Markus Raffel

Weltpremiere: Göttinger Wissenschaftler fliegt mit Lilienthal-Nachbau

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Pilot und Nachbau: Markus Raffel und der großen Doppeldecker von Otto Lilienthal.

Ein Göttinger Wissenschaftler und Pilot hat weltweit erstmalig den Doppeldecker-Nachbau Otto Lilienthals geflogen.

Er ist ein begeisterter Flieger. Er beschäftigt sich als Professor für Aerodynamik damit auch beruflich. Er ist „der“ Otto Lilienthal der Jetzt-Zzeit: Markus Raffel aus Göttingen hat – unterstützt – von enthusiastischen Kollegen 2018 erstmals den Nachbau des Lilienthal Gleiters zum Fliegen gebracht. 

Ein Jahr später, Ende Juli 2019, schwingt sich Raffel mit dem Lilienthal-Doppeldecker erneut von einer Düne in Kalifornien in die Luft – und fliegt. Eine Weltpremiere, die mit einem Jubelschrei endet: „Juhhh!“.

Eigene Garage

Die Nachbarn in Göttingen bemerken, wenn überhaupt, dass Markus Raffel ein technikbegeisterter Bastler ist. Einen alten VW-Käfer hat er zum E-Käfer umgebaut, ist damit der Zeit und dem VW-Werk voraus. Dass in dem Anbau seines Reihenhauses im Ostviertel aber einmalige Fluggeräte lagern, wissen nur Eingeweihte: Es sind die Nachbauten von Lilienthals Ein- und Doppeldecker. 

Pilot und Nachbau: Markus Raffel und der großen Doppeldecker von Otto Lilienthal. 

Den Eindecker hat Raffel nach den Originalplänen selbst gebaut. Den Doppeldecker ließ er bauen, von Technikern im Lilienthal-Musum in Anklam und kaufte das Gerät dann für rund 14 000 Euro.

Arbeitgeber DLR

Nach einigen technischen Verfeinerungen transportiert Raffels Arbeitgeber DLR – das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt – das Gerät im Sommer 2019 nach Kalifornien. Dort arbeitet Raffel für ein Projekt der US-Raumfahrtbehörde Nasa.

Düne in Kalifornien

Sein Flugfeld ist bereits bekannt und bereitet: Es ist die selbe Düne bei Monterrey an der Westküste, die sonst von Gleitfliegern in ihren modernen Drachen genutzt wird, und von der Markus Raffel im Jahr zuvor 100 Meter mit Lilienthals Eindecker geflogen ist und bewiesen hat, dass „das Gerät um alle drei Achsen stabil ist, sicher hangabwärts gesteuert und einfach gelandet werden kann“.

Gleichmäßiger Wind

„Der Wind dort ist optimal, er weht sehr gleichmäßig, ohne Verwirbelungen und wird immer ab Mittag stärker“, beschreibt der Aerodynamiker, der auch sonst mit wissenschaftlichen Know-how und Akribie die Flüge vorbereitet hat. So optimiert er das in Anklam gebaute Fluggerät zu Hause. „Ich wollte damit ja fliegen – bis zu 15 Meter hoch.“ Raffel möchte seine Flüge heil überstehen, und eben nicht Lilienthals Schicksal erleiden: Der stürzt – nach hunderten erfolgreicher Flüge – 1896 am Gollenberg bei Stölln ab und verletzt sich tödlich. Das bringt ihm damals auch Spott ein.

Schritt für Schritt

Schritt für Schritt vom Laufen ins Gleiten, ins Fliegen zu kommen, das war der Grundsatz Otto Lilienthals. Den setzen Markus Raffel und seine Mitstreiter Markus Krebs und Felix Wienke ab 2017 fort. Sie ziehen den Eindecker zunächst per Auto und fixiert in die Luft. Das DLR startet Versuche im Windkanal. Am Ende stehen die Flüge an der kalifornischen Westküste.

Versuche mit Auto

So läuft es 2019: Wieder gibt es auch die – gesicherten – Versuche mit dem Auto. „Das war extrem wichtig für die Trimmung. Der Doppeldecker muss ja auf meinen Körper, die Maße und das Gewicht, genau eingestellt werden.“ Es gilt, Schaukelbewegungen zu vermeiden. Diese können laut Raffel auftreten, das Fluggerät könnte als Folge daraus zu schnell steigen oder seitlich kippen. Was vermutlich auch Lilienthal 1896 zum Verhängnis wurde.

Optimal vorbereitet

2019 sind Pilot und Doppeldecker optimal vorbereitet, auch wenn Markus Raffel deutlich größer und schwerer als Lilienthal ist. Und es klappt, nach einem Anlauf schwebt Raffel im Marina State Dune Park, nur mit Helm und Kniepolstern geschützt, von der Düne auf den Strand – zunächst etwas nach links versetzt, aber mit einer perfekten Landung.

Zweiter Pilot

Kurz darauf überlässt Markus Raffel das Fluggerät noch dem Gleitflieger-Lehrer und Stunt-Man, Andrew Beem. Der fliegt gleich so, als hätte er nie etwas anderes getan. „Er hat ein sensationelles Fluggefühl“, schwärmt Markus Raffel, der so auch das Pioniergefühl teilt. „Ich hatte das ja schon mit dem Eindecker.“ Der sonst eher introvertierte Pilot Markus Raffel jedenfalls beschreibt das Fluggefühl mit den Lilienthal-Gleitern als „berauschend“. Der Kalifornier Beem reagierte übrigens exakt wie der Göttinge nach dem Flug: „Juhhh!“ 

Das Fluggerät wird Markus Raffel übrigens dem Lilienthal Museum in Anklam als Dauerleihgabe zur Verfügung stellen. Mehr noch: Der 2018 geflogene Eindecker wird an das Technische Museum Berlin gehen. In der heimischen Bastel-Garage ist ohnehin nicht genug Platz. "In den Museen stehen die Fluggeräte gut", sagt Markus Raffel. Video: www.dlr.de

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