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Geschenke: Der Brauch kommt nicht vom Weihnachtsmann

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Von: Thomas Kopietz

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Der Göttinger Theologe Wolfgang Reinbold, Professor für Neues Testament an der Georg-August-Universitaet Goettingen.
Geschenke, Geschenke – woher aber kommt der Brauch zu Weihnachten? Antworten weiß der Göttinger Theologe Wolfgang Reinbold, Professor für Neues Testament an der Georg-August-Universität Goettingen. © epd

Geschenke, Geschenke! Woher aber kommt der Brauch an Weihnachten anderen Geschenke zu machen? Ein Göttinger Professor kennt Antworten.

Göttingen - Ein Weihnachtsfest ohne Geschenke ist für die meisten Menschen ein Ding, das es nicht gibt. Zu keiner Zeit des Jahres wird derart viel Geld ausgegeben, um anderen eine Freude zu machen. Doch woher stammt dieser weihnachtliche Brauch des Schenkens, der sich auch zum Zwang entwickeln kann? Auf jeden Fall nicht vom Weihnachtsmann, sagt der evangelische Theologe Wolfgang Reinbold, Professor für Neues Testament an der Georg-August-Universität Göttingen.

Herr Reinbold, Weihnachten gilt vielen Menschen heute vor allem als Fest des Schenkens. Woher kommt der Brauch?

Es gibt nur wenige Fragen, die so kompliziert sind wie die nach der Entwicklung des Weihnachtsfests. Es gibt so viele Weihnachtsbräuche und so viele historische Entwicklungen, dass man schnell nicht mehr durchblickt. Dass wir uns zum Weihnachtsfest Geschenke machen, kommt vom heiligen Nikolaus, dem berühmten Bischof von Myra, der im Übergang vom 3. zum 4. Jahrhundert in der Nähe von Antalya in der heutigen Türkei lebte. Sein Namenstag ist der 6. Dezember. Um Nikolaus ranken sich viele Legenden. So soll er immer wieder Kinder beschenkt haben - das machen wir an Weihnachten bis heute.

Häufiger als vom Nikolaus ist heute die Rede vom Christkind, das die Geschenke bringt. Wie kommt das?

Das Christkind ist eine Erfindung der Reformation. Das begann im 16. Jahrhundert. Nikolaus wurde als „Heiliger“ verehrt. Das geht nach evangelischem Verständnis natürlich nicht. Danach sind vielmehr alle Christinnen und Christen „Heilige“, so wie es schon in den Briefen des Paulus zu lesen ist. Was tat man also? Den Brauch einfach abzuschaffen und den Menschen das Schenken zu verbieten, das ging natürlich nicht. Also wanderte der Brauch des Geschenkemachens allmählich auf den Heiligen Abend beziehungsweise auf das Weihnachtsfest. So wurde das Schenken mit der Geburt des Christus verbunden – oder volkstümlich gesprochen: mit Jesus, dem „Christkind“.

Noch erfolgreicher hat sich als Geschenkebringer allerdings der Weihnachtsmann behauptet. Hat der irgendeinen Bezug zum christlichen Weihnachtsfest?

Nein, überhaupt nicht. Der rauschebärtige Mann mit dem Rentierschlitten und dem Geschenkesack ist eine vom religiösen Bezug losgelöste, verhältnismäßig junge Figur. Entstanden ist sie wohl im 19. Jahrhundert. Mit den Coca-Cola-Kampagnen seit den 1930-er Jahren wurde er immer beliebter. Und dabei rückte immer mehr der Konsum in den Vordergrund – so sehr, dass der ursprüngliche christliche Bezug der Weihnachtsgeschenke heute manchmal kaum noch zu erkennen ist.  epd/tko

Zur Person: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold

Der 1962 in Kassel geborene Wolfgang Reinbold ist Professor für Theologie an der Georg-August-Universität Götitngen. Nach dem Abitur 1980 am Friedrichsgymnasium Kassel studierte Reinbold von 1982 bis 1988 Evangelische Theologie in Göttingen, Bern und Bethel. Nach der Promotion 1993 zum Dr. theol., der Habilitation 1998 mit venia legendi für Neues Testament in Göttingen und dem Vikariat war er von 2002 bis 2009 Pastor an der Marktkirche in Hannover. Seit 2009 ist er Beauftragter für Kirche und Islam im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und seit 2010 Professor für Neues Testament an der Georg-August-Universität Göttingen. (tko)

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