Auslastung sackt stark ab

Waldschlösschen kämpft mit den Folgen der Corona-Pandemie

Sorgen sich um Europas bedeutendstes queeres Tagungshaus: Akademieleiter Ulli Klaum (links) und Stiftungsvorstand Rainer Marbach.
+
Sorgen sich um Europas bedeutendstes queeres Tagungshaus: Akademieleiter Ulli Klaum (links) und Stiftungsvorstand Rainer Marbach.

Gut 200 eigene Seminare, mehr als sonst, plant die Akademie Waldschlösschen im kommenden Jahr. Ob sie in Zeiten der Pandemie auch alle stattfinden können, weiß Stiftungsvorstand Rainer Marbach nicht.

Gleichen – Teilnehmende dürfen ohne Angaben von Gründen noch im letzten Moment absagen. Auf Stornogebühren verzichtet die Bildungseinrichtung unter den aktuellen Bedingungen. „Unsere Auslastung ist mit Beginn des zweiten Lockdowns auf deutlich unter die Hälfte des Vorjahres gesunken – bei gleichen Kosten“, berichtet Marbach. Bei 50 Prozent der Vorjahresauslastung hatte sich der Wert nach Ende des ersten Lockdowns Ende Mai eingependelt. Viel tiefer darf er nicht sinken. „Sonst müssen wir die 30 Mitarbeitenden in Kurzarbeit schicken und vorübergehend schließen“, befürchtet Marbach. Das will er nach der staatlich verordneten sechswöchigen Zwangspause von Mitte März an möglichst vermeiden.

Bisher ist die Akademie vergleichsweise glimpflich durch die Krise gekommen. Die Immobilie, die dem Bildungsträger gehört, ist schuldenfrei. Vier der insgesamt sieben Pädagogenstellen werden über Bundesprojekte finanziert. Das Geld fließt ebenso wie die Finanzhilfe, die das Land seinen 23 Heimvolkshochschulen zahlt. Auf einen Aufruf der Einrichtung zu Beginn der Pandemie hin spendeten innerhalb von 14 Tagen mehr als 1000 Freunde der Akademie 170 000 Euro. „Das hat uns sehr geholfen“, sagt Marbach dankbar.

„Wir haben kräftig in ein ausgeklügeltes Schutz- und Hygienekonzept investiert“, berichtet der Leiter. Die 52 Zimmer des Waldschlösschens werden – anders als zuvor – fast ausschließlich von Einzelpersonen genutzt. Die Tische in den Seminar- und Speiseräumen stehen nun mit dem nötigen Sicherheitsabstand voneinander entfernt. Mehrere Räume lassen sich über Großbildschirme zu Videokonferenzen zusammenschalten. So können auch größere Gruppen gemeinsam tagen. Überall laufen Filteranlagen, die die Raumluft keimfrei halten. Allein sie haben 50.000 Euro gekostet. „Gut angelegtes Geld“ sei das, meint Marbach. Um mehr Raum zu schaffen, wurde ein Festzelt aufgestellt, das 20 Personen fasst. Zum Herbst hin ist es mit Infrarotstrahlern ausgestattet worden. „Es gibt wenige Bildungseinrichtungen, die zur Zeit sicherer sind“, meint Marbach.

Die Akademie ist 1981 als „schwule Volkshochschule“ gegründet worden, berichtet Marbach. Seither hat es sich zum europaweit bedeutendsten Tagungshaus der LSBTIQ-Bewegung entwickelt. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-, Inter und queere Menschen nutzen die Akademie als Ort der Selbstfindung und der Vernetzung. Das Waldschlösschen ist unter anderem Träger eines Modellprojekts der Bundeszentrale für politische Bildung, dass queere Lebenswelten unter russischsprachigen Menschen stärkt. 2019 besuchten 6000 Teilnehmer 300 Seminare, von denen ein Drittel auf Gastgruppen entfielen. Die Zahl der Übernachtungen belief sich auf 15 000. (Von Michael Caspar)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.