Weihnachten mit Robert Gernhardt: Doppelkorn und Elefantenklo

+
Ein Denkmal, dem ein literarisches Denkmal gesetzt wurde: In Robert Gernhardts Weihnachtsgeschichte macht die Familie in Göttingen einen Spaziergang zum Bismarckstein, der im Volksmund Elefantenklo genannt wird.

Göttingen. Der Autor Robert Gernhardt soll ein besonderes Denkmal erhalten. Der Göttinger Dichter hat auch eine Weihnachtsgeschichte geschrieben.

Eine der komischsten Debatten des Jahres war die Diskussion um das „Kragenbär“-Denkmal für Robert Gernhardt. Dass der 2006 verstorbene Dichter ein Denkmal in Göttingen verdient hat, steht außer Frage: Gernhardt hat in seinen Gedichten, Geschichten und Zeichnungen immer wieder Bezug auf Göttingen genommen, unter anderem in einer wunderbar skurrilen Weihnachtsgeschichte. Darin kommt zwar kein Kragenbär vor, wohl aber ein Elefantenklo. Es beginnt damit, dass er am Tag vor Weihnachten in einem Taschenbuchladen Hemingways Roman „Fiesta“ entdeckt. Das Buch hatte ihn beeindruckt, als er 14 war, jetzt will er es noch einmal lesen. Als er am nächsten Tag mit seiner Frau und den Katzen nach Göttingen fährt, um dort bei seiner Mutter Weihnachten zu feiern, hat er bereits die ersten 17 Seiten gelesen.

Hemingway bleibt über die Weihnachtstage sein Begleiter. So kommt es, dass Gernhardt ständig seine eigene (kleine) Welt mit der großen weiten Welt des Großschriftstellers vergleicht. Und so wie Hemingway all die berühmten Bars und Restaurants in Paris, in denen sich seine Protagonisten herumtreiben, und all die Getränke, die sie trinken, beim Namen nennt und kursiv setzen lässt, macht Gernhardt es dann auch: Heiligabend trinken sie bei seiner Mutter zum Gänsebraten Einbecker Pils und stoßen mit einem Hardenberger Doppelkorn an. Am nächsten Tag geht er in die Kaffeemühle, wo sein alter Schulfreund Günner ein Berliner Kindl trinkt, während er einen Edelzwicker bestellt. In den folgenden Stunden rollen sie alte Zeiten wieder auf, von der Aufnahmeprüfung in die Oberschule bis hin zum Weihnachtstreffen im Vorjahr.

Am nächsten Tag machen alle einen Spaziergang zum Elefantenklo. Dieses hat nichts mit dem Zoologischen Institut zu tun, sondern ist ein Bauwerk in der Nähe des Klausbergs, das an den einstigen Reichskanzler Otto von Bismarck erinnert, der 1832/33 in Göttingen Rechtswissenschaften studiert hat. Zu Ehren des berühmten Alumnus wurde Anfang des 20. Jahrhunderts der Bismarckstein gebaut, mit quadratischem Grundriss, Treppenaufgängen und einem feueraltarähnlichen Aufbau. Im Volksmund heißt das Denkmal nur Elefantenklo.

Dritter Weihnachtstag

Am dritten Weihnachtstag fährt Gernhardt dann noch ins Wendland. Während sich bei Hemingway inzwischen alles um den Stierkampf dreht, gerät Gernhardt in einen Schützenball mit Ententanz. Die Notizen aus der Provinz sind köstlich zu lesen.

Buchtipp: „Glück Glanz Ruhm – Erzählung Betrachtung Bericht“ von Robert Gernhardt, Fischer Taschenbuch Verlag, 144 Seiten, ISBN: 978-3-59613-399-4, 6,95 Euro. (pid)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.