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Vorstandschef Kreuzburg: „Potenziale für Sartorius sind enorm“

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Von: Thomas Kopietz

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Sartorius-Vorstandsvorsitzender Dr. Joachim Kreuzburg zeigt gestenreich die Möglichkeiten seines Unternehmens im HNA-Interview auf.
Voller Energie: Sartorius-Vorstandsvorsitzender Dr. Joachim Kreuzburg zeigt die Möglichkeiten seines Unternehmens im HNA-Interview deutlich auf. © Hubert Jelinek

Bei Sartorius läuft es weiter rund: Im Interview blickt Vorstandchef auf ein weltweit schwieriges Jahr 2022 zurück - aber auch nach vorn.

Göttingen – Noch bevor die Sartorius AG vorläufige Zahlen für das Geschäftsjahr 2022 veröffentlicht sagt Vorstandschef Dr. Joachim Kreuzburg im Interview mit unserer Zeitung, dass 2022 ein gutes Jahr war. Für sein Unternehmen schaut positiv nach vorne. Man liege bezüglich der Zielvorgaben für 2025 auf Kurs.

Herr Kreuzburg, wo steht das Göttinger Dax-Unternehmen Sartorius nach einem wirtschaftlich wie politisch teils dramatischem Jahr 2022?

Unsere Prognose für das abgelaufene Geschäftsjahr 2022 sieht trotz der sehr hohen Vergleichsbasis des Vorjahres ein deutlich zweistelliges Umsatzwachstum und eine anhaltend hohe Profitabilität vor. Aber es fällt dennoch schwer, für 2022 ein positives Fazit zu ziehen. Wie viele Menschen hatten sich auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach dem Abklingen der Pandemie mehr Normalität gewünscht. Stattdessen kam der Ukrainekrieg mit den bekannten Folgen Energieknappheit, deutlich nachlassender Wachstumsdynamik und Inflation. Zusätzlich haben die Spannungen im Welthandel stark zugenommen. Was unsere Geschäftsentwicklung betrifft, haben wir uns vor diesem Hintergrund insgesamt gut entwickelt, allerdings hat nach zwei außergewöhnlich starken Jahren Mitte 2022 die erwartete Normalisierung eingesetzt.

Sie hatten diesbezüglich wiederholt - wohl auch in Richtung Aktionäre - auf die Euphoriebremse getreten..

Zur generellen Einordnung muss man sagen, dass die vergangenen Jahre wirklich außergewöhnlich waren, mit Wachstumsraten beim Umsatz von 30 Prozent in 2020 und sogar 50 Prozent im Jahr 2021. Neben dem sehr guten Basisgeschäft war dabei die Pandemie ein relevanter Faktor, die einerseits zu einer hohen zusätzlichen Nachfrage seitens der Impfstoffhersteller führte und gleichzeitig Kunden aufgrund der gestörten Lieferketten dazu veranlasste, Lagerbestände aufzubauen und ihre Bestellungen früher zu platzieren. Es war immer klar, dass zum Ende der Pandemie auf Kundenseite eine deutliche Normalisierung stattfinden würde und dementsprechend fokussieren wir jetzt auch auf Konsolidierung von Organisation und Abläufen bei stabiler Mitarbeiterzahl, die sich ja seit 2018 bis heute auf rund 16 000 verdoppelt hat.

Sartorius hat eine Transformation zum Life-Science-Konzern durchlaufen und sich rasant entwickelt. Was macht Sie für die Zukunft optimistisch?

Die Biopharmazie hat sich seit den 1980er Jahren rasant entwickelt und ist heute die Basis für viele Therapien, etwa bei der Behandlung von Krebsarten. Seit ein paar Jahren erleben wir nochmals einen verstärkten Innovationsschub. Beispiel ist die mRNA-Technologie, welche die Basis wichtiger Corona-Impfstoffe bildet und eindrucksvoll belegt, welche neuen Möglichkeiten die Biopharmazie eröffnet. Gleiches gilt für das noch relativ junge Feld der Zell- und Gentherapien. Allein vor dem Hintergrund der aktuellen Innovationsdynamik sind die Potenziale für unser Unternehmen enorm.

Neben der Bioprozess-Sparte wächst auch die Laborsparte stark. Warum?

Wir haben die Sparte neu ausgerichtet. Vor gut fünf Jahren haben wir den Fokus auf die Lebenswissenschaften und hier insbesondere den überdurchschnittlich stark wachsenden Bereich der Bioanalytik gelegt und auch entsprechende Zukäufe getätigt. Jetzt sehen wir, dass dies Früchte trägt.

