Volles Haus beim Göttinger Jazzfestival

Tolle Präsenz: Sängerin Youn Sun Nan. Foto: Kuhl

Göttingen. Ein ungewöhnliches Programm erwartete Freitagabend die vielen Gäste des 37. Jazzfestes im wunderschönen Ambiente des Deutschen Theaters in Göttingen.

Seit vielen Jahren rollt der publikumswirksame Mainstreamjazz den roten Faden aus und ersetzt damit innovative Konzepte durch eine Erfolgsgarantie mit der Buchung etablierter Künstler. Dass Hochwertiges abgeliefert wird, steht außer Frage. Doch das experimentelle Moment bleibt auf der Strecke.

Christof Lauer und die NDR Bigband konnten bei den von Rainer Tempel bearbeiteten Kompositionen des Saxofonisten Sidney Bechet (1897-1959) allerdings mit Überraschungen aufwarten. Als bei „Si tu vois ma mere“ Saxofonist Lauer und Pianist Hubert Nuss das Leitmotiv fast originalgetreu intonierten und die Bigband unter dem entspannten Dirigat von Niels Klein einen surreal schwebenden Klangteppich projizierte, entstand eine Atmosphäre, die an avantgardistische Filmmusik erinnerte. Solistisch blieben keine Wünsche offen. Der brillante Schlagzeuger Patrice Herál sorgte auch noch für humoristische Einlagen.

Dem mächtigen Getöse folgte ein kammermusikalisches Duo, das dem Publikum große Begeisterung entlockte. Die koreanische Sängerin Youn Sun Nan und der schwedische Gitarrist Ulf Wakenius beeindruckten zwischen Pop und Jazz mit Raffinesse und Präsenz. Dabei wurde es manchmal ganz still. Gesangslinien zerbrachen, Gitarrentöne verweilten. Immer wieder Ruhe am Wegesrand. Beim nächsten Song ging die Klappe hoch wie beim Hunderennen, Nan und Wakenius spurteten durch Unisono-Passagen und Hochgeschwindigkeits-Rhythmen, als gelte es, noch schnell eine Wette zu platzieren. Nans devote Moderation wirkte allerdings sehr befremdlich.

Den Abschluss gestalteten die temperamentvollen Ladys und ihr Drummer von The Tiptons. Viermal feminine Saxofon-Power und exquisites Schlagzeugspiel ergaben eine tolle Mischung aus Streetband und Modern Jazz, die völlig zu Recht konzentrierte Aufmerksamkeit einforderte. Fazit: ein sehr abwechslungsreiches, sprunghaftes Programm mit Künstlern von Weltformat.

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