Premiere

Von wegen trautes Heim: „Yesterday reloaded“ feiert Premiere im Deutschen Theater Göttingen

Igel-Vater Mecki sitzt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern am Küchentisch. Die vier beten. Alle tragen konservative Kleidung. Im Hintergrund hängt ein Kreuz an der Wand.
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Heimies Idyll: Die „konservativ-gemütliche“ Igelfamilie betet am Esstisch. Doch der harmonische Schein trügt, wie das Publikum bald erfährt.

Verstörend, aber aufrüttelnd: Das AfD-Projekt „Yesterday reloaded“, inszeniert von Gernot Grünewald, bekam begeisterten Applaus bei der Premiere im Deutschen Theater.

Göttingen - Mit der Uraufführung hat das Deutsche Theater seine zweite Premiere nach dem Corona-Lockdown gelandet.

Wer kennt Mecki, das Maskottchen der Zeitschrift „Hörzu“? Den Comic um den Igel-Vater mit Familie hat Bernhard Schmitz vom Bilderbuchmuseum Troisdorf als „konservativ-gemütlich, alt-bewährt“ beschrieben.

Außereuropäische Kulturen würden entweder tümlich (Chinesen) oder sehr lernbedürftig (Afrika) beschrieben. So spiegele sich hier vielleicht der typische Zwiespalt wider zwischen „deutscher“ Arroganz und bundesdeutscher Einsicht in die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte.

Was liegt da näher als eben diese Familie mit Parolen der AfD zu „schmücken“? Genau das hat Grünewald getan. Entstanden ist ein aufrüttelnder Abend, der manchem Besucher die Lust auf ein Getränk danach ausgetrieben haben mag.

Harmlos der Beginn vor Bilderbuchkulisse (Bühne: Michael Köpke). Ein kleines Haus, nur mit ausgestalteter Front, lädt den Besucher zum Eintreten ein. Das ist auch möglich durch das Gerüst dahinter. Die Details darin werden abgefilmt für alle sichtbar, das Loch in der Sofaecke, die Würste für die gemütliche Vesper.

Vater schlägt seinen Sohn

Dann treten die Schauspieler auf – Marco Mathes, Katharina Müller, Volker Muthmann und Marie Seiser – und schlüpfen in ihre Igelkostüme. Was nun beginnt als trautes Familienleben wird gespickt mit immer mehr verstörenden Szenen.

So wird der Igelsohn abgestraft, vielleicht für sein vermeintlich „weibisches“ Verhalten? Die Klatsche für die Schläge auf den Hintern muss er für den Vater selber holen. Wiederholt muss die Tochter die Übergriffe ihres dominanten Vaters ertragen.

Igel-Vater Mecki schlägt nicht nur seinen Sohn, sondern wird auch bei seiner Tochter übergriffig.

In einem Versteck hütet sie ihr „Geheimnis“. Doch das sieht nun gar nicht wie ein Igel aus. Immer wieder verharrt die „glückliche“ Familie, so als würde sie auf Gefahren lauern. Als schließlich der erste Goldhamster auftaucht – bezeichnenderweise lebt das Tier in Syrien und trägt den vollen Namen „Syrischer Goldhamster“ – ist es vorbei mit der Idylle.

Immer wieder schlüpfen die Igelfiguren ans „Rednerpult“, um musikalisch verpackte (Musik: Dominik Dittrich) AfD-Parolen zum Besten zu geben. Sieht so wirklich die „schöne neue Welt“ aus?

Der Betrachter muss sich das unweigerlich fragen, wenn er zusieht, wie die Hamster Dienstboten werden oder auf brutale Weise ein Ende finden. Bei den Igeln werden Symbole dominanter, die an die dunkle Nazi-Zeit erinnern.

Erstaunlich, wie es den Schauspielern gelingt, trotz Igelmasken und ohne Worte allein durch ihre Haltung Gefühle zu vermitteln. Viel Applaus ernteten sie mit dem Regieteam für diesen ohne Zweifel etwas anderen Abend.

Weitere Vorstellungen und Tickets

Weitere Vorstellungen im DT-2 am 5., 10. und 17. Juni jeweils um 20 Uhr sowie im Internet unter dt-goettingen.de. Karten unter Telefon 0551/49 69-300 oder per E-Mail an theaterkasse@dt-goettingen.de. (Ute Lawrenz)

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