Adelaide, die seine Gefühle aber nicht erwidert. Adelaide will ihren Mann rächen und wird vom fremden Ritter Lotario unterstützt, mit dessen Hilfe Berengario und Mathilde besiegt werden. Adelaide ist frei.

Thema Fremdenhass

Bei der Unterdrückung des Volkes, aber auch in dessen Käuflichkeit und Egoismus wurden Parallelen zu aktuellen Themen wie Fremdenhass, Protektionismus, Krieg und Flucht gezogen. Köstlich waren die Einträge auf Berengarios Twitter-Account, fast wörtliche Zitate von Donald Trump.

Die schauspielerischen Leistungen der jungen Leute waren beachtlich. Es würde aber nicht schaden, wenn gelegentlich lauter und deutlicher gesprochen würde. Ein witziger Regie-Einfall war die Vervielfältigung der Hauptfiguren, die zwei-, drei- und vierfach auftraten. Köstlich war der dreifache Titelheld Lotario als Testosteron-gesteuerter Cowboy, witzig der zweifache opportunistische und in sich zerrissene Clodomiro.

Die Arien, Songs und Chöre wurden fast professionell vorgetragen im präzisen Zusammenspiel mit dem Orchester. Genial war die musikalische Bearbeitung durch Hans Kaul, der nicht nur das große Interkulturelle Orchester der Musa dirigierte, sondern dabei auch souverän Akkordeon spielte. Schon wegen der Musik, aber auch der vielen Effekte wegen lohnt ein zweiter Besuch.

Die weiteren Verantwortlichen waren Johanna Ziemer (Textbearbeitung und Dramaturgie), Reimar de la Chevallerie (Video), Sonja Elena Schroeder (Ausstattung), Birgit Götz (Choreographie), Birte Müchler (Assistenz) und Sonja Catalano (Musikvermittlung). Eine namentliche Nennung der Solisten und weiteren Mitwirkenden würde den Rahmen sprengen. Sie kamen von der IGS Bovenden und vom Hainberg-Gymnasium aus Göttingen.

Begeistertes Publikum

Das begeisterte Premierenpublikum jubelte, trampelte und applaudierte minutenlang. Die 90-minütige Jugendoper (keine Pause) ist Teil der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen. Weitere Aufführungen gibt es am 11. und 12. Mai ab 18 Uhr, am 27. Mai ab 16 Uhr und am 28. Mai ab 15 Uhr.

Von Anne-Lise Eriksen

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