Unter Pseudonym "Göttinger Mescalero"

Vor 40 Jahren erschien der Göttinger "Buback-Nachruf"

+
Der Tatort mit den zugedeckten Leichen von Siegfried Buback (vorne l) und seines Fahrers sowie der Dienstwagen des Generalbundesanwaltes in Karlsruhe am 07. April 1977. 

Göttingen. Im Frühjahr 1977 sorgt der „Buback-Nachruf“ bundesweit für Aufregung. Ein aus dem Sinnzusammenhang gerissenes Wort machte Geschichte und löste eine Staatsaffäre aus.

Unter dem Pseudonym „Göttinger Mescalero“ verfasst ein Schreiber, der sich selbst „Stadtindianer“ nennt den Text „Buback – Ein Nachruf“, der die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion kommentiert. 

Am 25. April 1977 verteilen Mitglieder des von linken Gruppen gebildeten Allgemeinen Studentenausschusses die aktuelle Ausgabe der AStA-Zeitung „Göttinger Nachrichten“. Auf den hinteren Seiten des Heftes ist der Artikel „Buback – ein Nachruf“ abgedruckt, indem der Göttinger Mescalero seine spontane Freude über den Mord an Buback schildert.

Vom Motorrad aus erschossen

Sohn Michael Buback kritisiert Ermittler: "Es ist mir unbegreiflich"

Generalbundesanwalt Siegfried Buback ist zweieinhalb Wochen zuvor auf der Fahrt in sein Büro von einem Kommando der Rote Armee Fraktion (RAF) ermordet worden. Von einem Motorrad aus hat der Attentäter mit einer Maschinenpistole in Bubacks Dienstwagen gefeuert. Sein Fahrer Wolfgang Goebel und der Justizbeamte Georg Wurster erleiden ebenfalls tödliche Verletzungen.

2001 outet sich der Literaturwissenschaftler und Deutschlehrer Klaus Hülbrock als Autor des Textes, in dem es hieß: „Meine unmittelbare Reaktion, meine Betroffenheit nach dem Abschuss von Buback ist schnell geschildert“, heißt es in seinem Text: „Ich konnte und wollte eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. Ich habe diesen Typ oft hetzen hören. Ich weiß, dass er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Folterung von Linken eine herausragende Rolle spielte.“ 

Dann rückt Hülbrock allerdings von terroristischer Gewalt ab. „Wir alle müssen davon runterkommen, die Unterdrücker des Volkes stellvertretend für das Volk zu hassen“, schreibt er. „Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt [...] heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“

Zahlreiche Medien kritisieren den Text und  zitieren nur die vier Zeilen über die „klammheimliche Freude“ und verschweigen, dass sich der „Mescalero“ zumindest partiell von Gewalt distanziert. 

Linke studentische Gruppen sowie 48 Hochschullehrer lassen den „Nachruf“ nachdrucken, sie verlangen „eine öffentliche Diskussion des gesamten Artikels“.

Gift versprüht

Michael Buback, Sohn des ermordeten Siegfried Buback.

1999 schreibt Hülbrock einen Brief an Michael Buback, den Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts und versichert, dass ihm seine Worte von 1977 „heute wehtun“. „Das Gift, das ich versprüht hatte, wirkte nach so langer Zeit gegen mich selbst“, sagt er. Michael Buback, damals Chemie-Professor in Göttingen, äußert sich im Jahr 2007 dazu. Er habe es „als Erleichterung empfunden, als sich der Verfasser Jahrzehnte später in einem Brief an mich offenbarte.“

Michael Buback war 32 Jahre alt, als sein Vater am 7. April 1977 in Karlsruhe von der RAF erschossen wurde. Er glaube inzwischen nicht mehr an die Aufklärung des Attentats.

 Falls die Bundesanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen das frühere RAF-Mitglied Stefan Wisniewski endgültig einstelle, sehe er „keine Person mehr, die als unmittelbarer Karlsruher Mittäter in Betracht kommt“, sagte Buback jüngst dem Westfalen-Blatt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.