Was ist notwendig, um das Innovationstempo weiter mitgehen oder gar bestimmen zu können?

Wichtige Eigenschaften in unserer Branche sind vor allem Flexibilität und Agilität. Die Innovationsdynamik in den Lebenswissenschaften und der Biopharmabranche ist so hoch wie selten zuvor, und wer lange zaudert oder technologische Trends verpasst, kann sehr schnell den Anschluss verlieren. Dazu gehört auch, bestimmte kalkulierbare Risiken einzugehen sowie Fehler schnell zu erkennen und zu korrigieren. Sartorius bietet viele Möglichkeiten, die Dynamik unserer Branche aktiv mitzugestalten. Dafür muss man die richtigen Menschen finden.

Stichwort Innovationstempo, was sind die Treiber dafür?

Es gibt das allgemeine Bestreben, die Markteinführung neuer Medikamente zu beschleunigen. Während man bei der Entwicklung teilweise bereits schneller geworden ist, dauert der gesamte Weg durch die klinischen Testphasen bis zur Marktzulassung weiter sehr lange. Die Corona-Impfstoffe waren eine große Ausnahme, da hier die Prozesse optimiert und alle Kräfte auf das Ziel gebündelt wurden. Damit wurde aber auch klar, was möglich ist.

War es beabsichtigt, in allen drei Geschäftsregionen annähernd gleich stark zu werden?

Weitestgehend ja. Zuletzt haben wir in Europa rund 37 Prozent unseres Umsatzes erzielt, in Amerika 36 Prozent und in Asien 27 Prozent. Wir erwarten, dass Asien irgendwann der stärkste Markt sein wird. Interessanterweise hat sich aber auch Europa in den vergangenen fünf bis zehn Jahren in der Biopharmazie stark und besser als erwartet entwickelt.

Muss Europa in Sachen Biotechnologie von Boom-Regionen wie Boston in den USA lernen?

In der Biopharmazie sind die USA immer noch Innovationsvorreiter. Aber Europa ist mit Blick auf Innovation und Leistungsfähigkeit besser als manche denken. Das betrifft die Forschung, aber auch die Unternehmen. Denken Sie an Roche, Novartis und GSK, oder auch Firmen wie BioNTech. Insofern ist Europa nicht etwa abgehängt, und auch Deutschland hat in dem Segment wieder gut Tritt gefasst. Bei alldem darf man aber nicht vergessen: Auch in Asien findet mittlerweile nicht nur Produktion, sondern auch Innovation statt. Insbesondere China hat sehr stark in den Bereich investiert, ebenso wie Südkorea und Japan.

Wo wird Sartorius besonders investieren?

Angesichts des erwarteten weiteren Marktwachstums investieren wir weltweit in neue Produktionskapazitäten: In Nordamerika, in Südkorea, in China, in Frankreich und natürlich auch in Deutschland. In Göttingen ist das gerade sehr deutlich sichtbar. Ausgebaut wurde auch in Ulm und wird derzeit in Guxhagen bei Kassel. Und wir werden auch die zuletzt durch Übernahmen hinzugekommenen Standorte in Freiburg und Bielefeld sowie perspektivisch auch in Jena erweitern.

Wie steht es um Zukäufe von Unternehmen?

Akquisitionen sind integraler Bestandteil unserer Wachstumsstrategie. Der Fokus liegt dabei auf Technologien, die unser Angebot komplementär ergänzen und uns damit noch wichtiger für unsere Kunden machen. Beispiele sind die Zukäufe von CellGenix in Freiburg, Xell in Bielefeld oder zuletzt Albumedix in England, mit denen wir unser Lösungsangebot im Bereich neuartiger Therapien gestärkt haben.

Zur Person

Dr. Joachim Kreuzburg (57) ist seit 2005 Vorstandschef der Sartorius AG. Er kam in Höxter zur Welt, wo er Abitur machte. Nach dem Maschinenbau-Studium in Hannover arbeitete er beim Nieders. Institut für Solarenergieforschung (Hameln). 1995 wechselte er an die Uni Hannover, wo er 1999 zu einem umweltökonomischen Thema promovierte. 1999 startet Kreuzburg bei Sartorius, ist seit 2002 Mitglied des Vorstands. Sein Vertrag als Vorstandsvorsitzender läuft bis November 2025. Joachim Kreuzburg lebt in Göttingen, Hobbies sind Sport - besonders Bergwandern - Lesen und Musik. (tko)

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