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Viele Landwirte haben durch mögliche EU-Regelung zu Spritzmitteln Existenzängste

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Von: Bernd Schlegel

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Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft: Ihr Einsatz ist streng geregelt, aber auch umstritten. Archivfoto: Thomas Warnack/dpa
Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft: Ihr Einsatz ist streng geregelt, aber auch umstritten. (Archivfoto) © Thomas Warnack/dpa

Das Landvolk Göttingen schlägt Alarm: Sollten EU-Pläne zur Reduzierung von Spritzmitteln so umgesetzt werden, so befürchtet die Berufsvertretung das Aus für viele Betriebe.

Göttingen – Landwirte im Landkreis Göttingen befürchten erhebliche Ernteausfälle, wenn ein Entwurf der Europäische Union zur deutlichen Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln umgesetzt wird. Das Landvolk Göttingen schlägt deshalb Alarm.

Hintergrund ist ein sogenannte „Green Deal“, den die Kommission in Brüssel umsetzen will. Kernpunkt ist das weitgehende Verbot von konventionellen und Bio-Pflanzenschutzmitteln auf „empfindlichen Flächen“. Das Problem: Etwa 70 Prozent der 51 000 Hektar landschaftlicher Nutzfläche im Altkreis Göttingen könnten davon betroffenen sein. Achim Hübner, Geschäftsführer des Landvolk-Kreisverbandes Göttingen, kann sich folgendes Szenario vorstellen: „Es kann passieren, dass wir in einiger Zeit in bestimmten Bereich kaum noch etwas auf den Feldern ernten können, da Wildkräuter und Pflanzenkrankheiten die Ernte zunichte machen könnten“, so Hübner. Er sieht damit die Existenz von vielen Familienbetrieben in der Region gefährdet. Das Problem: Im Gegensatz zu anderen Regionen in Niedersachsen sind weite Teile des Kreises Göttingen zum Landschaftsschutzgebiet erklärt worden – und als empfindliche Gebiete gemeldet worden. Hübner: „Bisher haben wir gedacht, dass die ebenfalls riesigen FFH- und Vogelschutzgebiete als empfindlich gelten. Nun ist die Betroffenheit viel größer.“

Claus Baumgärtel aus Hann. Münden-Hilwartshausen, stellvertretender Vorsitzender des Landvolks Göttingen, ergänzt: „Wir haben bei der Ausweisung von Schutzzonen immer das Versprechen gehört, dass es dadurch später keine Probleme gibt. Jetzt fällt uns das alles auf die Füße. Das ist nicht in Ordnung.“

Das Landvolk informiert nun die Landwirte und Landeigentümer über die neue Situation. Außerdem soll das Thema auch in die Politik und in die Gesellschaft getragen werden. Hübner: „Das ist nicht nur ein Problem von Landwirten, sondern am Ende von allen. Wir Bauern glauben, dass es gut ist, wenn wir als Gesellschaft warm, satt und trocken aus eigenen Kräften können.“

Göttingen – Landwirte aus dem Landkreis Göttingen bangen mit Blick auf einen Entwurf zur deutlichen Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln durch die Europäische Union um ihre Existenz. Auf die möglichen Gefahren durch die Pestizide macht hingegen der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) aufmerksam.

Neue Verordnung ist noch in der Diskussion

Wann die neue Verordnung aus Brüssel zum Pflanzenschutz in Kraft tritt, ist noch unklar. Derzeit läuft die Diskussion, die noch etwa ein bis zwei Jahre in Anspruch nehmen wird, schätzt Landvolk-Geschäftsführer Achim Hübner. Wichtig ist zudem, dass die neue Regelung von der Europäischen Union in eine Verordnung gegossen wird, die sofort in nationales Recht umgesetzt werden muss. In Northeim gab es bereits öffentliche Proteste von Bauern gegen den „Green Deal“. (bsc)

BUND: Viele Gefahren durch Pestizide

Besonders betroffen sind laut BUND Landwirte, die „regelmäßig mit den giftigen Stoffen hantieren und so in direkten Kontakt mit ihnen kommen“. Und weiter: „Auch, wer in unmittelbarer Nachbarschaft von pestizidbehandelten Feldern lebt, bekommt nicht selten eine gehörige Portion von dem Gift ab, etwa durch windbedingte Abdrift“, heißt es vom BUND.

Aus Sicht der Umweltschutzorganisation sind aber auch alle anderen gefährdet, die weit entfernt von den direkten Pestizid-Einsatzorten leben. „Immer wieder werden erhöhte Pestizid-Rückstände und Grenzwertüberschreitungen vor allem in Obst und und Gemüse festgestellt. Auch über den Umweg des Tierfutters können Pestizide in unsere Nahrung gelangen“, heißt es weiter.

Pestizide sind laut BUND „fast ohne Ausnahme auch für Menschen gesundheitsschädlich. Das bestreitet heute niemand mehr. Schon lange ist es etwa üblich, Obst und Gemüse vor dem Verzehr gründlich abzuwaschen, da es ja ,gespritzt’ sein könnte“.

Nach Angaben des BUND ist die Liste der möglichen Gefährdungen lang: von akuten und chronischen Hauterkrankungen über Vergiftungserscheinungen bei direktem Kontakt, Krebs, Fruchtbarkeits- und Erbgutschäden bis hin zu Missbildungen bei Neugeborenen. „Pestizide werden insgesamt zu den gefährlichsten Umweltgiften der Welt gezählt.“

Dass Pestizide keine harmlosen Substanzen sind, werde nach Angaben der Umweltschutzorganisation auch daran deutlich, dass „sie immer wieder in suizidaler Absicht vor allem von verzweifelten Bauern in ärmeren Ländern eingenommen werden“. Mehr als 300 000 Menschen nehmen sich einer Studie zufolge jährlich mit Pestiziden das Leben, heißt es vom BUND.

Der Deutsche Bauernverband hält dem entgegen, dass sowohl „chemische als auch biologische Pflanzenschutzmittel unterliegen in Europa einem strengen Reglement“ unterliegen. Reguliert sei nicht nur Zulassung der unterschiedlichen Komponenten jedes einzelnen Mittels, sondern auch die Ausbringung durch regelmäßig und umfangreich geschulte Landwirte und Gärtner.

„Und weil Pflanzenschutzmittel meist auf Pflanzen zur Lebensmittelproduktion eingesetzt werden, hat der Gesetzgeber auch gleich normiert, wie hoch die maximalen Rückstände sein dürfen, um etwaige Gefahren für die Gesundheit von vorneherein auszuschließen“, so der Bauernverband. (Bernd Schlegel)

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