Max-Planck-Institut testet Geräte für Weltall-Einsatz

Weltweit einzigartig: Weltraum in der Stahl-Trommel

Göttingen. Der Weltraum schwebt auf sechs Din-A-3 großen, nur Zentimeter dünnen, mit zwei bar gefüllten Luftkissen im Schneckentempo in die Halle des Max-Planck-Institutes für Sonnensystemforschung (MPS).

15 Kubikmeter Weltraum werden dort am Freitag durch Tore, Türen und um Ecken im Neubau an einen exakt vermessenen Ort gesteuert. Es ist eine Vakuumkammer, knapp drei Meter hoch, acht Meter lang und elf Tonnen schwer, die von Spezialisten in die Halle manövriert wird. Sie soll einmal den MPS-Wissenschaftlern neue Forschungsmöglichkeiten eröffnen, weil sie auch mit Sonnen- und Sternenlicht beleuchtet werden kann.

„Das ist ein ganz besonderes Stück“, sagt Laborleiter Werner Deutsch, der den Transport mit großen Augen verfolgt, sieht, wie die Experten von Schenker-Spezial den Stahlzylinder auf Luftkissen über den spiegelglatten Boden gleiten lassen, angeschoben nur von vier Händen.

Fünf Stunden wird es am Ende dauern, bis das Stück Weltraum auf den metallfarbenen Kreisen im Gebäude gelandet ist. Dort werden später nach Anschluss der Thermo-Vakuum-Kammer super-saubere Bedingungen herrschen, der Zugang nur durch mehrere Schleusen und in Spezialkleidung möglich sein.

„Es geht darum, die optimalen Bedingungen für die Experimente zu schaffen“, sagt Laborleiter Deutsch. Optimal, das heißt, so rein wie möglich – wie im Weltraum.

Damit das möglich ist, wurde schon beim Bau durch das kleine (15 Mitarbeiter) Unternehmen Just Vacuum Feinarbeit geleistet. „Wir haben schon Vacuum-Kammern gebaut, aber das ist die größte. Sie ist ein Prestigeobjekt für uns“, sagt Gerhard Just. Sie ist im Inneren von minus 170 bis plus 100 Grad temperierbar. Die Außenhülle kann auf 180 Grad erhitzt werden, „damit sich kein Kondenswasser bildet“, wie Just erklärt.

Kammer mit Sonnenlicht

Der Konstrukteur weist auf eine weitere Besonderheit hin: den Anschluss an der Oberseite, wo ein Kanal angedockt wird, durch den Sonnen- und Sternenlicht in die Thermo-Vakuum-Kammer geleitet werden kann. Dafür sorgt ein Coelostat, das wie ein Lichtfänger wirkt und Licht vom Dach in die Kammer führt. „Damit sind wir den Weltraumbedingungen noch näher, das ist wichtig für die Tests der Geräte, die dann später im Weltall bei Missionen zum Einsatz kommen“, erläutert MPS-Pressesprecherin Dr. Birgit Krummheuer. Dabei geht es vor allem um optische Instrumente, die die Sonne erforschen sollen.

Damit beschäftigen sich die Männer von Schenker-Spezial aber nicht. Sie schieben den 11-Tonnen-Koloss über einen Spalt im Fußboden, der den Transport des „Weltalls“ hat ins Stocken geraten lassen. Doch mit Erfindergeist lösen sie das Problem. Am Mittag steht die Kammer, die am Vortag in Landstuhl auf die Reise gegangen ist, am Platz.

„Es war doch sehr spannend für uns“, bilanziert Werner Deutsch die Aktion. „Wir wussten ja nicht, ob die Kammer durch alle Türen passt.“ Gleichwohl hatte man vorgesorgt, schon in der Ausschreibung das Tormaß von drei-mal-drei Meter genannt.

Hintergrund

1,4 Millionen Euro kostet die weltweit einzigartige Thermal-Vakuum-Kammer, die nun im Neubau des Max-Planck-Institutes für Sonnensystemforschung (MPS) in Göttingen steht. In ihr sollen Geräte und Materialien geprüft werden, die später bei Missionen im Weltfraum unterwegs sein werden.

Die Besonderheit der Kammer: Sie verfügt übr einen fünf Meter langen Tisch, der komplett aus dem Stahlzylinder herausgezogen wird. Das erleichtert den Versuchsaufbau. Außerdem wird die Kammer über einen Kanal durch das Dach mit Sonnen- und Sternenlicht versorgt. Diese Möglichkeit gab es in den kleineren Vakuum-Kammern im MPS bisher noch nicht. Der Umzug des MPS von Katlenburg-Lindau nach Göttingen soll im Februar 2014 beendet sein.

Von Thomas Kopietz

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.