Vorlesungen für Mädchen und Jungen: Göttinger Kinder-Uni trifft den Nerv

Besonders beliebt: Wegen der Experimente sind Chemie- und Physikvorlesungen bei Kindern besonders beliebt. Chemie-Professor Thomas Waitz (hinten) hat sich bereits mehrfach als Dozent am Programm der Kinder-Uni beteiligt. Archivfoto: Schroeter

Göttingen. Unter dem Motto „Neugier auf Neues“ startete an der Universität Göttingen 2004 die Kinder-Uni. Mehr als 60 000 Dritt- bis Sechstklässler aus der Stadt und den benachbarten Landkreisen haben seitdem die Vorlesungen und Seminare besucht. Wir sprachen mit dem Gründer Peter Brammer.

Hätten Sie vor zwölf Jahren gedacht, dass die Kinder-Uni ein solcher Erfolg wird?

Peter Brammer: Nein. Zusammen mit der Presseabteilung haben wir 2004 ein Motto überlegt und einen Flyer entworfen. 10 000 Exemplare wurden an die Schulen verteilt. Zur ersten Vorlesung kamen dann 700 Kinder. Wir hatten mit 100 gerechnet und haben kurzfristig zwei Vorlesungen angeboten. Es war kompliziert, weil wir Kinder wieder ausladen mussten. Die Kinder kamen schon damals nicht nur aus Göttingen, sondern auch aus dem Landkreis und Northeim. Die Resonanz war so groß, dass es für mich als Pädagogen nicht zu vertreten war, die Kinder-Uni nach einem Semester wieder einzustellen.

Wie ist die Idee überhaupt entstanden?

Brammer: In einem Seminar Schulorganisation und Projektmanagement. Die Studenten und ich wollten uns mit dem Thema nicht nur theoretisch auseinandersetzen, sondern selbst ein Projekt entwickeln und kamen auf die Idee Kinder-Uni. Wir hatten aber nicht die Absicht, so etwas auf Dauer zu machen. Bei einem zufälligen Treffen habe ich dem damaligen Unipräsidenten Prof. Horst Kern von der Kinder-Uni erzählt und er hat spontan seine Unterstützung zugesagt. Damals waren die Nachwirkungen des Pisa-Schocks noch sehr aktuell. Deutsche Gymnasien waren nicht mehr Spitze und die Diskussion hat die Politik umgetrieben.

Wer kümmert sich um Themen und Dozenten?

Brammer: Ich. Wir wollen über neue wissenschaftliche Ergebnisse berichten. Darum suche ich nach aktuellen Themen, besonders auch nach solchen, die mit der Region zu tun haben, wie das Harzhorn oder das Römerlager bei Hann. Münden. Ich spreche dann die Wissenschaftler an und habe noch nie eine Absage bekommen. Manche melden sich auch selbst.

Und einige waren schon häufiger dabei.

Brammer: Prof. Gerhard Wörner war als Experte für Vulkane schon vier Mal dabei. Auch Isabel Pagalies (Ethnologie), Prof. Thomas Waitz (Chemie) und Prof. Arnulf Quadt (Physik) haben mehrfach mitgemacht. Chemie und Physikvorlesungen sind wegen der Experimente besonders beliebt, weil es da knallt und raucht. Wir hatten aber auch bei angeblich trockenen Themen wie Jura oder Wirtschaftswissenschaften immer wieder Dozenten, die unheimlich plastisch und für Kinder interessant vortragen konnten.

Welches Ziel hat die Kinder-Uni, sollen Kinder für die Wissenschaft interessiert werden?

Brammer: Das Angebot der Kinder-Uni ist für alle Kinder offen, wir fragen nicht nach den Schulnoten. Wir wollen Kinder für Neues begeistern. Wo erleben Kinder schon einmal einen Vulkanexperten? Oder das Beispiel Wildbienen. Ich wusste nicht, dass es mehr als 30 Arten gibt. Es geht um das Erkennen von Dingen in unserer Umwelt, die wir gar nicht sehen, wenn wir nichts über sie wissen.

