Besuch an Göttinger Schulen

Vom Sportler zum Krüppel: Gewaltopfer erzählt, wie ein Schlag alles änderte

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Gewaltopfer mit bewegender Geschichte: Christoph Rickels erzählte Schülern der IGS Bovenden, wie ihn ein Faustschlag an die Schläfe zum Krüppel machte.

Göttingen. Christoph Rickels wurde in einer Diskothek verprügelt. Seitdem ist er schwerbehindert - und will Schülern die Konsequenzen eines einzigen Faustschlags klarmachen. 

Göttingen. Die Gewalt unter Jugendlichen in Stadt und Kreis Göttingen hat zugenommen. Im vergangenen Jahr gab es 290 Fälle von Körperverletzung zwischen Minderjährigen – rund vier Prozent mehr als 2015. Um jungen Menschen die Konsequenzen aufzuzeigen, schilderte ein Gewaltopfer seine bewegende Geschichte an vier Göttinger Schulen.

„Bumm“, ruft Christoph Rickels den Schülern zu. Seine Faust landet klatschend in der geöffneten Hand. Viele zucken zusammen. „Das war’s“, sagt der 30-Jährige, die Bilder einer Überwachungskamera zeigen seinem Publikum einen bewusstlosen jungen Mann auf dem Boden einer Diskothek. „So wie ich da jetzt liege, bleibe ich vier Monate lang liegen.“

Vom Sportler zum Krüppel

Christoph Rickels ist in Göttingen unterwegs, um Schüler über die Folgen von Gewalt aufzuklären. Vor zehn Jahren wurde der 30-Jährige in einer Diskothek verprügelt. Der erste Schlag traf ihn an der Schläfe. Er stürzte, schlug mit dem Gesicht auf den Boden. Die Ärzte stellten eine sechsfache Hirnblutung fest, Rickels lag vier Monate im Koma. „Die dachten, ich wache nicht mehr auf.“

Doch Rickels wacht auf – als veränderter Mensch. Er ist halbseitig gelähmt, schwerbehindert, kann nicht ohne Probleme sprechen – ein Krüppel, wie er selbst sagt. Sein neues Leben fällt dem ehemaligen Schulsprecher, leidenschaftlichen Musiker und angehenden Bundeswehrsoldaten nicht leicht. Es kostet Kraft, jeder Tag ist ein Kampf – auch nach zehn Jahren.

„Viele haben eine Geschichte zu erzählen, aber ich musste diese Scheiße wirklich erleben, und es war schlimm.“ So klingt ein typischer Rickels-Satz.Er schildert seinen Leidensweg mit einfachen, teils derben Worten. „Scheiße“ fällt oft, von „ficken“ ist die Rede. So will er auf Augenhöhe mit den Schülern kommen. So will er sie zum Zuhören bringen.

Das klappt. Etwa 40 Schüler in der Mensa der IGS in Bovenden hören ihm zu. Getuschel gibt es kaum. Rickels spricht viel über das neue Coolsein. Was eben nicht bedeute, den dicken Macker zu markieren. Zu prügeln. Zu mobben. Denn nichts sei cool daran, mit 20 Jahren in Pampers im Krankenhaus zu liegen.

Aber Rickels will nicht nur dozieren. „Was findet ihr cool?“, fragt er seine Zuhörer. „Gute Noten“, antwortet einer der Schüler. Alle lachen, Rickels grinst. „Netter Versuch“, kommentiert er trocken. Ein geiler Roller, versucht es ein anderer Schüler. Das findet der 30-Jährige schon besser. „Seid einfach ihr selbst und denkt daran: Ihr erntet, was ihr säht“, ist sein Hinweis.

Manchmal will Rickels zu viel – will sämtliche Folgen der Gewalttat schildern, die sein Leben verändert hat. Als er vom langjährigen Kampf mit verschiedenen Gerichten und Versicherungen erzählt, wird sein Publikum unruhig. Also schwenkt er um, erzählt von Prominenten, die sein Projekt unterstützen: „Yvonne Catterfeld sieht live übrigens genau so geil aus wie im Fernsehen.“

Nach gut eineinhalb Stunden ist sein Vortrag vorbei. Die Schüler strömen aus dem Raum, Rickels kämpft mit dem Laptop. Der 13-jährige Rahat bleibt am Tisch stehen: „Danke, dass du uns deine Geschichte erzählt hast. Ich fand sie sehr traurig“, sagt er. Was war für ihn das Wichtigste? „Es war eine Warnung: Scheiße, eine Sache kann alles verändern“, sagt Rahat. Es ist ein typischer Rickels-Satz.

Interview: "Habe ihm nichts mehr zu sagen"

Vor zehn Jahren wurde Christoph Rickels in einer Diskothek niedergeschlagen. Auslöser für den Streit war eine Frau, der Angreifer der wohl eifersüchtige Freund. Wir haben mit dem 30-Jährigen über Tat, Täter und präventive Maßnahmen gegen Gewalt gesprochen.

Herr Rickels, sie haben Ihren Angreifer nie persönlich gesprochen. Hätten Sie ihm denn etwas zu sagen? 
Christoph Rickels: Nicht mehr. Ich habe lange auf ein Gespräch gewartet und so viele Jahre gelitten, gekämpft und mich durchbeißen müssen. Irgendwann habe ich mir gesagt: Hinter viele Sachen musst du einen Haken machen, um wieder leben zu können. Oder zumindest ins Leben ein stückweit wieder reinzukommen, weil es eine zeitlang ziemlich verschwunden schien. Deswegen möchte ich diese Konfrontation gar nicht mehr.

Bei ihren Vorträgen nehmen Sie kein Blatt vor den Mund – auch vor jüngerem Publikum. Ist das die Sprache der Kids? 
Rickels: Ja klar. Die reden so miteinander und ich bin in dem Moment auf Augenhöhe mit ihnen, wie es niemand anders schafft. Wenn ich mit pädagogischen Floskeln arbeiten würde, hätte ich keine Zuhörer. Wenn ich mal Scheiße sage, grinsen die, weil sie wissen: So würde kein Lehrer reden. In dem Moment lassen Sie mich an sich heran.

Hätte Prävention Ihren Fall verhindern können?
Rickels: (grinst) Wenn es mich schon gegeben hätte. Ich glaube tatsächlich: Ja. Wenn zu uns jemand gekommen wäre, der uns nahegelegt hätte, dass wir beim Rumboxen keine coolen Macker sind. Der uns zum Nachdenken gebracht hätte, wie es die Kids bei mir tun. Dann hätte man schon etwas ausbremsen können.

Hintergrund: Prävention an vier Göttinger Schulen

Christoph Rickels war mit seinem Gewaltpräventionsprojekt „First togetherness“ an vier Göttinger Schulen zu Gast: der neuen IGS in Weende, der IGS in Bovenden, der Martin-Luther-King Schule und der Heinrich-Heine Schule. Eingeladen hatte die Polizeiinspektion Göttingen mit dem Präventionsrat der Stadt sowie dem Verein Kommpakt. 

„Schule ist ein relativ sicherer Raum“, sagt Jacqeuline Emmermann, Jugendbeauftragte der Polizei Göttingen. Gewalttaten seien dort, entgegen des allgemeinen Trends, rückläufig. „Wir haben trotzdem allen Schulen dieses Angebot gemacht“, betont Emmermann. 

„Keine Schule will als Problemschule gelten“, sagt Tina Mandelt, didaktische Leiterin an der IGS Bovenden. „Aber hier geht es um Prävention. Solche Erfahrungen direkt erzählt zu bekommen, ist eine seltene Gelegenheit.“

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