Vor seiner Rede erklang "Heroes" von David Bowie

Weender Krankenhaus: Offene Worte von Michael Karaus zum neuen Jahr

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Kritisch, offen, optimistisch: Der Medizinische Geschäftsführer des Weender Krankenhauses Prof. Dr. Michael Karaus.

Göttingen. Ungewöhnlich ist es, in der Neujahrsrede in einem lebensbewahrenden Krankenhaus ausgerechnet 2016 verstorbene große Musiker und Menschen zum roten Faden zu machen.

Unpassend freilich war es nicht, als das Prof. Dr. Michael Karaus am Mittwochabend im Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende tat. So erklang auch „Heroes“ von David Bowie vor seiner Rede.

Darin erinnerte er noch mit thematisch passenden Zitaten an andere 2016 Gegangene wie Dietrich Genscher, Walter Scheel, Peter Lustig und Muhammad Ali. Großartige Menschen, die jenen Mut zur Menschlichkeit hatten, die der Mediziner Karaus im Zeitalter der globalen Vernetzung und digitalisierten Computerwelt manchmal vermisst.

Neues Leitbild

Das Weender Krankenhaus jedenfalls hat sich ein neues Leitbild gegeben. Zu sehen ist es im Krankenhaus auch als Logo – ausgerechnet auf allen Computern als Bildschirmschoner. „Mensch bleiben“ ist der Grundsatz, der gelebt werden soll, was in der heutigen Krankenhausrealität nicht einfach ist, wie der Klinikchef kritisch anmerkte.

Wirtschaftsbetrieb Klinik

Im Wirtschaftsbetrieb Krankenhaus, wo Erfolge auch nach der Überschussrechnung gemessen werden und der wirtschaftliche Druck in Deutschland wieder zugenommen habe, müssten auch unpopuläre Entscheidungen getroffen werden. Nicht jede liebgewonnene Abteilung lasse sich sinnvoll betreiben, ohne das Gesamte darunter leide. Gleichzeitig aber sprach Karaus auch vom Mut, an Abteilungen festzuhalten, die sich nicht „rechnen“, aber wertvoll und für ein Haus unverzichtbar sind, das müssten dann andere Abteilungen auffangen. „Darüber lässt sich in einer Klinik ein Konsens herstellen, wenn man darüber redet, von Mensch zu Mensch.“

Fürsorge wichtig

Die Menschen, die in die Klinik kommen, jedenfalls erwarteten einerseits moderne Technik zur Behandlung, aber zunächst eine fürsorgliche Betreuung. „Wo das nicht klappt, da geht man nicht mehr hin.“ Technik, Personal, das koste Geld und am Ende müsse was übrigbleiben für Investitionen, Infrastruktur, Tarifsteigerungen. „Da gibt es keinen Königsweg.“

2016 Krise in der Pflege

Das hat die Krankenhaus-Spitze 2016 gespürt: In der Pflege herrschte Unzufriedenheit, Personalfluktuation war die Folge. Stellen waren nicht zu besetzen, Schulabgänger gingen in andere Krankenhäuser. Das Weender war im Kreislauf gefangen. Der Krankenstand nahm zu, die Unzufriedenheit verbliebener Mitarbeiter wuchs. All das schilderte Karaus offen, ehrlich.

Intern wurde gegengesteuert. Die Krankenhausleitung griff in die Schatulle: 30 neue Stellen in der Pflege entstanden, frisch examinierte Pflegerinnen und Pfleger erhielten ein höheres Startgehalt, die Pflegekräfte bekamen alle einen Jahres-Sonderzuschlag. Der offene Umgang, die Maßnahmen brachten Erfolge: Die Situation in der Pflege hat sich beruhigt, sagte Karaus. Und die Perspektive stimmt: Die nachfolgenden Jahrgänge der Pflegeschule wollen fast alle wieder im Weender arbeiten.

Neue IT-Technik

Millionen investiert hat man in die IT, dazu den Umbau von Neu-Mariahilf. Unter dem Bilanzstrich steht aber dennoch eine schwarze Zahl, was Karaus stolz macht, auch wenn er es nicht sagte. „Weende gehöre weiterhin zu den 40 Prozent gesunden Krankenhäusern in Niedersachsen mit einem positiven Jahresabschluss.“

Start Schmerztherapie

Mit Kraft und Mut gehe man ins neue Jahr: der weitere Ausbau ist geplant, neue Schwerpunkte sollen entstehen: 2017 startet im März mit acht Betten, im Sommer dann mit 16 Betten eine stationäre Schmerztherapie mit Chefärztin Dr. Kristin Kotzerke. Sie Station dockt als letzte konservative Therapiemethode zeitlich an die Orthopädie und vor Wirbelsäulenchirurgie mit der Operation an. Die Liegezeit wird so verlängert, was mehr Einnahmen verspricht. Entstehen wird auch die Adipositas-Chirurgie mit Magenverkleinerungen unter Dr. Bernhard Schupfner, der aus Kassel kommt.

Ärztehaus wächst

Neu ist auch eine Kapelle im Innenhof von Neu-Mariahilf. Ein Projekt, was zum Weender passt, und den Menschen in den Vordergrund stellt, Patienten sollen hier Ruhe und Besinnung finden können. Dort geht das Weender laut Karaus einen zukunftsträchtigen Weg: Das Ärztehaus dort wird noch das Nephrologische Zentrum Göttingen mit der Dialyse und die Onkologische Schwerpunktpraxis beherbergen, dazu das Hospiz. Schon jetzt arbeiten in Weende und Neu-Mariahilf mehr als 20 niedergelassene Ärzte, als Partner, angestellt oder in Kooperationspartner.

Mutig sein

Den Kurs umreißt Karaus wie folgt mit dem Zitat des „Größten“: „Wer nicht mutig ist, Risiken einzugehen, wird es im Leben zu nichts bringen“, sprach einst der leider verstorbene Muhammad Ali.

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