Zu wenig Organspender: Primatenzentrum forscht an Alternativen

Spenderorgane sind knapp: Die Forscher suchen nun nach Alternativen. Die Idee: Tierorgane könnten ein Ausweg sein. Foto: dpa

Göttingen. Die Warteliste ist lang und tödlich: In Deutschland hoffen mehr als 10.000 schwerstkranke Menschen auf ein Spenderorgan wie Niere oder Herz - für manche kommt es zu spät.

In Göttingen forschen Wissenschaftler an Alternativen zur Transplantation menschlicher Organe wie der Übertragung von tierischem Organgewebe (Xenotransplantation).

Vierjähriges Projekt

Das Deutsche Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen ist an einem vierjährigen Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beteiligt, bei dem es um die Xenotransplantation geht und zwar von der Grundlagenforschung bis zur klinischen Anwendung, also der Versorgung von Patienten. Die DFG pumpt nach ersten Erfolgen nun weitere 15 Millionen Euro in den Forschungsverbund mit vielen Experten auf dem Gebiet der Organersatzverfahren. Das Primatenzentrum in Göttingen erhält 1,5 Millionen Euro und nimmt im weiteren Verlauf der Forschung eine Schlüsselrolle ein.

Tests an Affen

Die DPZ-Forscher werden mit Kollegen die Transplantation von Schweineherzen und Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüsen in Pavianen, Rhesusaffen und Javaner-Affen erforschen. Verbessert werden sollen so die immunologischen Bedingungen und Methoden der Übertragung sowie das Verständnis von Abstoßungsreaktionen, die ein großes Problem bei Transplantationen, zumal wenn es um tierische Materialien geht, darstellen. Denn: Fremdmaterial wird vom menschlichen Immunsystem angegriffen.

Keine Alternative 

Eine Alternative zu der tiergestützten Forschung für Organersatzverfahren gibt es laut der DPZ-Forscher nicht, zumal auch klare Vorschriften zu beachten sind: Bevor Xenotransplantate bei kranken Menschen eingesetzt werden, müssen die Methoden an Tiermodellen getestet werden, wie Yvonne Knauf, verantwortliche DPZ-Tierärztin im Kooperationsprojekt, betont. Folglich sind nun Machbarkeits- und Sicherheitsstudien mit Affen an der Reihe, weil zuvor erfolgreiche Übertragungen bei Mäusen und Ratten funktioniert haben - so von Bauchspeicheldrüsen-Zellen.

Erste Ergebnisse

Überhaupt machten die Ergebnisse der ersten Projektphase Mut: Dabei konnten Organe und Gewebe aus Schweinen gewonnen werden, die die Immunreaktion - also die Abstoßungsvorgänge - im Menschen deutlich verringern können. Mehr noch: Zwei Transplantationsansätze mit Schweineherzen stehen kurz vor der klinischen Anwendung.

Hoffnung für alle 

All diese Schritte nähren die Hoffnung von Forschern, Ärzten und Patienten, dass sich die dramatischen und weltweit vorhandenen Zustände auf den Organ-Wartelisten verbessern könnten. Grundsätzlich aber wird sich am Mangel-Zustand vorerst nichts ändern, wie Franz-Josef Kaup, Projektleiter am DPZ, sagt: „Verstärkt wird das Problem durch den Anstieg degenerativer Erkrankungen in einer alternden Gesellschaft und gehobene Ansprüche an Gesundheit und Lebensqualität.“ Deshalb ist die Forschung an Alternativen für Kaup „ein drängendes Thema unserer Zeit“.

Viele Beteiligte 

Beteiligte im Verbund sind neben dem DPZ auch Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München, des Carl Gustav Carus Universitätsklinikums und des Paul-Langerhans-Institutes Dresden sowie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Hintergrund: Wartelisten für Organe sind lang

Aktuell warten allein in Deutschland nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) mehr als 10.000 Patienten auf ein Spenderorgan, davon etwa 8000 auf eine Niere - nur ein Drittel von Organen können überhaupt vermittelt werden. Fünf Jahre dauert deshalb die durchschnittliche Wartezeit auf eine Niere. Die Wartesituation hat dramatische Folgen: Bei Patienten, die beispielsweise auf ein Spenderherz warten, sterben jährlich etwa 17 Prozent vor der Transplantation.

Im ersten Halbjahr 2016 wurden in Deutschland 421 Lebendorgane gespendet. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum waren es 464, 2014 lediglich 435 und 2010 rund 650. Bei Organen, die nach dem Tod (postmortal) entnommen wurden, waren es im ersten Halbjahr 2016 genau 1397, im Vorjahr 1557.

Transplantiert wurden von Januar bis Juni, also im ersten Halbjahr 2016, in Deutschland insgesamt 1448 Organe. Davon: Niere (715), Leber (401), Herz (139), Lunge (140), Bauchspeicheldrüse (51), Dünndarm (2). Für die Vergabe der Transplantate ist übrigens die zentrale Vermittlungsstelle Eurotransplant (ET) im niederländischen Leiden zuständig.

Informationen zum Thema Organspende können unter E-Mail infotelefon@organspende.de angefordert werden. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.dso.de.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.