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Göttinger Forscher: Viren haben leichtes Spiel bei Fußball-Fans

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Von: Thomas Kopietz

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Gemeinschaftserlebnis Fußball: Im Göttinger Monro´s-Park schauten jubelnde Fans das Spiel Deutschland gegen Frankreich.
Gemeinschaftserlebnis Fußball: Im Göttinger Monro´s-Park schauten Fans das EM-2020-Spiel Deutschland - Frankreich. Göttinger Forscher haben jetzt mit Daten aus zwölf Ländern untersucht, wie sich solche Ereignisse auf Infektionszahlen ausgewirkt haben. © Hubert Jelinek

Was Vermutung war, haben Göttinger Forscher bestätigt: Großereignisse wie die Fußball-EM haben die Infektionszahlen angetrieben.

Göttingen - Fans liegen sich in den Armen, tanzen und jubeln ohne körperliche Distanz. Die Folge: Bei großen internationalen Fußballturnieren haben Krankheitserreger leichtes Spiel – auch in Kneipen und Wohnzimmern beim gemeinsamen Fußballschauen.

So gab es – wie auch Göttinger Forscher ermittelten – in zwölf Ländern fußballbedingt etwa 840.000 zusätzliche Corona-Infektionen.

Göttinger Forscher untersuchen Infektionsgeschehen bei Fußball-EM 2020

Aber: Die Fußball-Europameisterschaft 2020 wirkte sich in den beteiligten Ländern sehr unterschiedlich auf das Infektionsgeschehen der Corona-Pandemie aus. Der Anstieg der Infektionszahlen hing besonders von der Ausgangslage in den Ländern ab.

Das haben Wissenschaftler am Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) um die bekannte Pandemieforscherin Viola Priesemann nach einer Analyse der epidemiologischen Daten festgestellt. Sie betrachteten aber nicht nur das Geschehen vor Ort in den Stadien.

Erreger sind erfolgreich beim Public-Viewing in Kneipe und Wohnzimmer

Erfolgreich sind die Erreger wie das SARS-Cov2-Virus vor allem, weil viele Menschen die Fußball-Spiele in Gruppen, sei es im privaten Wohnzimmer, in einer Kneipe oder beim Public Viewing.

So wurde klar nachweisen, dass die Fußball-EM 2020, die pandemiebedingt erst im Sommer 2021 stattfand, zu zahlreichen Ansteckungen geführt.

MPI-Forscherin aus Göttingen: Dr. Viola Priesemann im Porträt
MPI-Forscherin zur Pandemie aus Göttingen: Dr. Viola Priesemann. © Privat

Die Forschenden untersuchten für zwölf der beteiligten Länder, wie sich das Infektionsgeschehen während und nach der EM entwickelte. Sie nutzten dafür die nach Geschlecht aufgeschlüsselten Fallzahlen, um den Beitrag der EM zur Infektionsentwicklung von anderen Faktoren zu unterscheiden, wie dem Geschlecht.

Denn die EM-Partien wurden von mehr Männern als Frauen verfolgt. Dieses Geschlechterverhältnis spiegelt sich auch in unterschiedlichen Infektionszahlen wider.

EM 2021 in England: Wenige Infektionen in Tschechien - viele in England

Wie verschieden diese in Abhängigkeit von den Vorbedingungen in den Ländern ausfallen, das zeigen die Beispiele Tschechien und England: Tschechien bestritt fünf EM-Spiele. Doch trotz großer Fußballbegeisterung im Land kam es pro eine Million Einwohnern nur zu etwa 460 zusätzlichen Infektionen.

Einen viel größeren Infektionseffekt hatte die EM in England. Dort steckten sich in der Folge etwa 11 000 Menschen pro eine Million Einwohner mit dem Coronavirus an – das ist das Vierundzwanzigfache im Vergleich zu Tschechien.

Das lag aber nicht an der größeren Anzahl von Spielen – die „Three Lions“ absolvierten sieben Spiele –, sondern an der völlig unterschiedlichen Ausgangssituation: In Tschechien gab es zu EM-Beginn wenige Infektionen, in England hingegen waren die Fallzahlen zeitgleich hoch.

Priesemann: Das große Sportereignis Fußball-EM hat das Infektionsgeschehen kräftig angekurbelt

Auch die Reproduktionszahl (R-Wert), die angibt, wie viele Menschen eine infizierte Person ansteckt, war relativ hoch. „In dieser Situation mit hohen Fallzahlen und hoher Reproduktionszahl hat das große Sportereignis das Infektionsgeschehen kräftig angekurbelt“, sagt Viola Priesemann.

Viele Ansteckungen bei privaten Treffs, weniger im Stadion

Zu Ansteckungen kam es dabei weniger in den Stadien als vielmehr bei privaten Treffen, etwa in Pubs und Wohnungen, wo Menschen die Spiele gemeinsam anschauten. Bei diesen „Spieltagsinfektionen“ aber blieb es nicht – denn jede infizierte Person startete eine Infektionskette, über die sich im Untersuchungszeitraum bis Ende Juli 2021 im Schnitt pro Virusträger weitere vier Menschen ansteckten.

„Daran kann man sehen, dass Infektionen keine Privatsache sind“, sagt Viola Priesemann. „Denn über solche Infektionsketten breitet sich das Virus auch in vulnerable Bevölkerungsgruppen aus.“ Und gerade unter älteren oder vorerkrankten Menschen, die nur zu einem geringen Anteil selbst die Spiele in größeren Gruppen verfolgt haben dürften, kommt es dann zu Todesfällen.

Nicht genügend Daten zur Fußball WM 2022

Wie stark sich Covid-19 im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ausgebreitet hat, konnte das Team nicht abschätzen, da für viele Länder die Infektionsdaten nicht mehr in der nötigen Detailtiefe bereitstanden.

Generell gilt für Großveranstaltungen während einer Pandemie: „Wenn vulnerable Gruppen geschützt werden sollen, sind bei einem großen Sportereignis Präventionsmaßnahmen nötig“, sagt Philip Bechtle von der Uni Bonn.

„Der Vergleich der Länder während der EM 2020 zeigt klar, dass vor allem eine niedrige Inzidenz und eine niedrige Reproduktionszahl R die beste Grundlage dafür sind, Superspreading-Ereignisse durch Großveranstaltungen in einem überschaubaren Maß zu halten.“

Infektionsschutz weiter wichtig, um Pandemien einzudämmen

Masken, mehr Tests und Impfungen sowie eine Kontaktreduktion würden zusätzlich helfen, das Infektionsgeschehen einzudämmen, so Bechtle.

Beteiligt an der in Nature Communications veröffentlichten Studie waren auch das MPI Physik in München, die Unis Bonn und Göttingen. (Thomas Kopietz)

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