Stadt will Häuser besser schützen

Villa im Göttinger Ostviertel: Abriss trotz Ratsbeschluss

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Die Bagger schafften Tatsachen: Eine alte Villa am Friedländer Weg im Göttinger Ostviertel ist nicht mehr zu retten. Hier werden voraussichtlich 20 neue Wohnungen entstehen.

Stadt und Göttinger Kommunalpolitik wollen den Abriss von historischer Bausubstanz im Göttinger Ostviertel verhindern. Ein Eigentümer schaffte jetzt mit dem Bagger Tatsachen.

Inzwischen ist klar, dass eine alte Villa abgerissen werden muss. Das Gelände wird aber vermutlich nicht lange unbebaut bleiben: An gleicher Stelle sollen etwa 20 neue Wohnungen entstehen.

Rückblende: In den frühen Morgenstunden rückten am vergangenen Wochenende am Friedländer Weg Bagger an und rissen Teile der Villa ab. Anwohner alarmierten daraufhin die Polizei und die Stadtverwaltung. Stadtbaurat Thomas Dienberg stoppte die Arbeiten. Trotzdem waren die Arbeiten schon so weit fortgeschritten, dass die Villa nicht mehr zu retten ist, wie Untersuchungen im Laufe der Woche ergaben. Ein Ingenieur bewertet den Fall so: Das Gebäude ist in Teilen nicht mehr standsicher. Daher müsse der Rest abgerissen werden.

Stadtbaurat Thomas Dienberg argumentiert: „Da das Gebäude selbst zwar nicht unter Denkmalschutz steht, muss ein geplanter Abriss zwar nicht beantragt und genehmigt werden.“ Durch den „Aufstellungsbeschluss einer Erhaltungssatzung“ können aber Abbrucharbeiten mit sofortiger Wirkung untersagt werden, wenn die Verwaltung Kenntnis davon bekommt, heißt es aus dem Neuen Rathaus.

Die „schnelle Entscheidung der Göttinger Kommunalpolitik für eine Erhaltungssatzung und die Aufstellung eines Bebauungsplans für diesen Bereich“ war nach Ansicht des Stadtbaurats angesichts des aktuellen Vorganges richtig und wichtig. „Ich setze auf eine entsprechende Signalwirkung und hoffe, dass derartige Beispiele in Göttingen nicht Schule machen“, sagt Dienberg. Er hatte den Stopp aller Abrissarbeiten angeordnet und dies vor Ort mit den zuvor gefassten Beschlüssen begründet.

Zudem stellt die Göttinger Stadtverwaltung klar: „Davon ganz unabhängig hätte schon allein die Tatsache, dass nach Auskunft der Göttinger Stadtwerke weder Gas noch Wasser abgestellt worden waren, einen Abrissstopp wegen Gefahr im Verzug erforderlich gemacht.“

Zu dem aktuellen Fall meldeten sich unterdessen auch Göttinger Kommunalpolitiker zu Wort: „Hier ist nicht nur aus einem historischen Ensemble eine quartierstypische Villa herausgerissen worden. Hier ist der erklärte einstimmige Wille von Bau- und Planungsausschuss, Rat und Verwaltung mutwillig niedergewalzt worden“, kritisiert Bauausschussvorsitzender Hans-Otto Arnold (CDU).

Felicitas Oldenburg: „Die FDP-Ratsfraktion setzt sich nachhaltig für den Schutz bedeutsamer historischer Gebäude ein und bedauert den Abriss einer historischen Villa, die allerdings nicht unter Denkmalschutz stand.“ 

Mehr Schutz für die Häuser im Ostviertel

Die Stadt Göttingen wird einen neuen Bebauungsplan für einen Teil des Ostviertels auf den Weg bringen. Mit dem Bebauungsplan „Westlich Friedländer Weg“ soll die städtebauliche Struktur des Stadtviertels mit seinen vielen denkmalgeschützten und repräsentativen Gebäuden gesichert werden. Mehr noch: Der Bereich soll als allgemeines Wohngebiet festgesetzt werden.

Der Geltungsbereich umfasst auf etwa 1,35 Hektar Fläche die Bebauung zwischen der Herzberger Landstraße und dem Hainholzweg – eben westlich des Friedländer Wegs.

Göttinger Ostviertel: Die Stadt will das Gebiet mit seinen repräsentativen und denkmalgeschützten Gebäuden erhalten. Dort wurden auch schon Häuser abgerissen und größer neu gebaut - aus wirtschaftlichen Gründen.

Der Geltungsbereich des aufzustellenden Bebauungsplans ist einer der wenigen Bereiche des schützenswerten Ostviertels, der noch nicht durch einen Bebauungsplan überplant wurde. Denn für große Teile des Ostviertels gibt es bereits Bebauungspläne, die durch restriktive Festsetzungen und Vorgaben zur Gestaltung die vorhandene städtebauliche Struktur sichern sollen.

Ein solcher Schutz der Bausubstanz sei erforderlich, auch, weil es in der weiter vorherrschenden Niedrigzinssituation nach wie vor eine hohe Nachfrage nach Wohnraum und Baugrundstücken gibt. Damit einher geht die Tendenz, in hochpreisigen Wohngebieten – wie es das Ostviertel im Besonderen ist – stadtbildprägende, schützenswerte Häuser zu beseitigen und durch Neubauten zu ersetzen, die höhere Renditen für die Bauherren ermöglichen.

Vielfach handelt es sich um quartiersbildende Gründerzeitgebäude und -villen. Abrisse sind allerdings – sofern kein Denkmalschutz besteht – genehmigungsfrei, teilt die Stadt mit. Die geplante Satzung dient deshalb dem Erhalt stadtbildprägender Quartiere. Das habe den Vorteil, dass mit der Erhaltungssatzung der Abriss von Gebäuden unter Genehmigungsvorbehalt gestellt werden kann.

Der Bebauungsplan enthält weitere Maßgaben, insbesondere sollen die Höhe von baulichen Anlagen und die Geschosse, die Lage und Größe der möglichen überbaubaren Flächen, die Gestaltung von Dächern und Fassaden, der Erhalt privaten Grüns, die Anlage von Zufahrten, Stellplätzen, Carports und (Tief-) Garagen festgelegt werden. Die Öffentlichkeit und die Behörden werden wie üblich im Vorfeld beteiligt.

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