Was hat sich geändert in zwölf Jahren Kinder-Uni?

Brammer: Es gibt eine Veränderung der Nachfrage. Es kommen weniger Kinder in die Vorlesungen am Mittwochnachmittag. Ein Grund: Von 20 Göttinger Grundschulen sind 17 heute Ganztagsschulen. Dafür sind die Seminare für besonders interessierte Kinder immer ausgebucht. Und es gibt inzwischen auch Workshops.

Was machen Sie gerade? Steht das Programm für das Sommersemester?

Brammer: Referenten und Themen stehen fest. Wir arbeiten noch an den Titeln und dem Endschliff für den Flyer.

Also denken Sie schon an das Wintersemester?

Brammer: Nein, ich höre auf. Irgendwann muss Schluss sein. Aber die Kinder-Uni geht weiter. Das Geisteswissenschaftliche Schülerlabor YLAB wird die Aufgabe unter Leitung von Dr. Gilbert Heß übernehmen. Die Vorlesungen sollen weiter an der Uni stattfinden, in Räumen, in denen die Professoren arbeiten und während des Semesters, wenn Betrieb an der Uni ist. Das war mir immer wichtig.

Zur Person

Peter Brammer, Jahrgang 1937, war bis zum Eintritt in den Ruhestand im 2002 Direktor der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule (IGS Geismar) in Göttingen und übernahm danach einen Lehrauftrag am Pädagogischen Seminar der Universität. Die Idee zur Kinder-Uni entstand während eines Seminars für Lehramtsstudierende. Bis heute ist Peter Brammer Projektleiter der Kinder-Uni und wurde im Dezember 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Im Dezember 2016 ehrte der Stiftungsrat der Uni den Gründer der Kinder-Uni für seine ehrenamtliche Arbeit. (zsh)

Hintergrund: Kinder informieren Kinder

In zwölf Jahren hat sich das Angebot der allein durch Sponsorengelder finanzierten Kinder-Uni erweitert. Die Vorlesungen halten nicht nur Uni-Dozenten. Die Kinder-Uni kooperiert zum Beispiel auch mit dem Deutschen Primatenzentrum und dem Max-Planck Institut für Sonnensystemforschung.

Neben Vorlesungen gibt es Seminare und Workshops. Entstanden ist außerdem eine Schreibwerkstatt. In der Reihe „Kinder schreiben für Kinder“ sind bereits zwei Taschenbücher mit Geschichten veröffentlicht worden, ein dritter Band ist in Arbeit.

In der letzten Vorlesung eines jeden Semesters treten nicht Wissenschaftler, sondern Schüler ans Rednerpult und berichten über ein Thema, das sie besonders interessiert. Angeleitet werden sie dabei von einem sechsköpfigen Studenten-Team, das für die Kinder-Uni arbeitet. Im aktuellen Wintersemester steht vor der Veranstaltung „Kinder informieren Kinder - KiK“ (2. Februar) noch eine Vorlesung auf dem Programm. Prof. Sami K. Solanki vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung spricht am 18. Januar, über „Unser leuchtender Stern - den Geheimnissen der Sonne auf der Spur“.

Leben in der Wüste

Seminare gibt es zum Speiseplan der Eulen (3. Februar). Am 8. Februar stehen chemische Experimente im Mittelpunkt, am 17. Februar geht es um die Geheimnisse der Sonne und am 24. Februar um das Leben in der Wüste. In der Philosophiewerkstatt wird über Mut und Wahrheit gesprochen (10. und 24. Februar), im DLR-School-Lab die Physik des Fliegens erforscht (17. und 24. Februar). (zsh)

Infos zur Anmeldung: www.kinder-uni.uni-goettingen.de

Von Kornelia Schmidt-Hagemeyer

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