Von Frauenmördern und Vampiren

Göttinger Literaturherbst gastierte erstmals im Rittmarshäuser Schloss

Musikalische Lesung mit schaurigen Geschichten im Rittmarshäuser Schloss: (von links) Andreas Noll, Sabine Mariß und Martin Tschoepe.
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Musikalische Lesung mit schaurigen Geschichten im Rittmarshäuser Schloss: (von links) Andreas Noll, Sabine Mariß und Martin Tschoepe.

Von Frauenmördern, Vampiren und Gespenstern handelten die Geschichten, aus denen Andreas Nohl im Rittmarshäuser Schloss las.

Rittmarshausen – Der Schriftsteller und Übersetzer stellte während des Göttinger Literaturhebstes, die von ihm im Steidl-Verlag herausgegebene Reihe Nocturnes vor.

Der Mond leuchtete zwischen schwarzen Regenwolken. Flackende Kerzen wiesen den Weg zum unbewohnten, in fahles Licht getauchte Schloss. Zwei Dutzend Zuhörer stiegen die schiefe Treppe des Herrenhauses hinauf in den Saal. Wasserschäden an der Decke gaben dem Raum morbiden Charme. Ein schönerer Rahmen für Nohls „Nachtstücke“ lässt sich schwer finden. Der Nocturnes-Herausgeber teilte sich die kleine Bühne mit Sabine Mariß und Martin Tschoepe, die die Lesung musikalisch begleiteten.

Aus Robert Musils umfangreichen Roman „Mann ohne Eigenschaften“ hatte Nohl die Geschichte des Frauenmörders Moosbrugger ausgewählt. Mit tiefer, ausdrucksstarker Stimme las er vom gutmütig dreinschauende Handwerker. Der unschuldig lächelnde Zimmermann, der unter Verfolgungswahn leidet, zerfleischt ein Straßenmädchen mit dem Messer.

Ein Wahn kann auch ohne Gewaltanwendung töten: Darum ging es in der Vampirgeschichte von Prosper Mérimées. Eine junge Wirtstochter reißt nachts ein Balkandorf mit gellenden Schreien aus dem Schlaf. Sie glaubt, von einem Vampir gebissen worden zu sein. Die Mutter, die im gleichen Zimmer schläft, will den Untoten auch gesehen haben. Das ganze Dorf zieht am folgenden Tag zum Friedhof und gräbt die noch nicht verweste Leiche eines kürzlich verstorbenen Mannes aus. Die Menschen zertrümmern dem Toten den Schädel und verbrennen die Überreste in einem nahen Obstgarten. Das Mädchen hat einen roten Punkt am Hals, vielleicht einen Insektenstich. Frauen verbinden sie mit Lappen, die sie zuvor in die Leichenflüssigkeit des Exhumierten getaucht hatten. Die junge Frau, die sich für rettungslos verloren hält, magert in wenigen Tagen ab und stirbt schließlich. Auf dem Totenbett nimmt sie dem Vater das Versprechen ab, dass er ihre Leiche köpft. Sie will nicht selbst zum Vampir werden.

Um einen Landstreicher, der morgens im Schnee erwacht und staunt, dass er nicht erfroren ist, ging es in der dritten Geschichte. Sie stammt von Richard Middleton, der sich 1911 mit 29 Jahren das Leben nahm. Dem Landstreicher schließt sich ein Junge an, der von immer hungrigen und frierenden Vagabunden erzählt, die auch nach dem Tod rastlos weiterwandern.

Zu den unheimlichen Geschichten erklangen Improvisationen, die zwischen Klezmer und Klassik, Jazz und Folklore changierten. Mariß spielte Klarinette und ein Wippakkordeon, ein halbes, am Oberschenkel befestigtes Schifferklavier, das nur über die Bassseite verfügt. Tschoepe war an einer Gambe und einer umgebauten, achtsaitigen Gitarre ohne Bünde zu hören.

Von Michael Caspar

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