Prof. Dr. Frank Thorsten Hufert kritisiert den UMG-Kurs

HNA-Interview mit Abteilungsleiter: "Virologie-Ende ist ein großer Verlust"

Geht nach Brandenburg:Prof. Frank Thorsten Hufert.

Göttingen. Über die Schließung der Virologie an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) sprachen wir mit dem scheidenden Leiter der Abteilung, Prof. Dr. Frank Thorsten Hufert.

Die Virologie wird geschlossen, das kommt für Außenstehende überraschend, das Gebiet ist – auch aktuell durch Ebola – ständig im Gespräch.

Lesen Sie auch:

Uni Göttingen: Virologie wird geschlossen

Prof. Dr. Frank Thorsten Hufert: In der Tat. In der Göttinger Virologie haben wir auch auch mobile Laborsysteme, wir nennen sie Koffer-Labors, entwickelt, die vor Ort bei Epidemien mit Risiko-Viren, aktuell auch in Afrika zur Diagnostik der Ebola-Erkrankung eingesetzt werden. So ist es in 30 Minuten und auf genetischer Basis möglich, eine sichere Diagnose zu stellen. Wir haben da sehr erfolgreich gearbeitet, nicht zuletzt auch wegen der hohen Drittmitteleinwerbung von mehr als sieben Millionen Euro. Dies zeigt auch das große Interesse der Gesellschaft und der Fachkreise für unsere Arbeiten, die im Rahmen der High-Tech-Strategie der Bundesregierung gefördert werden.

Umso erstaunlicher ist die Schließung der Virologie.

Hufert: Ja. Seit meinem Start im Jahr 2005 ist das Personal permanent und sehr stark abgebaut worden. Mit den Drittmitteln konnten wir das kompensieren und die Forschungsleistung erhalten. Mein Team und ich haben die Göttinger Virologie erneut aufgebaut. Wir sind ein international anerkanntes, leistungsstarkes, interdisziplinär arbeitendes Institut.

Noch einmal die Frage: Warum dann die Schließung?

Hufert: Hier an der UMG wurde ganz klar die Entscheidung Struktur vor Leistung getroffen. Unsere Leistungen wurden auch nie kleingeredet, auch nicht das Einwerben der Drittmittel. Wirtschaftlich gesehen macht die Schließung wenig Sinn, da die Kosten der Abteilung durch die Drittmittel nicht nur kompensiert werden, sondern noch ein beträchtlicher Gewinn besteht.

Es sollten aber wertvolle Laborflächen frei werden, um diese für die neue Forschungsfokussierung der UMG – Schwerpunkt Neurowissenschaften, Kardiologie, Medizin des Alters – zu nutzen. Aufgrund der befristeten Arbeitsverträge der Virologie-Mitarbeiter war es hier am leichtesten, die Abteilung zu schließen.

Die Wegnahme der Diagnostik 2008 durch den alten Vorstand war der Genickschlag für die Virologie, oder?

Hufert: Natürlich. Damit ging die Möglichkeit der Patientenversorgung und damit die Integration in die klinischen Fächer verloren.

Die UMG sagt, es gibt weiter die Möglichkeit der Expertise im Mikrobiologischen Institut.

Hufert: Es gibt keine wissenschaftliche Expertise mehr. Diese ist jetzt rein mikrobiologisch/parasitologisch, ein Fachgebiet, das mein Kollege Prof. Uwe Groß sehr gut vertritt. Die Schließung der Virologie ist besonders schade, da Göttingen auf eine erfolgreiche 46-jährige Tradition in dem Fachgebiet zurückblicken kann.

Bleibt noch anzumerken, dass der kurzsichtige, finanziell getriebene Abbau von Fächern an den Uni-Kliniken die Gefahr der Umwandlung klassischer Uni-Kliniken in Maximalversorger mit universitären Ambitionen birgt. Dieses gilt es unbedingt zu verhindern, um die Ausbildung in voller Breite zu gewährleisten. Hier sehe ich einen akuten Handlungsbedarf auf politischer Ebene.

Wie steht es um die Ausbildung der Medizinstudenten?

Hufert: Der Wegfall der Virologie ist ein Verlust für den Uni-Standort Göttingen und für die Ausbildung der Mediziner und der molekularen Mediziner; sind Sie es doch, die mit der global zunehmenden Zahl der Virusinfektionen in der Zukunft die Patienten versorgen müssen. Dafür ist aktuelles Wissen in diesem Fachgebiet unumgänglich, auch im Rahmen der Altersmedizin.

Die Virologie ist ein interdisziplinäres Fach, das in viele Bereiche der Lebenswissenschaft ausstrahlt und deshalb sehr interessant ist und ein breites Forschungsspektrum bis hin zur Klimaforschung beinhaltet.

Wenn man erlebt, wie schnell das anfangs Erlernte von Studenten wieder vergessen wird, dann ist das traurig, doch dies ist nicht den Studenten geschuldet, sondern vor allem dem komprimierten modularen Unterricht, der sehr wenig Spielraum für das Nacharbeiten lässt.

Von Thomas Kopietz

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.